Wiesbaden

Als Roland Koch bei den Landtagswahlen im Februar 1999 Hessen für die Union gewann, wirkte das wie ein allzu früher Wendepunkt. Drei Monate nach der schwersten Wahlniederlage ihrer Geschichte, dem Machtverlust in Bonn, dem Abgang des Patriarchen Helmut Kohl war es Kochs Überraschungssieg, mit dem die erschütterte Partei wieder Hoffnung schöpfte. Und für den jungen Ministerpräsidenten, den ersten aus der Generation der Kohl-Enkel, dem der Aufstieg an die Spitze eines Bundeslandes gelungen war, galt fortan eine klare Karriereperspektive: Würde er Hessen verteidigen, stünden ihm alle Türen offen.

Nun also ist es so weit. So unwahrscheinlich 1999 sein Erfolg gewesen war, so unwahrscheinlich wäre vier Jahre später seine Niederlage. Roland Koch wird Hessen wohl verteidigen. Dennoch bleibt ungewiss, ob sich mit einem neuerlichen Sieg auch alle weiteren Aufstiegsprognosen bewahrheiten. Genau genommen liegt darin die brisanteste Personalfrage der Union, vielleicht der Republik.

Denn Roland Koch ist nicht nur der durchsetzungsfähigste CDU-Politiker seiner Generation, sondern auch der umstrittenste. Peter Müller regiert im Saarland ganz ohne polarisierende Aktionen. Und Christian Wulff, der nun im dritten Anlauf Chancen hat, Niedersachsen zu gewinnen, galt von Beginn an als Wunschkandidat aller Schwiegermütter. Von Roland Koch lässt sich das schwerlich behaupten. Kalt, berechnend, konfrontativ, skrupellos, einschüchternd, brachial – die Liste unangenehmer Eigenschaften, aus denen sich das Bild des hessischen Ministerpräsidenten zusammensetzt, ist lang. Selbst die Frage, ob Roland Koch wie ein "normaler Mensch" wirke, wollten jüngst nur 48 Prozent mit einem klaren Ja beantworten.

Natürlich weiß er von den Hypotheken seiner bisherigen Laufbahn. Insbesondere die Unterschriftenkampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft, mit der er seinen ersten Wahlsieg vorbereitete, hat ihm das Image eines kalkulierenden, populistischen Machtpolitikers eingetragen. Ein Teil seines unbändigen Selbstbewusstseins bezieht Koch gerade aus der Tatsache, dass er sich vor vier Jahren gegen die breite Front der Kritik durchsetzen konnte. Aber der Fluch der bösen Tat, die seinerzeit als Initialzündung für seine bundespolitische Karriere diente, wirkt bis heute nach. Und Kochs zwiespältiger Ruf bekam weiteren Stoff. Kein Jahr nach seinem Sieg präsentierte er sich als ahnungsloser Parteichef, an dem vorbei die hessische CDU ihre illegalen Finanzierungspraktiken betrieben hatte. Zäh und mit äußerster Nervenstärke verteidigte er, über Monate hinweg am Abgrund, sein höchst gefährdetes Amt. Noch einmal litt seine Glaubwürdigkeit, als sich Kochs spektakulärer Wutanfall bei der Abstimmung über das Zuwanderungsgesetz im Bundesrat nicht als Ausdruck spontaner Emotion, sondern als geplante Inszenierung herausstellte.

"Ich hatte einen steinigen Weg", räsoniert Koch heute, wenn er über die Schlüsselereignisse der vergangenen Jahre spricht. Ja, es gibt diese Momente, in denen Roland Koch nicht den Unangreifbaren, von keinem Zweifel angekränkelten Machtpolitiker heraushängen lässt, sondern andersartige Sätze formuliert. "Ich finde es persönlich schade, dass ich vielen unsympathisch bin", sagt er dann und fügt hinzu: "Die Leute müssen mich nehmen, wie ich bin, oder einen anderen wählen. Ich kann mich nicht umbauen und will das auch nicht." Das klingt fast ein wenig fatalistisch. Und ist gar nicht so gemeint. Denn auch wenn Koch seine Grenzen erkannt hat und sein "Sympathieproblem" inzwischen offen benennt, so setzt er zugleich alles daran, zumindest seine politischen Charakteristika ein wenig zu korregieren. Im Grunde geht es in der gesamten hessischen Kampagne gar nicht mehr darum, den längst sicher erscheinenden Wahlsieg zu begründen. Wichtiger – und weit schwieriger – ist es für Koch, seine Ausgangsbasis für das bundespolitische Rennen zu verbessern, das danach anheben wird.

Das "Sympathieproblem"

Weniger konservativ, nicht ausländerfeindlich, unideologisch, politisch glaubwürdig, kooperations- und kompromissfähig – das ist das Kontrastprogramm, mit dem der hessische Ministerpräsident seit einiger Zeit versucht, für sich zu werben. Er präsentiert es als Quintessenz seines hessischen Wirkens. "Wir haben uns vorgenommen, die ideologische Auseinandersetzung einzustellen und die praktischen Probleme zu lösen", beschreibt er im Wahlkampf die Befriedung der jahrzehntelang umkämpften hessischen Bildungspolitik. Doch solche Worte klingen längst wie eine prinzipielle Maxime: Politik ist für Koch ein Problemlösungsunternehmen – nicht, wie man vielleicht hätte vermuten können, ein konservatives Missionierungsprojekt. So jedenfalls präsentiert er die Bilanz seiner ersten Legislaturperiode.