Wer von Kulturmenschen einen gewissen Verständigunsgwillen erwartet, der über das politische Frontengeschäft hinausgeht, wird leider immer wieder eines Besseren belehrt. Jüngstes Beispiel ist der Schlagabtausch zwischen der amerikanischen Oscar-Academy und den Anhängern des Films Intervention Divine.

Der palästinensische Regisseur Elia Suleiman erzählt in diesem kontroversen Werk von zwei Liebenden aus Nazareth und Ramallah, die sich vor dem Alltag der israelischen Grenzkontrollen in popkulturelle Allmachtsfantasien flüchten. Suleimans absurder, streckenweise durchaus diskutabler und durchweg verzweifelter Humor kulminiert in einer Einstellung, die einen roten Luftballon mit Jassir Arafats Konterfei über Jerusalem schweben lässt. Auf den Filmfestspielen in Cannes erhitzte Intervention Divine im vergangenen Jahr die Gemüter - und begann eine internationale Festivalkarriere. Unter anderem gewann er in Cannes den Preis der Jury sowie den Preis der Kritik und wurde bei der Verleihung des Europäischen Filmpreises als bester ausländischer Film ausgezeichnet. Vom Preisregen beflügelt, erkundigte sich der französische Produzent Humbert Balsam bei der Oscar-Academy über die Chancen einer Nominierung als bester ausländischer Film und wurde abgeschmettert. Palästina, so die Argumentation des zuständigen Academy-Sprechers, sei kein eigenständiger Staat im Sinne der UN-Richtlinien, auf die man sich in solchen Fragen berufe. Entmutigt verzichteten die Produzenten daraufhin auf weitere Bewerbungsschritte. Die formalistische Ablehnung der Academy-Vertreter brachte allerdings palästinensische und arabische Menschenrechtsorganisationen sowie diverse Zeitungen und Verbände auf die Barrikaden. So berichtete die Los Angeles Times, dass die Academy mit zweierlei Maß messe und etwa im Fall von Hongkong, Taiwan und Puerto Rico, die nach UN-Richtlinien ebenfalls keine eigenständigen Staaten seien, regelmäßig ein Auge zudrücke. In jedem Fall, so der Produzent Balsam mit resigniertem Witz gegenüber der ZEIT, werde man Intervention Divine im kommenden Jahr ganz offiziell ins Rennen um den Auslands-Oscar schicken, "weil es dann entweder einen eigenständigen palästinensischen Staat geben wird oder die Academy-Regeln vernünftig überarbeitet sind". Die vorauseilend abschlägige Anwort führt Balsam auf die Angst der Academy zurück, von ihren Mitgliedern allein schon wegen der Kandidatur eines eindeutig propalästinensischen Films kritisiert zu werden. Egal, ob die Reaktion der Oscar-Organisatoren diplomatisches Unvermögen, einen Akt der Zensur oder beides darstellt - die öffentliche Diskussion, die man mit der voreiligen Abfuhr wohl vermeiden wollte, ist nun erst recht entbrannt, die Chance, den Auslands-Oscar vielleicht auch als symbolisch-politischen Kulturpreis zu profilieren, vertan. Etwas mehr Instinktsicherheit und Mut bewiesen in diesem Zusammenhang die am 6. Februar beginnenden Berliner Festspiele. Kurz nach Bekanntwerden seiner Auseinandersetzung mit der Oscar-Academy wurde Humbert Balsam als Mitglied der internationalen Berlinale-Jury eingeladen.