Die ZEIT-Schülerbibliothek (14)Raus aus der Angst

von Lützeler

Wann ist ein Roman ein Welterfolg? Wenn seine poetischen Bilder sich in Gedächtnis und Gemüt einprägen? Wenn die Handlung so spannend ist wie in einem Thriller? Wenn die psychischen Befindlichkeiten der Figuren als die eigenen erkannt werden? Wenn die gesellschaftlichen Umstände und politischen Verhältnisse befreiend genau festgehalten sind? Wenn eine Liebesgeschichte so packend und neu erzählt wird, als gäbe es die zahllosen bereits geschriebenen Romanzen gar nicht? Wenn all das zusammenkommt, dann strömen die Leser in die Buchhandlungen, laufen die Druckmaschinen heiß, schreiben sich die Übersetzer die Finger wund und kommen die Journale mit ihren Besprechungen und Autoren-Interviews nicht nach. war ein solcher Welterfolg.

Fallada hat nicht die geistige Statur eines Goethe. Aber was der Roman Die Leiden des jungen Werther für das aufstrebende Bürgertum des späten 18. Jahrhunderts war, das ist 150 Jahre später Kleiner Mann – was nun? für die verunsicherten Massen der Arbeiter und Angestellten in der Weltwirtschaftskrise. Goethes Werther empört sich über soziale Grenzen, die ihm in einem aristokratisch dominierten Staat gesetzt sind; Falladas Pinneberg wird zermürbt von einer bürgerlichen Konkurrenzgesellschaft, in der die Furcht vor der Arbeitslosigkeit umgeht. Fallada hat einen der großen Gesellschaftsromane der Weimarer Republik geschrieben, ein Buch, das Provinz- und Großstadtroman ist. Er hat eine Lovestory erfunden, in der konventionelle und neue Tendenzen so ineinander übergehen, dass sich breite Leserschichten mit dem Schicksal der Romanfiguren identifizieren konnten. Pinneberg erleidet kein Werther-Schicksal. Seine Frau („Lämmchen“) ist von einer legendären psychischen Robustheit. Lämmchen sieht sich als „Aschenputtel“, und bestimmt gehörte ein Märchenprinz zum Personal ihrer Jugendträume, aber sie lebt im Armutsalltag, ohne Mut und Zuversicht zu verlieren.

Kleiner Mann – was nun? ist vor allem ein Roman über die Angst vor dem sozialen Abstieg, vor der Ausgeschlossenheit aus der Gesellschaft. Die weltweite, nicht mehr regional begrenzte Arbeitslosigkeit war eine neue Erfahrung in der Massengesellschaft des industriellen Zeitalters. Sie war so etwas wie eine soziale Pest, die Millionen von Menschen deklassierte oder gar ins Verderben stürzte. Diese gesellschaftliche Krankheit ist auch heute nicht überwunden, und so spricht das Buch immer noch existierende Realitäten an. „Raus aus der Angst“ ist Pinnebergs großer Wunsch. Es sind die Ängste des kleinen Angestellten, die Fallada in allen Facetten beschreibt. Pinnebergs Panik im beruflichen Alltag und der Verlust seiner Selbstachtung während der Arbeitslosigkeit sind so komplex geschildert, dass sie das sozial Besondere ihrer Zeit transzendieren.

Romanciers sind oft gute Historiker. Durch Falladas Buch lernt man bestimmte Aspekte der geschichtlichen Konstellation im Deutschland der Jahre um 1930 besser verstehen. Die aufgestaute Wut über die Hilflosigkeit in der Not macht Pinnebergs Empfänglichkeit für extreme politische Parolen verständlich. Anfänglich sympathisiert Lämmchen vage mit radikal-sozialistischen Ideen, wie am Ende auch ihr Mann. Aber das bleibt in beiden Fällen folgenlos. Von den Nationalsozialisten will das junge Ehepaar nichts wissen. Die Nazis werden als Schlägertypen und Dummköpfe eingestuft. Bezeichnend ist im Roman das Lauernde, Abwartende gegenüber dem Nationalsozialismus bei den Vertretern des unternehmerischen Mittelstands. Die machen ihre Einstellung zur Hitler-Partei von deren Abschneiden bei der nächsten Wahl abhängig. Fallada erzählt in seinem Beststeller auch von der Berliner Halbwelt um 1930. Pinnebergs Mutter hat es von der Bar- und Animierdame zur Inhaberin eines Etablissements gebracht, in dem sich Besserverdienende ein Stelldichein mit leichten Mädchen geben.

Fragt man, wer die Hauptfiguren des Buches sind, scheint die Antwort leicht zu fallen: Lämmchen und Pinneberg. Aber hinter den Protagonisten werden Triebkräfte und Prinzipien spürbar, die so wichtig sind wie die Personen selbst, weil sie ihr Handeln bestimmen: Liebe und Hoffnung, Arbeit und Ansehen, Geld und Sexualität. Pinneberg braucht die Arbeit als Medizin gegen seine Absturzängste; sie vermittelt ihm Lebenssinn und Agilität. Lämmchen ist die Einzige, die das erkennt. Sie wiederum vertritt Tugenden, die sich mit Hoffnung und Verantwortung umschreiben lassen. Mit der Liebe in gefühlskalten Zeiten will sie ihren arbeitslosen Mann vor der gänzlichen Isolation und Vereinsamung bewahren. Hinter der ärmlichen Erscheinung der großen Frau des kleinen Mannes verbirgt sich – wie bei Aschenputtel – die Schönheit und Weitherzigkeit einer Märchenkönigin.

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