Generationenkonflikt Krieg den Philistern
Statt Klassenkampf: Deutschland ist seit Jahrhunderten eine Nation des Generationenkonflikts
Die zornige Frage nach der „Generationengerechtigkeit“ ist mit solch überraschender Wucht über die deutsche Politik hereingebrochen, dass die historischen Vorläufe und Parallelen, die es gerade bei uns gibt, noch kaum in den Blick geraten sind. Dass unser Sozialsystem die Jungen benachteiligt, war zwar schon lange bekannt. Aber erst der Verdruss über eine problemscheue Regierung hat die Demografie und ihre unbewältigten Folgen nachgerade zu einem Symbol der Zukunftsvergessenheit gemacht.
Tatsächlich ist Deutschland seit Jahrhunderten die klassische Nation des Generationenkonflikts. Für Revolution und Klassenkampf ist dieses Land, so wurde oft bemerkt, nicht geschaffen; Respekt vor der Obrigkeit und dem Eigentum sitzen tief. Streikende und Demonstrierende genießen in Frankreich, dem Land des Bastille-Sturms, einen Sympathievorschuss, während sie hierzulande eher als verkehrsbehinderndes Pack gelten. Ihr Rebellionsbedürfnis leben die Deutschen im Gegeneinander von Alterskohorten aus, das sich als Leitmotiv durch unsere Geschichte zieht.
In einer mehr kulturell als politisch profilierten Nation ging es dabei gern um Geist und Kunst. Der Sturm und Drang wirkt wie eine literarische Halbstarkenrevolte gegen den zopfigen Vernunftglauben ältlicher Aufklärer. Die Romantiker waren die leicht aussteigerhafte, später hätte man gesagt: alternative Herausforderung des Weimarer Klassik-Establishments. „Junges Deutschland“, „Jugendstil“ – manchmal trugen die Kunstbewegungen ihren Generationscharakter schon im Namen. Von den Burschenschaften bis zum Wandervogel zieht sich eine Linie gefühlsbetonter und konventionsverachtender Juniorenkultur, angewidert von biedermeierlichen Philistern oder wilhelminischen Gehröcken. Die jungen Frontsoldaten des Ersten Weltkriegs, vom Typus Ernst Jünger, sahen sich als Abenteurer und Erneuerer, die eine sklerotische und dekadente Friedenswelt hinter sich ließen. Und es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Anmutung brutaler Frische auch zum Erfolg des Nationalsozialismus beigetragen hat, während die Weimarer Republik mit ihrem verspätet in Deutschland installierten Parlamentarismus irgendwie großväterlich und anachronistisch erschien.
Das Generationsmotiv ist auch nach 1945 in der Bundesrepublik prominent geblieben. Bis heute ist das berühmteste politisch-gesellschaftliche Kollektiv in Deutschland keine ideologische Familie, keine Parteirichtung und keine sozialökonomische Schicht, sondern eine Altersgruppe, „die 68er“. Ihr Protest galt am Ende weniger dem Kapitalismus oder dem Vietnamkrieg als den eigenen Eltern. Und als die 68er nach dem Mauerfall als überlebte Spätblüte der nun erledigten Bundesrepublik abgetan werden sollten, geschah es wieder im Namen neuer Politjahrgänge, die jetzt als „89er“ oder als „Generation Berlin“ auftraten.
Etwas Entscheidendes aber ist anders beim aktuellen Konflikt zwischen Alt und Jung. Vom Sturm und Drang bis zum 68er-Streit ging es um kulturelle Differenzen und Gegensätze – die Jungen wollten anders leben, denken und schreiben als die Alten, sie wollten nicht sein wie ihre Vorgänger und Erblasser, sie wollten die Welt anders einrichten, als sie sie vorgefunden hatten. Dieses ideologische Moment fehlt bei den neuen Unmutsgründen der Jüngeren, ob nun von der Rente die Rede ist, vom Pisa-notorischen Schulversagen oder von einem Kündigungsrecht, in dem Betriebszugehörigkeit vor Entlassung schützt, das Engagement eines Berufseinsteigers aber nicht. Die Auseinandersetzung dreht sich nicht länger um Weltanschauungen und Lebensformen, sondern um Ressourcen und Budgets, um das Stück vom Kuchen, ums Geld. Der Generationenkonflikt ist zum Verteilungskampf geworden.
Das kann auch kaum anders sein. Die Gruppen unserer Gesellschaft, besonders aber die Generationen, unterscheiden sich nicht mehr markant in ihren Werten und Vorlieben. Wenn Mütter ihren Töchtern „wie eine Freundin“ sein wollen, wenn sie dieselbe Musik hören und eigentlich auch mit Männern die gleichen Freuden und Probleme haben wie die Mädchen ums Abitur herum – dann mangelt es am Stoff zum Konflikt. Es gibt keine Kleidungsvorschriften mehr zu verletzen, keine Kunstnormen zu verachten, keine Sexualtabus zu brechen. (Genauer gesagt: Die offizielle Erwachsenenwelt hat dergleichen weitgehend aufgegeben, in der Jugend- und Subkultur gelten nach wie vor strenge Regeln.) Alte Leute wollen oder sollen Jungsenioren sein und das Leben genießen; Kinder müssen sich mit Grundschulenglisch und Computerkursen für den globalen Wettbewerb rüsten. Wo Väter ihren Söhnen früher das Jagdgewehr oder die Einspritzpumpe am Auto erklärten, da verstehen sie heute den Gameboy des Kindes nicht mehr. Das Autoritätsgefälle, die Rollenverteilung und die Mentalitätsunterschiede zwischen den Altersstufen sind nicht verschwunden, aber doch verwischt.
Der Streit um die Rente braucht einen solchen Überbau nicht. Vielleicht ist es aber auch umgekehrt: Wo es um Symbolisches und Prinzipielles keine Auseinandersetzung mehr gibt, muss sich der unvermeidliche Verdrängungswettbewerb der Generationen konkretisieren und materialisieren, vom Geist aufs Geld verlagern. Denn ganz ohne Vatermord und Mutterflucht geht es offenbar nicht, in keinem Leben und in keinem Jahrgang. Es ist eine offene Frage, ob die Entideologisierung des Generationenkonflikts ihn leichter zu beherrschen und zu schlichten macht. Oder ob es nun nach Ablegung der Galauniformen und Theaterkostüme im Kampfanzug so richtig zur Sache geht.
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 06/2003
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







