Was mögen sie wohl gedacht haben, die Menschen der frühen siebziger Jahre, als sie dieses Buch aufschlugen und lasen, dass postillonage nichts mit der Zustellung von Briefen zu tun hat. Dass dieses schöne französische Wort für etwas ganz anderes stand, für eine ziemlich einfache Steigerung sexueller Lust. Eine sehr einfache sogar. Aber hey: Darauf musste man erst einmal kommen! Das musste einem erst mal jemand sagen – und dieser Jemand war Alex Comfort.

Sie brennen darauf zu erfahren, was es denn nun mit der postillonage auf sich hat. Nun, wir kommen gleich dazu. Ein klein wenig Geduld, bitte! Geduld ist wichtig, sagt Comfort.

Nicht nur ein paar Betten werden gewackelt haben, auch die Gummibäume in den mit Blähton gefüllten Töpfen und ein bisschen auch die ganze Welt. Vor 30 Jahren war das Erscheinen von Alex Comforts The Joy of Sex Auslöser einer gewaltigen Eruption. Ein Buch, in dem explizit gesagt und gezeigt wurde, was man bis dahin bloß von Kamasutra- Indern kannte oder von Hasch rauchenden Freie-Liebe-Hippies.

Die sexuelle Revolution überrannte die Barrikaden des Spießbürgerlichen und verschaffte sich Eintritt in das gemeine Schlafzimmer. Nun war nicht mehr krank oder abartig, wer sich informierte, wie man mehr Spaß bei der Sache haben könnte. The Joy of Sex passte auch gut ins Massivholzbücherregal im Wohnzimmer zwischen Joyce und den Klimt-Bildband – kein Aufschrei des Ekels, wenn der Besuch bei einem Gläschen Eierlikör es entdeckte, sondern eher ein munteres "na, na" oder ein anerkennendes "aha!". Das Werk war ein must für den aufgeklärten und aufgeschlossenen Zeitgenossen.

Dem Millionenbestseller folgte eine bis heute anhaltende Flut von Sexbüchern, Stellungsatlanten und Lebenshilfen für die Angelegenheiten unter oder neben den Daunendecken. Jetzt gibt es eine neu überarbeitete Version von Joy of Sex. Leider kann Alex Comfort das nicht mehr miterleben. Er starb mit 80 Jahren im März 2000. Sein Sohn schrieb das Werk fort.

In den letzten 30 Jahren ist auf dem Gebiet der menschlichen Sexualität einiges passiert. Die Kampfzone wurde ausgeweitet und ausgeweidet. Vor 30 Jahren sprach noch niemand von Aids. Vor 30 Jahren gab es noch keine Video-Industrie (wer schmierige Filmchen schauen wollte, musste den Gang ins Sexkino auf sich nehmen) und kein in die Nacht hinein stöhnendes Privatfernsehen. Wer am Kiosk nacktes Fleisch wollte, musste zur Fachpresse greifen (Playboy , Praline), und Frauenzeitschriften veröffentlichten noch keine Titelgeschichten wie Fesselsex zum Frühstück.

Ein Kochbuch fürs Bett – doch nicht alle Rezepte regen den Appetit an