Frieden oder Krieg? Es gibt Menschen in diesen Tagen, denen die Irak-Frage gleichgültig ist. Sie sehen ihre Dörfer brennen und ihre Landsleute sterben. Sie beschäftigen sich so wenig mit den Ängsten der Welt, wie sich die globale Öffentlichkeit mit den ihren beschäftigt. Ihre Heimat liegt in den vergessenen Zonen, in der Elfenbeinküste zum Beispiel, und von diesem Staat ist im Allgemeinen nur bekannt, dass er enorme Mengen Kakao produziert. Ein Bürgerkrieg dort unten, irgendwo in Afrika, hat keinerlei Fernwirkungen.

Nur Frankreich, die ehemalige Kolonialmacht, sieht das anders. Nicht nur, weil rund 25 000 französische Staatsbürger zwischen Abidjan und Korhogo leben, sondern weil dieser Konflikt zu einem Flächenbrand werden und ganz Westafrika erfassen könnte. Elfenbeinküste - C'te d'Ivoire, die drittstärkste Wirtschaftsnation Schwarzafrikas, ist ökonomisch und demografisch so eng mit den Nachbarstaaten verflochten, dass ihr Zusammenbruch auch deren chronische Wirtschaftskrisen verschärfen würde

die Mehrzahl dieser Staaten gehört übrigens zum Cfa-Währungsverbund, der direkt an den Euro gekoppelt ist. Und noch ein Umstand kommt hinzu, der weit über die Region hinaus von Bedeutung ist: Es stehen sich nicht nur Regierungstruppen und Rebellen gegenüber, sondern Muslime und Christen.

Man muss diesen Bruderkrieg nicht zu einem "Kampf der Kulturen" hochstilisieren, gute Gründe für eine militärische Intervention gibt es dennoch. Frankreich hat 2500 seiner Legionäre an die Elfenbeinküste entsandt und wurde prompt der "neokolonialen Einmischung" bezichtigt. Außenminister Dominique de Villepin wehrte die Kritik verärgert ab: "Unsinn!" Ein angemessenes Wort. Denn die französischen Soldaten haben eine Waffenstillstandslinie zwischen die Fronten gezogen und ein schlimmeres Blutbad verhindert - vorerst.

Was am 19. September 2002 als Meuterei von unzufriedenen Soldaten begann, weitete sich in ein paar Tagen zum Aufstand und schließlich zum Bürgerkrieg aus. Drei Rebellengruppen eroberten den Norden und Westen des Landes und kontrollieren mittlerweile 60 Prozent seiner Fläche. Eine Million Menschen sind auf der Flucht. Aber wie konnte es überhaupt so weit kommen?

Ausgerechnet an der Elfenbeinküste, die vor nicht allzu langer Zeit noch als Hort der Stabilität galt? Um die Ursachen dieses Konfliktes zu verstehen, müssen wir im Geschichtsbuch ein paar Kapitel zurückblättern, ins Jahr 1993, als Präsident Félix Houphouët-Boigny starb. Der Alte, wie ihn die Ivorer nennen, hatte die 1960 in die Unabhängigkeit entlassene Republik 33 Jahre zwar autokratisch, aber recht erfolgreich regiert. Die Elfenbeinküste stieg zum größten Kakaoproduzenten der Welt auf, sie wurde als Wirtschaftswunderland gefeiert, als kapitalistisches Modell für Afrika. Man leistete sich gewaltige Prestigeprojekte, darunter die neue Hauptstadt Yamoussoukro, ein Monument der Großmannssucht, mit achtspurigem Highway, Protzbauten und einer Kathedrale im Stile der Neorenaissance, die sogar den Petersdom zu Rom überragt. Die korrupte Elite bediente sich kräftig an den Ressourcen des Landes, schon damals wuchs das Gefälle zwischen dem prosperierenden Süden und dem rückständigen Norden. Aber der Präsident verstand es, durch seine Patronage- und Proporz-Politik, die regionalen und ethnischen Differenzen einigermaßen auszugleichen. Die Elfenbeinküste war in diesen Aufstiegsjahren ein Magnet, der zahllose Wanderarbeiter aus Burkina Faso, Mali und Guinea anzog, überwiegend Muslime

sie verdingten sich auf den Plantagen der Kakaobarone oder im Speckgürtel an der Küste und wuchsen zu einem Heer von vier Millionen Immigranten an - ein demografischer Wandel mit Folgen.