Ganze 1271 Jahre vor Donald Rumsfeld hat ein Chronist zum ersten Mal namentlich von den "Europäern" gesprochen. Damals bildeten sie gerade eine gemeinsame Front gegen die arabische Bedrohung. Die zog aus Spanien herauf, doch Karl Martell stellte sich ihr entgegen. Der Bericht über seinen Sieg bei Poitiers vermeldete von der kontinentalen Allianz: "Die Europäer beobachten die geordnet aufgereihten Zelte der Araber."

Poitiers ist passé. Neue Europäer werden von Polen und dem ungarischen Militärflughafen Taszár aus die arabischen Regionen beobachten und ordnen helfen. So jedenfalls sieht es der PentagonChef. "Wenn Sie Europa meinen, dann denken Sie an Deutschland und Frankreich. Ich nicht", bekannte der US-Verteidigungsminister. "Ich denke an das ‚alte Europa‘. Wenn Sie sich aber das heutige gesamte Europa der Nato anschauen, dann verlagert sich der Schwerpunkt nach Osten."

Der Osten zeigt sich ein wenig verlegen. Über die offenen Worte. Nicht über den von Washington längst schon vollzogenen Standortwechsel. Den begrüßen die neuen Nato-Mitglieder und -Aspiranten. Denn als bevorzugte Sicherheitspartner rücken sie noch weiter unter den amerikanischen Schutzschirm. Die Regierung in Warschau ist deshalb inzwischen von ihrem polnischen Friedenspapst zum kriegerischen Theokraten Bush konvertiert. Präsident Alexander Kwasniewski, der ehemalige kommunistische Jugendfunktionär, rühmt Bush im Stil des alten Personenkults: Sein Vertrauen in den "sehr gebildeten" und "einfühlsamen" Präsidenten sei "uneingeschränkt", "Bushs Vision ist auch meine". Kein Wunder, dass der so Gerühmte seinerseits den "nahen Freund" am liebsten als künftigen Nato-Generalsekretär sehen würde. US-Truppen könnten aus Westeuropa bald dauerhaft nach Polen verlegt werden, sattelt die New York Times drauf.

Polen und Ungarn wollen sich am Irak-Krieg auch ohne zweite UN-Resolution beteiligen. Die Tschechen warten eine solche Ermächtigung ab, ehe sie eine Spezialtruppe entsenden werden. Selbst ihr scheidender Präsident Václav Havel, Karlspreisträger und Mustereuropäer, hat sich im Abschiedsgespräch mit Richard von Weizsäcker an die Bush-Doktrin herangerobbt: "Es gibt sogar Situationen, wo es angebracht ist, präventiv zu handeln."

Nun geht Empörung um im alten Europa und füllt viele Feuilletonspalten. Der Grundton ist zu selbstgerecht. Nach der Wende von 1989 hatten sich die östlichen Nachbarn zwar von der Unterdrückung, aber noch längst nicht von der Furcht vor Moskau befreit. Sie sahen nur die Amerikaner, die ihnen das Tor zur westlichen Allianz weit offen hielten. Die Franzosen wollten die Ost- erweiterung nicht. Für die Deutschen war sie den guten Beziehungen zu Russland nachgeordnet. Allein die USA entwickelten eine neue Strategie für das Bündnis. Sie zielt inzwischen weit über Europa hinaus. Potenzielle Nato-Kandidaten sieht die Bush-Regierung im Osten und Südosten. Überall dort, wo sie Terrain sondiert für den Kampf gegen den Terror, für den Anspruch auf Energiequellen und die Sicherung von Trans-portrouten.

Nicht klagen, zahlen!

Die alten Mächte fühlen sich an den Rand gedrängt. Doch da hat Kwas´niewski recht: "Wer klagt, dass die Amerikaner stark und die Europäer schwach sind, muss in die Tasche greifen." Das bringen die "Alten" nicht mehr fertig. Sie sind der Schlachten, die Europa jahrhundertelang verwüsteten, zum Glück müde. Nach 1989 steckten sie immer weniger in ihre Kriegskassen. Doch ihre Hoffnung auf Friedensdividende machte der Balkan zunichte. Als die Katastrophen über Bosnien und Kosovo hereinbrachen, konnten sie nur noch mit leeren Händen streiten. Die eben befreiten östlichen Nachbarn sahen es mit Entsetzen. Für sie ist Sicherheit noch ein ganz neues Gut, für das sie dankbarer sind als für alle EU-Gelder.

Ihr mangelndes Vertrauen in Westeuropa ist so alt wie ihr Glauben an Amerika. Polnische Auswanderer – ihren Staat hatten Preußen, Russen und Österreicher von der Landkarte getilgt – kämpften an der Seite der Amerikaner im Unabhängigkeitskrieg. Bismarck schrieb seiner Schwester Malwine: "Haut doch die Polen, dass sie am Leben verzagen." Hitler und Stalin taten es. Den Balten erging es nicht besser. Den Tschechen ebenso wenig. Das protestantische Europa überließ sie 1618 den Habsburger Schlächtern, das freie Europa lieferte sie 1938 mit dem Münchner Abkommen an Hitler aus.