Weil die europaweite Normierung der Salatgurkenkrümmung unsere Herzen nicht wirklich anrührt, hat man sich in Brüssel die Sache mit der Kulturhauptstadt einfallen lassen. Die soll dem kalten Gebilde namens Europäische Union eine Seele einhauchen. Dieses Jahr ist es die Seele einer Avantgardistin, die immer ein wenig darunter gelitten hat, dass sie bloß am Horizont der internationalen Aufmerksamkeit liegt: Graz. Zweitgrößte Stadt Österreichs. 250000 Einwohner. Sitz der steirischen Landesregierung. Randlage. Weltkulturerbe der Unesco. Provinzkomplex. Wienfixiert. Heimliche Hauptstadt der deutschsprachigen Literatur. Veranstaltungsort diverser Avantgardefestivals. Namensgeberin für eine Schule avancierter Architektur. Wie ist so eine Seele möbliert? Welche Monstren haben sich häuslich in ihr eingerichtet? Welche engelsgleichen Geschöpfe? Und werden wir uns in alledem wiedererkennen? © Foto [M]: Paul Ott/Graz 2003

Die klassische Grazer Avantgarde residiert in der Portiersloge eines barocken Palais. Dort, im Zentrum der Altstadt, in zwei dunklen Räumen mit vergitterten Fenstern, hat Alfred Kolleritsch sein Büro. Alle drei Monate gibt er eine Ausgabe der manuskripte heraus, der Zeitschrift für Literatur, und das seit nunmehr 42 Jahren. Nicht ohne fremde Hilfe, aber letztlich im Alleingang, geschlagen mit der Beharrlichkeit eines Mannes, der sich an seine Vision gewöhnt hat. Die manuskripte, das sind Kolleritsch und Kolleritsch, das ist ein Teil der Kulturgeschichte dieses Landes.

Er hat den jungen Peter Handke gedruckt, Wolfgang Bauer, H. C. Artmann, Raoul Hausmann, Jandl, Enzensberger, Jelinek, Aichinger, Mayröcker. Er hat sich in den Zug nach Wien gesetzt, um Oswald Wiener immer neue Kapitel seines stilbildenden Textes die verbesserung von mitteleuropa, roman abzutrotzen; bekommen hat er sie manchmal erst nach zweitägigem Herumlungern vor der Wohnungstür des bewunderten Schriftstellers, der nirgendwo sonst in Österreich publiziert wurde. Nur in Graz, weitab von der einzigen wirklichen Großstadt dieses Landes, nämlich Wien.

Doch das Graz des Alfred Kolleritsch war mehr als ein viel bestauntes Zentrum zeitgenössischer Literatur. Es war das erste Zuhause, das die lokale und internationale Moderne in Österreich bekam, und das zwei Jahrzehnte lang. Es entstand das forum stadtpark und mit ihm kamen Ausstellungen, Videokunstfestivals, Skandale, Ohrfeigen, Symposien, der eine oder andere Pornografie-Prozess nach Graz. Ein paar Jahre später dann wurde das Festival steirischer herbst gegründet, das all die Kunst und die Ohrfeigen einmal pro Jahr reinszenierte – und damit zur festen Einrichtung der Stadt machte.

In den sechziger und siebziger Jahren war das, in den aufregenden und heroischen Tagen der Avantgarde, als mit jedem neuen Satz, Theaterstück, Kunstwerk und Videoband die Welt neu erfunden und die vermuffte Stadt, die vermuffte Steiermark herausgefordert wurden. Das fiel nicht allzu schwer, erhielten doch noch zu Beginn der Sechziger nationalsozialistische Dichter offizielle Literaturpreise – von sturköpfigen Politikern jener konservativen Partei, die das Schicksal des Landes von jeher dominiert. Und die damit jeden daran erinnerten, dass Hitler Graz den Ehrentitel "Stadt der Volkserhebung" verliehen hatte.

Paradoxerweise waren es einzelne Männer derselben Partei, der ÖVP, die es der Avantgarde gestatteten, sich zu entfalten. Will man Genaueres über diese für Fremde irritierende kulturpolitische Konstellation erfahren, muss man in Graz nur den Namen Hanns Koren nennen; und schon kann man sie hören, die Geschichten von jenem Kultur-landesrat, der zugleich Ordinarius für Volkskunde an der Grazer Uni war, wie er mit der Fähigkeit begabt war, zuzulassen, was ihm bisweilen selbst unverständlich blieb, und wie er dann auch noch den Kopf dafür hinhielt.

Heroische Tage. Ferne Tage. Tage, auf die mittlerweile das Grazer Tourismusbüro verweist, sucht es nach einem Verkaufsargument für leere Hotelbetten. Und Tage, die manchem in dieser Stadt zum Halse heraushängen, weil sie immer wieder ins Treffen geführt werden, wenn sie beklagen, wie mies es um die Kultur der Stadt bestellt ist, heute und jetzt.