DIE ZEIT: Außenminister Colin Powell und andere Vertreter der amerikanischen Regierung haben den Bericht von Chef-Waffeninspektor Hans Blix am Montag vor dem Sicherheitsrat als Beweis dafür gewertet, dass der Irak gegen Resolution 1441 verstoße. Die Frist für den Irak laufe ab, heißt es in Washington. Was ist Ihre Einschätzung des Berichts der Waffeninspektoren?

Kofi Annan: Hans Blix und Mohammed El-Baradei haben dem Sicherheitsrat am Montag einen Zwischenbericht vorgelegt. Die Sicherheitsratsmitglieder haben diesen Bericht an ihre Regierungen gegeben und werden danach zu weiteren Gesprächen zusammenkommen. Danach wird man genauer wissen, wo wir jetzt stehen. Vorläufig sagt mir mein Gefühl, dass die meisten den Waffeninspektoren mehr Zeit geben wollen.

ZEIT: Sie haben 1998 persönlich in Bagdad interveniert, als Saddam Hussein die Inspektionen massiv behinderte und die USA und Großbritannien mit Militärschlägen drohten. Erwägen Sie, notfalls noch einmal nach Bagdad zu fahren?

Annan: Die Umstände sind dieses Mal andere. Dieses Mal hat der Sicherheitsrat einstimmig eine Resolution verabschiedet, in der der Irak dringend aufgefordert wird, abzurüsten. Alle Nachbarländer des Irak sind gerade erst zusammengetreten und haben den Irak ebenfalls zur Abrüstung gedrängt. Die beiden Chefs der Inspektionsteams waren erst letzte Woche in Bagdad, saßen den irakischen Regierungsvertretern gegenüber und haben ihnen genau aufgelistet, was vom Irak erwartet wird. Und wir erwarten jetzt vom Irak die uneingeschränkte Befolgung der Resolution 1441 und eine aktive Kooperation mit den Waffeninspektoren. Der Irak hat eine klare Botschaft bekommen, und ich kann die irakische Regierung nur eindringlichst auffordern, die Bedingungen der Resolution 1441 zu erfüllen – um ihres Volkes willen, um des Landes willen und um der ganzen Region willen.

ZEIT: Es bleibt immer noch die Hoffnung, dass es nicht zu einem Krieg im Irak kommt. Doch welche Art von Druck, auch militärischer Art, muss gegen Saddam Hussein aufrechterhalten werden, um zu garantieren, dass die Waffeninspektoren effektiv weiterarbeiten können?

Annan: Ich glaube, der Irak steht seit der Generalversammlung im letzten September unter enormem Druck (am 12. September 2002 hatte der amerikanische Präsident George Bush in einer Rede vor der Generalversammlung kollektive Maßnahmen gegen den Irak gefordert, Anm. d. Red. ). Dieser Druck ist seitdem aufrechterhalten worden. Zweifellos hat die Androhung von Gewaltmaßnahmen ihre Wirkung auf das Verhalten der irakischen Regierung gezeigt. Aber wir sollten immer zwischen der Androhung von Gewalt und dem tatsächlichen Einsatz von Gewalt unterscheiden. Manchmal habe ich das Gefühl, dass das Erstere wirkungsvoller ist als das Letztere.