Gäbe es die Atombombe als Pokal für die misslichste geostrategische Lage auf dem Globus, Iran hätte sie verdient. Klingt absurd? Nicht aus Sicht des Iran. Das Land fühlt sich schon heute eingezwängt in einen Schraubstock amerikafreundlicher und zum Teil nuklear bewaffneter Mächte: Israel und die Türkei im Westen, Afghanistan, Pakistan und Indien im Osten. Und nun droht der "große Satan" sich auch noch im Nachbarland Irak einzurichten. In Teheran wächst die Angst, nach dem Feldzug gegen Saddam könne Iran der nächste Kandidat auf der amerikanischen Zielliste der Proliferationsstaaten (vulgo: "Achse des Bösen") sein. © ZEIT-Grafik

Das Atomprogramm der Islamischen Republik ist Washington seit langem ein Dorn im Auge. Mittlerweile kann als sicher gelten, dass es nicht nur zivilen Zwecken dient. Es wird nicht mehr lange dauern, warnen Experten, bis Iran in der Lage ist, Nuklearwaffen zu produzieren. Und ein Krieg im Irak könnte das antiwestliche Mullah-Regime zusätzlich zur Eile treiben. "Aus der Krise in Nordkorea kann man die Lehre ziehen: Man muss sich möglichst schnell Nuklearwaffen zulegen, wenn man als Mitglied der ‚Achse des Bösen‘ nicht angegriffen werden will", sagt William Hopkinson, ehemals Chef der Abteilung für Waffenkontrolle im britischen Verteidigungsministerium und heute Proliferationsspezialist am Londoner Royal Institute for International Affairs.

Während der Countdown zum Irak-Krieg läuft, bleibt unklar, wie Amerika mit dem immer muskulöseren "Schurken" Iran verfahren will. Bleibt am Ende nur, die Baustellen zu bombardieren, um eine nukleare Trutzburg im Mittleren Osten zu verhindern? Es wäre nicht der erste Angriff dieser Art in der Region: Schon 1981 zerstörten israelische Kampfflugzeuge das im Bau befindliche Kernkraftwerk Osirak im Irak.

Iran werde in den nächsten zwei Jahrzehnten eine atomare Infrastruktur mit einer Leistung von 6000 Megawatt aufbauen, verkündete der iranische Vizepräsident Gholamreza Aghazadeh im vergangenen September. Aus Russland ergießt sich ein unkontrollierbarer Fluss von Nukleartechnik und atomarem Know-how nach Iran. In ihrer Heimat verdienen manche russische Wissenschaftler nur 50 Dollar im Monat. In Iran bekommen sie 5000.

Schon 2004 soll das erste mit russischer Hilfe gebaute Atomkraftwerk in Buschehr ans Netz gehen, fünf weitere sollen in den nächsten Jahren folgen. Atomkraftwerke in einem Land, das auf Öl und Gas schwimmt – an ein Programm zur Stromerzeugung mochten Proliferationsexperten von Anfang an nicht glauben.

Atomstrom? Wohl kaum

Neue Satellitenbilder zeigen nun, dass sich hinter dem vermeintlich zivilen Großprojekt kaum etwas anderes verbergen kann als ein nuklearer Aufrüstungsversuch. Die Aufnahmen weisen in die Wüstenregion unweit der Stadt Isfahan. Zwischen den Ortschaften Schahrida und Fulaschan, fünf Kilometer außerhalb Isfahans, erstreckt sich ein riesiges, militärisch streng gesichertes Areal. Radarsysteme vom russischen Typ Raduga SPK-75P kontrollieren den Luftraum. Abwehrgeschütze russischer Herkunft sichern vor Angriffen aus der Luft.

Das Kernstück des weitläufigen Areals ist eine Uranumwandlungsanlage. In ihr soll vom kommenden Jahr an Hexafluorid UF 6 gewonnen werden – der Grundstoff für waffenfähiges Uran. Tunnelsysteme führen zum unterirdischen Teil der Anlage. Die Atomfabrik, das zeigen die Satellitenbilder, steht kurz vor ihrer Fertigstellung. Für friedliche Zwecke ist die Anlage überflüssig. Denn Moskau und Teheran vereinbarten in ihrem Atomdeal, dass Russland sämtliche Brennstäbe liefert und verbrauchte auch wieder zurücknimmt.