Vielleicht war es Schicksal, dass Toni Hagen an diesem Morgen inmitten der Bergwelt Nepals stand, 3500 Meter über Grund, blassblau der Himmel, grau das Gestein. Der Wind wehte kalt. Links und rechts erhob sich atemberaubender Himalaya, steile Gipfel unter Eis und Schnee, es war März 1960. Und er, der Schweizer Geologe, zwei Doktortitel, stand dort oben, um Land zu vermessen. »Auf einmal waren sie da«, sagt Toni Hagen, 85 Jahre jetzt, bebende Stimme. »Zehn Leute, zwanzig vielleicht, zerlumpt und ausgehungert.« Flüchtlinge aus Tibet. Geflohen vor den Chinesen, die ihr Land besetzt hielten, mordeten, Gotteshäuser zerstörten. »Was sollte ich tun?«, fragt er. »Ich hatte keine Wahl. Ich sah diese ängstlichen Menschen, blickte in die großen Augen ihrer Kinder. Ich musste helfen.«

Leise sagt er das, sitzt in seinem Chalet am Esstisch, 7078 Lenzerheide, nobler Skiort in der Schweiz. Er schaut durch die Butzenscheiben auf die schneebedeckten Alpen. Erzählt von den Tibetern und von Nepal, die seine Themen wurden, sein Leben. Jetzt ein Film: Der Ring des Buddha ist die Geschichte eines Mannes, der tausendfaches Elend sah; der heimatlosen Menschen Obdach und Essen gab; der Frau und Kinder zurückließ, weil ihm die Aufgabe in Nepal wichtiger erschien. Bürgerliche Beschaulichkeit? Wissenschaftliches Ansehen? Interessierte ihn nie. Nepals König verlieh ihm die höchste Auszeichnung des Landes: Toni Hagen, Träger des Gurkha-Ordens. In den Bars von Kathmandu haben sie einen Drink nach ihm benannt, den Toni Hagen Special, halb Mangosaft, halb Rum, sein Lieblingsgetränk. Für Toni Hagen, den Retter der Tibeter. Filmleute lieben solche Geschichten.

Heldengeschichten.

Sind Sie ein Held, Herr Hagen? Er hebt die Arme, wehrt ab. »Ein Held? Ich?« Er lächelt schüchtern. »Nein, das bin ich nicht.« Schüttelt den Kopf. Schweigt. Endlich flüstert er: »Ich war nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort.«

Träger schleppten das Auto des Maharadschas über die Berge

Früh um sechs schliert Nebel durch Kathmandu, Nepals Hauptstadt. Kühe behindern den Verkehr, Affen hüpfen über geschwungene Dächer. Die weiße Kuppel der Stupa von Bodnath glänzt im Sonnenlicht, Gebetsfahnen flattern. Schwärme von Tauben balgen sich flatternd um Körner, die Mönche gestreut haben, um den Göttern zu huldigen. Toni Hagen auf den Spuren seiner Vergangenheit. Zeigt auf die großen, blau-weiß-roten Augenpaare, die auf das Heiligtum gemalt sind, er sagt: »Buddhas Augen sehen alles.« Im Moment blickt Buddha auf Gläubige, barfuß und in roten Umhängen, die sich in Demut dem Heiligtum nähern, einen Schritt tun, zu Boden sinken, beten, einen Schritt tun, zu Boden sinken und so fort. Auf schmale Häuser, die sich dicht ums Heiligtum drängen, Souvenirläden, kleinere Klöster. Ein ganzes Viertel ist am Stadtrand von Kathmandu entstanden, von den Einheimischen Boudha genannt, ein kleines Tibet.

Als Toni Hagen 1950 zum ersten Mal nach Kathmandu kam, gab es das alles noch nicht. Keine Straßen, keine Elektrizität, keine Autos, bis auf das eine, das dem Maharadscha mit schönem Namen Mohun Shamsher Jang Bahadur Rana gehörte, Herrscher von Nepal. Und weil es damals auch keinen Flughafen gab, ließ der Maharadscha seinen Gast Toni Hagen vom indischen Grenzbahnhof abholen, standesgemäß im Auto, das 40 Träger zuvor über die Berge geschleppt hatten. Der Maharadscha brauchte den Geologen.

»Der Maharadscha hatte keine Ahnung von seinem Land«, sagt Toni Hagen. Dass seine Berge hoch waren, ja, das sah er. Aber die Grenzen? Wo waren die, da hoch oben? Also beauftragte er einen Schweizer, weil auch die hohe Berge haben und sich auskennen. »Na ja«, sagt Landvermesser Hagen, schnell sei ihm aufgegangen, dass es ums Vermessen allein nicht ging. »Er wollte, dass ich Gold finde.« So viel unerforschter Felsen, dachten die Nepalesen damals, darunter müsste doch was zu finden sein. Wenn schon kein Gold, dann wenigstens Erdöl, Erze, irgendwas, Hauptsache, es ließe sich zu Geld machen.