Lebenszeichen (17)Hey, hey, hey

Harald Martenstein weiß, was die Babys von heute morgen tragen von 

Es gibt einen neuen Film über Berlin-Mitte und das dortige Nachtleben. Es ist ein Dokumentarfilm, bestehend aus Interviews. In dem Film erzählen Menschen, die in Berlin-Mitte leben, den Zuschauern, die naturgemäß meist nicht in Berlin-Mitte leben, was es mit Berlin-Mitte auf sich hat.

Der Film heißt Let it rock. Ein Kollege sagte: "Let it rock? Hey, hey, hey, das ist zufällig genau der Text der Körpertätowierung von Moritz von Uslar!" Moritz von Uslar ist ein zirka dreißigjähriger Autor aus München, jetzt wohnhaft Berlin-Mitte. Ich sagte: "Solche Inschriften finden sich doch sonst eher auf den Körpern von fünfzigjährigen Ex-Uriah-Heep-Roadies." Der Kollege, mitleidig: "Die Tätowierung ist ironisch gemeint."

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Ironische Tätowierungen. Ein interessantes Experiment. Über das Altern von Ironie liegen noch keinerlei historische Erkenntnisse vor. Ironie als Massenbewegung ist zu frisch in Deutschland. Wenn ich heute als Fünfzigjähriger eine "Let it rock"-Tätowierung trage, denken die Leute: "Dosenbier. Gehörschaden. Geschlechtskrankheiten. Kein Wunder, dass der Alte so fertig aussieht."

In zwanzig Jahren, wenn die Leute Moritz von Uslar sehen, denken sie wahrscheinlich: "Das Väterchen mit dem Uriah-Heep-Tattoo muss mindestens siebzig sein, sieht aber aus wie fünfzig. Der hat, während die anderen Mitglieder seiner Generation im Übermaß Sex und Drogen hatten, Rosenkränze betend unter einer Gurkenquarkmaske am Starnberger See gelegen. Und heute will er einen auf Altrocker machen." Ironische Tätowierungen sind mit das Schwierigste, was es in der Mode gibt.

In dem Film wird die heutige Mode von Berlin-Mitte erklärt. Erste Regel: Wer im weitesten Sinne nach achtziger Jahren aussieht, liegt schon mal richtig. Zweite Regel: Assig ist als Stil generell gut. Assig, ein relativ neues Wort, es bedeutet "asozial, unterklassig, ärmlich, subproletarisch". Dreckig ist auch gut, aber bitte nicht übertreiben. Enge Jeans sind gut. Alte Skianoraks sind gut, es müssen aber billige und schlunzige sein, am besten mit Brandlöchern. Der Haarschnitt: entweder Vokuhila, also ungefähr wie Rudi Völler bei der Fußball-WM 1990. Oder Pony, an den Seiten halb lang, Ohrläppchen frei. Reißverschlüsse sind gut, Plastik ist gut, Kunstleder ist gut. Billigklamotten von H&M sind umstritten, gehen aber durch.

Die Gesetze der Szenemode sind leicht zu durchschauen. Das, was bei der gesellschaftlich tonangebenden Altersgruppe als besonders geschmacklos gilt, wird von der nachwachsenden Generation immer zur Szenemode ernannt. Im aktuellen Falle sind es "Schmutz" und "Armut", weil die Alten auf ihre Sushi-Kultur und die blinkenden Marmorklos in ihren Ferienhäusern so stolz sind. Die Clubgänger von Berlin-Mitte sehen also heute aus wie ein Bauarbeiter von 1980. Also wie die Antithese zu den aktuellen Professoren und Opinion-Leaders. Wenn man wissen will, wie in zwanzig Jahren die Szenemode aussieht, muss man sich nur überlegen, was die Oberschicht unter den heute Fünfundzwanzigjährigen in zwanzig Jahren besonders ekelhaft finden wird.

Es wird wahrscheinlich der Dieter-Bohlen-Stil sein. Keine Socken, blonde Haarsträhnchen, hochgekrempelte Anzugärmel, Goldohrringe. Oder Hawaiihemden wie Jürgen von der Lippe. Ja, genau so wird im Jahre 2020 der Szenestil aussehen. Die Babys von heute werden eines Tages Hawaiihemden tragen. Kein schöner Gedanke. Aber so sind nun mal die Gesetze der Ästhetik.

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  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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