Der Islam und der Westen Die bewaffneten Missionare

Kann man den Irak mit Gewalt demokratisieren? Wer es glaubt, kennt die islamische Welt schlecht

Die Regierung Bush ist entschlossen, das Regime der Baath-Partei im Irak zu beseitigen. Und sie scheint bereit, das schon sehr bald mit Taten zu belegen. Ich befürworte diese Politik, bin aber wegen der Zeit nach dem Krieg besorgt. Kriege ziehen stets unerwartete Konsequenzen nach sich. Eventuelle negative Folgewirkungen sollten deshalb so früh wie möglich erkannt werden. Nur so kann man sie vermeiden.

Vereinfacht gesagt, stehen sich in der Debatte über das Aussehen einer Nachkriegsordnung Demokratisierer (zumeist mit „neokonservativer“ Überzeugung) und Pragmatiker (in der Regel der „realistischen“ Denkschule zugehörig) gegenüber. Viele Realisten, wie etwa Henry Kissinger, unterstützen die Beseitigung des Baath-Regimes aus pragmatischen Gründen. Die längerfristige Besetzung einer arabischen Hauptstadt unter amerikanischer Führung lehnen sie jedoch ab. Zugleich halten sie jeden Versuch der Demokratisierung von Völkern für aussichtslos, die keine Demokratie kennen oder anstreben. Den Realisten erscheint es durchaus möglich und sinnvoll, autokratische Regime mit muslimischer Mehrheit in Richtung Demokratie zu drängen – allerdings nur unter der Voraussetzung, dass diese Politik mit Umsicht betrieben wird. Zu viel Druck und zu große Ungeduld würden einen katastrophalen Rückschlag gegen die Vereinigten Staaten nach sich ziehen.

Die Biografien islamistischer Terroristen zeigen, dass es sich bei ihnen in der großen Mehrheit um gut ausgebildete, halb verwestlichte junge Männer handelt, die aus traditionalen Gesellschaften im Umbruch stammen. Wenn solchen Gesellschaften revolutionäre Ideen wie die liberale Demokratie und die globalisierte Marktwirtschaft aufgezwungen werden, kommt es zu beschleunigter sozialer Entfremdung. Nicht weniger Terroristen sind die Folge, sondern mehr.

Auch die Realisten streben die Verbesserung der politischen Lage im Irak nach dem Ende des Baath-Regimes an. Sie erwarten aber nicht, dass die Verhältnisse sogleich westlichen Vorstellungen von Demokratie genügen müssten. Sollte es allerdings zu Fortschritten kommen – umso besser. Die Realisten akzeptieren im Übrigen durchaus, dass im Irak die mehrmonatige Anwesenheit internationaler Truppen unter amerikanischer Führung nötig ist. Niemand schlägt ernsthaft vor, den Irak zu bombardieren, nach Massenvernichtungswaffen zu durchsuchen – und anschließend die Aufgabe des nation-building anderen zu überlassen. Die Realisten meinen jedoch, dass Amerikas Anteil daran ein notwendiges Minimum nicht überschreiten dürfe. Anderenfalls wären die USA gezwungen, die schwere Erblast der europäischen Kolonialvergangenheit und des Jahrhunderte währenden christlich-muslimischem Konflikts zu übernehmen.

Die Demokratisierer glauben dagegen, dass die Vereinigten Staaten im Mittleren Osten die Prinzipien der liberalen Demokratie durchsetzen sollten – auch gegenüber seinen autoritären „Freunden“, etwa Saudi-Arabien. Dies sei nötig, um die Quellen der Wut und Frustration zum Versiegen zu bringen, aus denen sich der Terrorismus speise. Nach der Überzeugung der Demokratisierer geht es nicht allein um die Beseitigung von Armut, denn die eigentlichen Ursachen der Armut seien die autokratischen Verhältnisse. Sie glauben außerdem, die Demokratie werde sich vom Irak aus in andere arabische Länder und den Iran ausbreiten. Die politische Strategie der Demokratisierung könne das aktuelle Problem des islamistischen Terrors somit zügig und umfassend lösen.

Die meisten Demokratisierer sind zugleich davon überzeugt, dass die Förderung der Demokratie bereits seit Gründung der Vereinigten Staaten im Jahr 1776 die Mission Amerikas sei – eine Mission, die im Zuge des Anwachsens amerikanischer Macht ständig an Bedeutung gewonnen habe. Die Demokratie in muslimische Staaten zu bringen, sei deshalb nicht bloß eine durch den 11. September 2001 neu entstandene sicherheitspolitische Notwendigkeit. Vielmehr handele es sich hier um eine ganz natürliche Etappe auf dem historischen Weg der Vereinigten Staaten.

Das Demokratisierungsbestreben ist also nicht neu. Was die amerikanischen Absichten in der arabischen Welt betrifft, waren seine Vorläufer aber nicht Regierungen, sondern protestantische Missionare im 19. Jahrhundert. Diese amerikanischen Christen glaubten, sie beförderten eine universell wahre Botschaft zu den noch nicht Erleuchteten. Die Absichten der Missionare waren ehrenwert; manches, das sie geschaffen haben, etwa die amerikanischen Universitäten von Kairo und Beirut, hat bis heute Bestand. Viele Bekehrungen brachten sie aber nicht zustande. Die Demokratisierer der Gegenwart werden von denselben Impulsen angetrieben wie diese Missionare des 19. Jahrhunderts. Ihre Botschaft ist jedoch ein säkularisiertes, liberales „soziales Evangelium“, bei desssen Verbreitung sie sich auf Waffen stützen. Ein weiterer Unterschied: Das gärende Ressentiment der gekränkten Muslime konnte im 19. Jahrhundert nicht über den Atlantik hinausschreiten. Das ist heute anders.

Welche Auffassung vertritt die Regierung Bush in dieser Debatte? Wie es scheint, keine einheitliche. In seiner Rede in West Point am 1. Juni 2002 hat Präsident Bush offenbar die Position der Demokratisierer formuliert. In letzter Zeit hingegen hat sich zumindest das Außenministerium für einen ausgewogeneren Ansatz entschieden. Er stellt die Schwierigkeiten des Exports liberaler Demokratie ebenso in Rechnung wie die kontraproduktiven Effekte, die eintreten werden, wenn dieser Export zu sehr forciert wird. Wenn die amerikanische Regierung für eine rigorose Demokratisierung der arabischen Welt optiert, wird sie sehr wahrscheinlich die denkbar schlechtesten Resultate erzielen: Die Vereinigten Staaten werden keine arabische Demokratie schaffen, sondern bei dem Versuch, dies zu tun, unendlichen Hass auf Amerika ziehen.

Die politische Kultur der muslimischen, vor allem der arabischen Gesellschaften ist nicht so leicht umformbar, als dass die meisten von ihnen innerhalb von einer oder zwei Generationen in liberale Demokratien transformiert werden könnten. Es gibt heute nur wenige echte Demokratien in der muslimischen Welt – am ehesten ist noch die Türkei zu nennen – und gar keine in den arabischen Staaten. In unterschiedlichem Maße fehlen den arabischen Gesellschaften drei entscheidende Voraussetzungen dafür, sich erfolgreich in Demokratien zu verwandeln: erstens die Vorstellung, dass der Ursprung politischer Autorität in der Gesellschaft selbst liegt – ohne diese Idee aber kann es keinen Pluralismus und keine „loyale Opposition“ geben. Zweitens das Verständnis dafür, dass legitime Macht auf Mehrheiten beruht – ohne dieses Prinzip aber muss der Gedanke völlig unverständlich bleiben, dass Regierungen auf der Grundlage von Wahlen gebildet werden sollten. Drittens schließlich fehlt in der arabischen Welt eine Vorstellung von der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz – ohne die ein Gemeinwesen nach westlichem Verständnis weder frei noch liberal sein kann.

Es gibt im Grunde nur zwei Begründungen politischer Autorität. Sie geht entweder aus einer Gemeinschaft von Menschen hervor: „of the people, by the people, for the people“, wie es in der klassischen Formulierung Abraham Lincolns heißt. Oder die Autorität stammt von außen: von Gott oder von irgendeiner akzeptierten Herrschaftsinstanz jenseits der Gemeinschaft. Die im 16. Jahrhundert in Europa entstandene Idee von einem „Gesellschaftsvertrag“ begründet die zuerst genannte Variante. Die islamische Kultur dagegen hat eine aus der menschlichen Gemeinschaft selbst hervorgehende politische Autorität nie akzeptiert. Der Islam ist eine radikal auf Einheit zielende Religion der göttlichen Offenbarung, und die islamische politische Kultur hat sich über 1300 Jahre voll und ganz nach diesem Prinzip entwickelt. Wo aber die von außen stammende göttliche Autorität unhintergehbar ist, ergibt politischer Pluralismus keinen logischen Sinn. Dort kommt Toleranz gegenüber irgendwelchen anderen sozialen und politischen Prinzipien zwangsläufig der Ketzerei gleich. Und Toleranz für andere religiöse Überzeugungen kann es allenfalls als – durchaus tugendhafte – Milde geben, nicht aber als Anerkennung der Möglichkeit, dass tatsächlich mehrere Wahrheiten nebeneinander existieren könnten.

Aus alldem folgt eine bestimmte Auffassung von politischer Führung. Ein Anführer formuliert und verbreitet das Gesetz Gottes. Da es nur einen Gott und nur ein Gesetz gibt, kann es auch nur eine einheitliche politische Struktur geben – und nur eine Person, die ihr vorsteht. Selbst in den heutigen Zeiten der Säkularisierung gilt eine Regierung in der arabischen Gesellschaft nur dann als legitim, wenn sie im Einklang mit einer a priori vorgegebenen Wahrheit steht – ob es sich um den wahabitischen Islam in Saudi-Arabien handelt oder den Dschumhuria genannten sozialistischen Ideologie-Mix Muhammar al-Ghaddafis in Libyen. Diese arabische Vorstellung von einer einzigen einheitlichen Idealgemeinschaft des Glaubens steht in scharfem Gegensatz zu einem Konzept, nach dem politische Gruppen miteinander konkurrieren und sich dabei gleichzeitig gegenseitig kontrollieren sollen. Dieses Klima geordneten Konflikts kennzeichnet die Politik im Westen. Konflikt aber, und sei er noch so sehr in Regeln eingebunden, betrachten Araber als zerstörerisch für die Gemeinschaft.

Wenn niemand sich auf die Autorität unbezweifelbarer Wahrheit berufen kann, sollte die Mehrheit bestimmen, welcher Weg einzuschlagen ist. In den Augen des Westens ist das eine selbstverständliche Schlussfolgerung. Aus gut nachvollziehbaren Gründen kommen die meisten Araber jedoch zu einem völlig anderen Ergebnis. Über Jahrtausende lebten die meisten Menschen des Nahen Ostens in mittelgroßen Dörfern, die üblicherweise in Clans oder Stämme aufgeteilt waren. Es herrschten unsichere, von vielen Gefahren geprägte Verhältnisse. Viel hing davon ab, Zerwürfnisse innerhalb der Stammesgesellschaft zu verhindern. Jegliche Herrschaft entsprang deshalb der Konsensbildung. Der Anführer war ständig in endlose Verhandlungen mit den wichtigsten Vertretern der verschiedenen Clans verstrickt. Er diskutierte Probleme, er handelte Kompromisse aus, er schuf Einvernehmen. Im Gegenzug verpflichteten sich alle Beteiligten zu persönlicher Loyalität gegenüber ihrem Anführer (auf Arabisch bay’a – ein noch immer gängiger und wichtiger Begriff). Diese Verfahren gingen in den Islam ein und fanden seinen Segen: Der Anführer erlangt seine Stellung durch den Konsens der Ältesten (ijma) und bleibt im Amt aufgrund des Einverständnisses der Gemeinschaft (umma).

Wie abwegig muss unter diesen Umständen die Idee wirken, dass ein Bewerber, der bloße 54 Prozent der Stimmen erhalten hat, dennoch zu 100 Prozent Macht ausüben sollte, während sein Konkurrent mit 46 Prozent der Stimmen leer ausgeht? Wer an die Entscheidungsfindung im Konsens gewöhnt ist, der empfindet dies nicht bloß als unlogisch, sondern als gefährlich, ja geradezu als Einladung zum Bürgerkrieg. Auch das Prinzip der rechtlichen Gleichrangigkeit aller Bürger steht im Widerspruch zu so gut wie allen traditionalen Autoritätsbegründungen des Islam, die Ungleichheit und Hierarchien festschreiben. In islamischen Kulturen sind Männer „gleicher“ als Frauen. Gebildete sind gleicher als Ungebildete, Edelleute gleicher als das gemeine Volk, Rechtgläubige gleicher als Lasterhafte, Alte gleicher als Junge. Diese Annahme einer natürlichen Hierarchie innerhalb der Gesellschaft ist weder borniert noch lächerlich – schließlich sah man es noch vor gar nicht allzu langer Zeit in den westlichen Gesellschaften ebenso.

Ist die Rede von „arabischer Demokratie“ demnach ein Widerspruch in sich? Natürlich nicht. Verhältnisse können sich ändern. Andere Kulturen müssen nicht westlich werden, um demokratisch sein zu können. Es ist nichts als schaler Historismus, auf die Einzigartigkeit von Renaissance und Reformation zu verweisen und darauf die Voraussage zu gründen, autoritäre Verhältnisse seien das Schicksal nichtwestlicher Kulturen. Weder in kognitiver noch in moralischer Hinsicht haben Araber einen „Defekt“. Gewiss existieren auch innerhalb des Islam bestimmte theologische und kulturelle Voraussetzungen für Demokratie. Es gibt echte arabische Demokraten, die unsere Unterstützung verdienen. Das Problem ist nur, dass sie aus einer Vielzahl historischer Gründe eine sehr kleine Minderheit bilden. Anzunehmen, die Demokratisierung der arabischen Welt lasse sich so schnell und gründlich zuwege bringen, dass auf diese Weise das Problem des islamistischen Terrorismus gelöst werden könnte, zeugt also von tiefer Ignoranz. Die protestantischen Missionare unterschätzten einst den Zusammenhalt der islamischen Zivilisation, sie missverstanden die arabische Kultur. Auf diesem Irrweg befinden sich auch die Demokratisierer der Gegenwart.

Aus dem Englischen von Tobias Dürr

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 06/2003
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