Eigentlich ist Stress nicht ungesund. Wie andere Tiere reagieren auch Menschen auf Gefahrensituationen mit einer evolutionär uralten biochemischen Reaktion. Adrenalin und Cortisol überfluten den Körper und starten ein Überlebensprogramm: Atmungsrate, Blutdruck und Herzfrequenz steigen sprunghaft, die Durchblutung der Muskeln wird verstärkt, Teile des Immunsystems werden in Alarmbereitschaft versetzt, um Verletzungsschäden einzudämmen. Zugleich werden alle nicht zur Selbstverteidigung nötigen Körperfunktionen abgeschaltet: Infektionsabwehr, Appetit, Verdauung und Sexualfunktionen. Sobald die Gefahr vorüber ist - der Autounfall knapp vermieden, die Prüfung bestanden -, setzt eine Gegensteuerung ein, die alles wieder ins Gleichgewicht bringt. Normalerweise.

Gefährlich wird es, wenn der Stress nie aufhört. Mobbende Chefs, jahrelange Scheidungsprozesse und 10-Kilometer-Staus waren von der Evolution nicht vorgesehen. Chronischer Stress erhöht allgemein die Anfälligkeit für chronische Erkrankungen und kann bei der Entstehung von Arteriosklerose, Diabetes, Autoimmunleiden und Depressionen eine wichtige Rolle spielen.

Das war allerdings lange Zeit nicht mehr als eine Binsenweisheit. Erst seit kurzem verfolgen die Forscher eine heiße Spur, die eine Verbindung zwischen psychischen und hormonellen Faktoren und der Krankheitsentstehung aufzeigt.

Dauerstress, so lautet die Hypothese, verursacht eine Art chronische Entzündung. Eine dauernd erhöhte Cortisolproduktion kann zur Ausschüttung von entzündungsfördernden Botenstoffen führen.

Depressive Menschen gelten seit langem als infektionsgefährdet. Bisher glaubte man, das liege an einem schwächelnden Immunsystem. Doch der niederländische Psychiater Michael Maes fand bei depressiven Patienten überaktive Immunzellen, die große Mengen entzündungsfördernder Botenmoleküle ins Blut pumpten. Depressive neigen auch zu überhöhter Körpertemperatur - ein Zeichen für eine systemische Entzündung. Außerdem weiß man, dass Antidepressiva entzündungshemmende Eigenschaften besitzen, während Medikamente, die das Immunsystem zu Höchstleitungen anstacheln - etwa um eine Hepatitis C zu bekämpfen -, bei Patienten zuweilen Depressionen hervorrufen können.

Dauerstress kann sogar die Gene beeinflussen. Bei Versuchen mit Ratten veränderte Stress die Genetik im Gehirn.