Die Ehe ist längst vorbei und bald vielleicht das Leben. Die Schulden aber müssen bezahlt werden, die Geduld des Versandhauses ist endlich. Der angezeigte Betrug liegt etliche Jahre zurück, die Mühlen von Moabit mahlen mühsam, manche Akte braucht lange, weil es so viele gibt. Einmal jedoch kommt jeder Vorgang ans Zwielicht eines halbdunklen Saals im alten Justizpalast, und unter der Bagatelle scheint Schicksal auf.

Der "Werbevertrieb Mellner" hatte verschiedene Waren beim Versandhaus bestellt: einen Fernsehapparat, zwei Kameras, ein Maniküre-Pediküre-Nagel-Set, Plastikblumen und einen Kunststoff-Engel – Dinge, die das Leben schöner machen sollten und leichter. Der Engel schwebte zu Hause über dem Bett, bezahlt wurde nie.

Achttausend Mark, viertausend Euro inzwischen, fordert das Versandhaus von Andreas Mellner. Ich habe nichts bestellt, meine Exfrau hat bestellt, erklärt der Beschuldigte der Richterin. Die Richterin will erst mal wissen, wovon er lebt, weil das wichtig ist für die Bemessung einer eventuellen Geldstrafe. Wie er lebt, interessiert nicht, auch nicht der Beruf. Von Interesse ist die nackte Existenz, und die beruht auf 370 Euro Sozialhilfe. Das ist weniger als der Regelsatz, denn Mellner muss demnächst wieder in die Klinik, und im Krankenhaus braucht er schließlich kein Geld. Der Angeklagte, eine ins Uferlose schwappende Masse Mensch ohne erkennbares Alter, ist todkrank. Allein die strahlenden, dunklen Augen im aufgedunsenen Gesicht und die Punkrocker-Frisur deuten darauf hin, dass die Jugend noch nicht lange vergangen sein kann, Andreas Mellner ist 37 Jahre alt. In der Zuschauerreihe sitzt seine 16-jährige Tochter aus erster Ehe, sie verfolgt in starrer, bleicher Unschuld das Geschehen zwischen Tod und Versandhaus.

Als Zeugin tritt Exfrau Nummer zwei auf – Nancy Mellner, eine hagere Mittdreißigerin. Aus ihrem zu einem Schlitz verbitterten Mund fliegen die Wörter wie Geschosse. Ihre Augen scheinen nur dazu da zu sein, eine mögliche Attacke vorherzusehen. Das Paar betrieb einst ein glückloses Doppelgewerbe, er einen Massagesalon mit Thaimädchen, sie ein Restaurant mit deutscher Küche, Wand an Wand. Eine zierliche Thailänderin hatte, so gab der Lieferant an, den Fernseher in Empfang genommen, den heute keiner mehr bestellt haben will. Es interessiert mich nicht, was meinem Exmann vorgeworfen wird, verwahrt sich Frau Mellner mit schriller Stimme, der hat schon immer alle über den Tisch gezogen, zusammen mit dieser Veronika; ich habe nichts bestellt, er hat bestellt, ich habe mit den Leuten nichts zu tun. Aber Veronika hat doch für dich gearbeitet und ihr Freund auch, wehrt sich der Angeklagte. Seine ehemalige Frau schüttelt stumm den schmalen Kopf, über den rot gefärbtes Haar straff gezurrt und zum strengen Zopf gebunden ist. Dieses Echo einer Ehe muss man ertragen können.

Wer die Ware bestellt hat, lässt sich nicht klären, Aussage steht gegen Aussage, Ehegatte gegen Ehegatte, wer stand hinter dem "Werbevertrieb Mellner"? Die damalige Mitarbeiterin Veronika Bieler soll als Zeugin geladen werden, per Handy ist sie nicht zu erreichen. Die Verhandlung wird abgebrochen und soll irgendwann fortgesetzt werden, aber wann? Die Beteiligten verlassen den Saal, Staatsanwältin und Richterin blättern in ihren Terminkalendern. Was sagte doch der Angeklagte, wie lange hat er noch zu leben, einen Monat? Drei Monate, korrigiert der Protokollschreiber. Na, dann ist ja noch Zeit, sagt die Richterin.