Popkultur Die Unfähigkeit zu altern

Rock ’n’ Roll und Rentenreform gehen nicht zusammen. Die Popkultur ist und bleibt ein Reich ewiger Jugend

Vom Gegenteil ist genug die Rede, vom Rost, der nie schläft, und dem Lodern, das dem allmählichen Verlöschen vorzuziehen ist. Pillen und andere kleine Helfer spielen eine Hauptrolle dabei, neben zerstörten Trommelfellen und brennenden Gitarren. Ganze Hymnen sind geschrieben worden auf ein schnelles, todesverachtendes Leben, mit unverbrüchlichen Spruchweisheiten fürs Stammbuch des Rock ’n’ Roll im Refrain:

Dass die Popkultur traditionell nicht vom Altern, sondern vom Jungsein erzählt, liegt auf der Hand: So will es ihre von Teenagerkreischen begleitete Geburt in den späten Fünfzigern. Dass sie in mehr als 40 Jahren nicht wesentlich darüber hinausgekommen ist, überrascht: Immerhin entspricht das mehr als zweimal der Volljährigkeit. Längst sind die großen Aphoristiker des Genres selbst sichtlich Alternde – falls sie noch leben. Nicht wenige sind dahingerafft worden, manche von den Spätfolgen des Exzesses, manche von der bürgerlichsten aller Krankeiten, dem Krebs. Ständig wächst die Liste der Toten, die im laufenden Geschäftsjahr zu beklagen sind, im Zentrum des Begehrens aber steht bis heute der ewig junge Held mit demselben alten Lied.

Der Jazz hat Alterungsmodelle hervorgebracht, die Bluesleute scheinen immer schon alt gewesen zu sein. Im Songwriter-Wesen finden sich Reflexionen über das beschädigte Leben, wie es Erwachsene notgedrungen führen, doch das sind minoritäre Seitenstränge. Auch die Versuche der fonografischen Industrie, mit Retrorock und recycelter Ware ein „Ende des Jugendwahns“ auszurufen, handeln keineswegs vom Älterwerden, sie kommen bloß auf nostalgischem Wege der Kaufkraft derer entgegen, die bislang vom Schirm ihrer Studien zu verschwinden drohten. „Schläfer“ nennt die Marktforschung Verbraucher, die selbstgenügsam alle Jubeljahre eine Phil-Collins-CD erstehen. Mit seinem terroristischen Doppelgänger hat der Popschläfer gemeinsam, dass er als Bedrohung der Fundamente des Westens wahrgenommen wird. Wenigstens lässt sich eine Negativdefinition von Altern daraus ableiten: Alt ist, wer nicht mehr konsumiert.

Nein, weder die Phonobranche noch die Statistiken, die für die kommenden Jahrzehnte eine vergreiste Republik vorhersagen, werden an der Unfähigkeit zu altern etwas ändern. Zum einen betrifft die Prognose hauptsächlich Deutschland, Italien und den ehemaligen Ostblock – alles Länder, die den Pop nicht erfunden haben. Von der Popkultur lernen heißt, flexibel und vor allem global zu denken: warum nicht kurzerhand Überalterung und Bevölkerungsschwund durch Zuwanderung ausgleichen? So weit wird es natürlich nicht kommen, denn zweitens handelt es sich auch nach all den Jahren um eine staatsferne Kultur, der nichts fremder ist, als der Politik Versäumnisse bei der Altersversorgung vorzuhalten. Rock ’n’ Roll und Rentenform – das geht einfach nicht zusammen.

Der Beitrag der Popkultur zum demografischen Wandel ist ein anderer: Statt selbst in den Spiegel zu blicken, hat sie das Alter nach dem Bildnis der Jugend entworfen. Es ist so selbstverständlich, dass man es fast nicht mehr sieht: Der fitte Alte, der mit nie erlöschender Vitalität teilhat an Konsum und Innovation, ist ein Produkt des großen Popbebens der Nachkriegszeit. Seine Pionierphase fällt in die Fünfziger, seine Durchsetzung in die Sechziger des letzten Jahrhunderts, als die hedonistischen Lebensstile sich, anfangs gegen den Widerstand der Kriegsgeneration, auf breiter Front popularisierten, mit der Jugend in der Rolle der Avantgarde und einer neuartigen Kulturindustrie als Motor. Seit die Babyboomer von damals den Ton in Ästhetik und Politik angeben, sind Zustände eingekehrt, die auf eine langfristige Abschaffung des Alters hinauslaufen.

Rockt Tina Turner noch das Haus?

Die viel zitierten Altarbeitnehmer in US-Betrieben sind nur ein Beispiel. Auch die Rückkehr zum Grandseigneuralen in der gehobenen Unternehmenskultur gehört ins weite Feld. Überhaupt sind Stilfragen bedeutsamer als realpolitische Details. Mopsfidele Alte haben erfreulicherweise die Werbung erobert, wo sie Strände und Straßen unsicher machen. Dafür müssen sie sich allerdings den Disziplinierungen wie den ästhetischen Anforderungen der Zukunft unterwerfen: Aus der Form geratene Partien werden notfalls ein wenig weichgezeichnet – ganz ohne Dynamik geht es nicht. Umgekehrt ist Jugend kein Schonraum mehr. Wo die Chancen auf traditionelle Karrieren faktisch sinken, ist Einsatz gefragt. Wer nicht früh einen brauchbaren Typus ausdefiniert, tut es nimmermehr.

Das Lebensalter hat sich von seinen biologischen Voraussetzungen emanzipiert und ist zu einer Frage der Performance geworden: Zeichen gibt es genug, die Kunst besteht darin, sie zu nutzen. Von „Entstandardisierung“ spricht die Soziologie, vom Impact der Jugendlichkeit auf das Altern als Sozialgestalt – eine Umformulierung der Redensart, dass jeder so jung ist, wie er sich fühlt. Bill Clinton, Joschka Fischer, Marcel Reich-Ranicki, möglicherweise sogar der Papst – alles Rock ’n’ Roller. Madonna, Robbie Williams, Cher – alles Politiker im Dienste ihres Stils. Gruftig muss sich nur fühlen, wer gar nichts anzufangen weiß mit Bastelbiografie und Identitätssampling, aber wer wäre das? Die Veteranen des Rock ’n’ Roll jedenfalls nicht, wenn sie zur jeweils letzten Tournee blasen. Theoretisch produzieren sie die ersten Alterswerke des Rock, praktisch feiert man sie als dauerjugendliche Repräsentanten ihrer Ära.

Wird Tina Turner es noch einmal allen zeigen, oder fällt die Gute nicht doch langsam vom Fleisch? Und die Stones, ewige Vorruheständler des Betriebs – rocken sie mit ihrer aktuellen Show das Haus, oder muss man sie als alte Säcke abschreiben? Ersteres natürlich, die Karten sind ja schon verkauft. Wie anstrengend der ewige Abschied sein muss, verrät Mick Jaggers Gesicht, in dem Jugendgestalt und Totenmaske sich zu begegnen scheinen. Weiter hinein ins Geheimnis biomentalen Leistungserhalts führt bloß noch die Selbstklonierung. Doch auch die ist längst auf den Weg gebracht. Die Popkultur hat es nicht nur verstanden, ihr goldenes Zeitalter mythisch zu verewigen, sie reproduziert bekanntlich auch ihre eigene Geschichte. Bei Bedarf erzeugt sie neue, physisch knackigere Varianten des Prototyps Rockrebell.

Lebenslängliche Arbeit am Selbst

In der Totalisierung von Jugend als Jugendlichkeit deutet sich freilich auch eine Krise an. Wo alle jung sind, ist es keiner mehr, und je kürzer die Zyklen werden, in denen die Kulturindustrie Klone ins Rennen schickt, desto mehr wächst der Bedarf. Anzunehmen, dass einer der bevorstehenden Verteilungskämpfe um die im Überfluss knapp gewordene Ressource Jugend gehen wird. Es ist ein Kampf, der in Castingagenturen, Fitnessstudios und Encountergruppen ausgetragen wird, mit eigenen Medien, die letzte Distinktionen auf dem weiten Feld des Selbstdefinierens versprechen. Gewiss werden Biokosmetik und plastische Chirurgie eine Rolle dabei spielen. Schon heute besteht ein Gutteil der Nachrichten im Privatfernsehen aus Berichten über Brustvergrößerungen und abgesaugtes Fett.

Denkbar ist allerdings auch ein Gegenszenario, ein Aufstand derer, die nicht nur ökonomisch, sondern ästhetisch zu den Modernisierungsverlierern gehören. Die düsteren Kulte des Pop weisen darauf hin, in denen das Morbide zurückkehrt, um Rache an den Reichen und Schönen zu nehmen. Es wäre ein letztes Zucken des Generationenkonflikts, eine Art Hungerrevolte gegen die, die vor ihren Kindern alles aufgebraucht haben: den Spaß, die Renten, das Recht auf Rebellion. Doch die Satanisten und Grausamkeitstheatraliker sind auch nicht mehr, was sie einmal waren. Statt auf Dauer unintegrierbar zu bleiben für Staat und Gesellschaft, bestätigen sie noch in der Anklage die Norm. Auch bei der kleinen Horrorschau geht es letztlich um Partizipation, access, wie Jeremy Rifkins Zauberformel lautet. Der Widerspruch verläuft weniger zwischen Jung und Alt als zwischen denen, die Zugang zu den aktuellen Glücksversprechen haben, und denen, die draußen bleiben müssen. Für das nächste Marilyn-Manson-Album wird es trotzdem reichen.

Aber ist das nicht schrecklich, eine Gesellschaft, die sich ganz auf Konsumismus gründet – Freizeitknast für alle? Tatsächlich scheint sie alternativlos geworden zu sein, die Welt als Supermarkt, und man muss nicht einmal Houellebecq herbeizitieren, den Mode-Misanthropen des Litpop. Bereits in den Neunzigern hat die Poptheorie das Bild von der „Kontrollgesellschaft“ an die Wand gemalt: War im fordistischen Zeitalter noch allein der Körper in den Kreislauf von Produktion und Konsumption eingespannt, so ist es jetzt die Seele, auf die zugegriffen wird. Es gibt kein Jenseits mehr in dieser Vision des totalen Pop, selbst der Rausch ist nur noch eine Funktion der Leistung.

Wäre dem so, trüge der Konsument von heute nicht nur seine Arbeitskraft zu Markte, sondern sich selbst, mit Haut, Haaren, Gefühlen und Erspartem. Man kann denselben Sachverhalt freilich auch andersherum denken. Wo Arbeit sich in Freizeit aufgelöst hat, Herstellen in Verbrauchen, Alter in Jugend und jeweils umgekehrt, wo Traditionen, die noch vor wenigen Jahren zwingend waren, ausgedient haben und nichts mehr zählt als die individuelle Entscheidung, wie man sich morgen komponieren möchte, entsteht auch eine neue Freiheit. Es mag eine Freiheit der gefallenen Würfel sein, die das ganze Risiko für den gewählten Lebensentwurf dem Einzelnen aufbürdet, sie wird in einem nie zuvor gekannten Ausmaß von privatem Geld abhängig sein, doch anderes wird nicht geboten. Arbeit am Selbst, und zwar lebenslänglich – das ist der kategorische Imperativ des Pop.

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 06/2003
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