Ordnung ist der halbe Krieg, so steht es schon in den deutschen Tornisterbüchlein um 1914, und ehe nun der nächste große Krieg ausbricht, zimmern unsere Oberbefehlshaber an einem Gesetz, das einheitliche Anerkennungsverfahren für alle Kriegsdienstverweigerer vorsieht. Die mündliche Gewissensprüfung soll danach entfallen, Kampfesunwillige werden bloß noch einen Fragebogen auszufüllen haben. Der bisher für die Verhöre zuständige Verteidigungsminister ist fein raus: Empfänger der Fragebögen ist das Bundesamt für Zivildienst, das wiederum zum Familienministerium gehört. Doch wie soll Renate Schmidt die Formulare deuten? Wie glaubwürdig ist das geschriebene Wort? Der Ethikrat hat es gewissenhaft untersucht.

Wenn die so genannte Gewissensprüfung nicht bereits als Begriff ein so heimtückisches Problem wäre (die Wortbildung mit dem Präfix "Ge-" verrät uns zum Beispiel, dass Gewissen, rein etymologisch, ein zusammenfassendes Wissen meint, eine über dem Wissen stehende Instanz), würden wir es von A bis Z erläutern. Mit allen Schikanen: christlicher Ethik, Kant, Freud und den Kreiswehrersatzämtern, unter besonderer Beachtung von Wittgensteins Thesen über sprachliche Konfusion. Aber unser Platz ist begrenzt, deshalb machen wir es wie der Lehrer in der Feuerzangenbowle: Jetzt stellen wir uns mal ganz dumm. Wir stellen uns vor, Ludwig Wittgenstein hätte seit Wochen versäumt, seiner Oma zum Geburtstag zu gratulieren. Da schliefe er mit schlechtem Gewissen auf entsprechend hartem Ruhekissen, bis er endlich beschlösse, der Not ein Ende zu machen. Doch riefe er die Oma einfach an? Mitnichten! Vielmehr schriebe er einen Brief (respektive eine Feldpostkarte aus dem Ersten Weltkrieg, damals war er noch Artillerist), um Omas Murren und Knurren mit taktischer Rhetorik zuvorzukommen.

Sprachspielerisch betrachtet, ist die schriftliche Kommunikation ja sehr viel ungefährlicher als die mündliche, da der Adressat einer Mitteilung hier keine Chance zur Gegenwehr hat und man dessen Einwände in Ruhe vorausberechnen und mit einem so genannten Präventivschlag parieren kann. Da verhalten sich Sprechen und Schreiben zueinander wie Krieg und Sandkastenspiel. Es ist also sehr klug vom Verteidigungsministerium, die mündlichen Gewissensprüfungen aufgeben zu wollen, denn die Zermürbung der Prüfer durch die moralischen Einwände der Prüflinge nimmt mittlerweile bedrohliche Formen an. Es spielt dabei auch keine Rolle, ob die Verweigerung auf tatsächlichen oder erheuchelten Gewissensgründen fußt, denn das Bezogensein auf den Kommunikationspartner ist in jedem kohärenten Gespräch ein Eingriff des Sprechenden in die Freiheit des Zuhörers, der gewaltsam in einen fremden Denkraum gedrängt wird. (Die Sprechakttheorie, die an den späten Wittgenstein anschließt, erklärt das detailliert.)

Wir raten Familienministerin Renate Schmidt dringend, die ausgefüllten Fragebögen auch weiterhin höchstens flüchtig zu lesen und keinesfalls in direkten Kontakt mit den Verweigerern zu treten. Als unsichtbare, stumme Instanz erweckt man am ehesten den Eindruck, einer höheren Gewissheit teilhaftig zu sein und noch über Über-Ich und dessen ins Unbewusste verlagerter Funktion namens Gewissen zu thronen. Wie gesagt: Immer schön Briefe schreiben! Nur so lässt sich die vormoderne Fiktion aufrechterhalten, dass die Wahrheit durch das Wort erweisbar sei. Die Sprachkrise der deutschen Dichter&Denker fiel ja nicht zufällig mit einer Ichkrise und (Pi mal Daumen) dem Ersten Weltkrieg zusammen. Wir möchten nicht, dass auch das Familienministerium in Selbstzweifel verfällt. Wer befreit uns sonst von der Wehrpflicht? Erklärtermaßen wollen wir Deutschen uns zwar aus dem Dritten Weltkrieg raushalten. Aber wird das reichen? Worüber man nicht nachdenken will, darüber soll man schweigen, im Ernstfall rufe man mit Wittgenstein: "Ersparen wir uns doch den transzendentalen Quatsch, wenn das Ganze so eindeutig wie ein Kinnhaken ist!"