Eine Umbruchszeit vor hundert Jahren. Das Alte ist noch dominant, bestimmt die Formen und die Temperatur, ist aber schon durchsetzt vom Neuen, das dem Bisherigen einen Verfremdungseffekt aufzwingt und surrealistisch wirkt, ohne als Parodie gemeint zu sein. Die Moderne rauscht heran in Frankreich, Deutschland, Österreich und - Polen.

Karol Szymanowski (1882 bis 1937) ist die polnische Hoffnung auf einen Komponisten, der das Leitbild eines nationalen Stils abgeben soll. Letztlich scheitert das an mangelnder Popularität, ein Schicksal, das noch jeden besseren Komponisten (inklusive Mozart) ereilt hat. Dennoch ist Szymanowski zunächst Hoffnungsträger, denn als er 1905 Mitbegründer der "jungpolnischen Komponisten" wird, hat er gerade seine Erste Violinsonate op. 9 (Violinmusik, Harmonia Mundi France hmc 901769, Vertrieb: Helikon) ausgebacken. Sie flottiert frei zwischen den Stilen, ihre Melodik ist ausgesponnen im hochromantisch-deklamatorischen Stil mit langem Phrasierungs-Atem, dabei aber erstaunlich französisch in der Harmonik im impressionistischen Idiom, die Akkorde gleiten, Bezüge sind verschleiert. Nur die drängende Motorik mit den kantigen Rhythmen zeigt das osteuropäische Erbe.

Die Mischung ist aber bereits einzigartig. Zweiundzwanzig Jahre alt ist der Komponist und ein rundum fertiger Pianist. Erstaunlich, wie gut abgehangen sich bereits die Balance von Expression und Subtilität ausnimmt, nur der hochgeschraubte Klaviersatz zeigt den Pianisten, dem alles zu leicht ist.

Dennoch: klassisch auch die Balance zwischen Geige und Klavier, ein Verhältnis des Respekts und der temperierten Nähe. Graf Mourja, ein 30-jähriger Geiger aus der Ukraine, und seine Partnerin Natalia Gous setzen auf den Dialog als musikalisches Prinzip, sind sich aber manchmal, besonders bei der Paganini-Caprice op. 40,3, allzu einig darüber, dass jede Phrase durch eine kleine Erholungspause abgerundet werden soll. Dann wieder neigt die Dame gelegentlich dazu, den jungen Herrn an die Wand zu spielen, aber nicht zu sehr, und so kommt der musical incorrectness ein belebendes Element bei. Es durchzieht die antiken Mythes op. 30, drei instrumentale Poèmes von 1916 ebenso wie Strawinskys neoklassizistisches Duo concertante und die Suite italienne aus den dreißiger Jahren.

Merkwürdig, immer wieder, wie sehr die Vorwärtsdränger sich bei Mutter Antike rückversichern, ob ihre Lästerungen auch den Segen der Götter haben Wird wohl so sein, ist ja immer noch lebendige Musik geblieben.