Porto Alegre

Am letzten Tag des Weltsozialforums sprach endlich jemand die einfache – aber offenbar schwierige – Wahrheit vor großem Publikum deutlich aus. Es war eine arabische Feministin, die am Montagmorgen von der Bühne in Porto Alegres größter Sporthalle rief: "Ich unterstütze alle Antikriegsdemonstrationen. Aber bevor wir gegen George Bush protestieren, müssen wir gegen die Regime protestieren, die uns unterdrücken – zum Beispiel Saddam Hussein!" Der Applaus war flau.

Bis dahin waren in Sachen Krieg auf dem Weltsozialforum eher beschämende Szenen zu beobachten: Die irakische Delegation wurde frenetisch gefeiert, als sie bei der Eröffnungsveranstaltung fahnenschwingend in den Saal einzog. Als Beweis für die verderbliche Politik der USA beschworen Redner immer wieder die Verelendung des irakischen Volkes – als sei Saddam Hussein daran unschuldig. Man verteidigt den Irak, als ginge es um Beistand für eine nationale Befreiungsbewegung, die von imperialistischen Aggressoren bedroht wird.

Alle möglichen und unmöglichen Kriegsgegner traten auf: der bärtige Kirchenmann aus Uruguay, der auf der Großdemonstration ein Stück Pappe mit dem Wort Paz hochhielt; der kommunistische Ideologe, der vor fast leerem Saal ein wirres Pamphlet gegen den militärisch-industriellen Komplex verlas; der Pazifist aus Simbabwe, der für die Idee einer gewaltlosen Eingreiftruppe von geschulten Zivilisten für Krisengebiete warb. In der Liste der über 1700 Workshops fanden sich die Friedensforscher der Universität Göteborg neben Esoterikern wieder, die gegen den Krieg meditieren wollten. 33 Jugendliche aus aller Welt saßen in einem großen Kreis und erzählten einander, wie Armeeoffiziere in den Schulen ihrer Länder immer aggressiver um Nachwuchs werben. Schließlich bat eine Moderatorin alle aufzustehen, die Hände zu heben und zu klatschen, erst langsam, dann immer schneller.

Das Volk von Porto Alegre kommt aus aller Herren Länder. Sie sind Aktivisten, die für eine bessere Umwelt kämpfen, für Mindestlöhne, ein Recht auf kostenlose Bildung oder einen gerechten Welthandel. Was sie eint, ist die Überzeugung, dass der globalisierte Kapitalismus die tiefere Ursache der Probleme ist, mit denen sie kämpfen, eigentlich aller Probleme. Und dass Krieg ein furchtbares Übel ist. Ein brasilianischer Lehrer stellte sich auf einer der Veranstaltungen vor: "Ich arbeite in einem Komitee, das gegen alle Kriege ist – besonders gegen die, die von den USA angezettelt werden."

Tariq Ali ist noch am konsistentesten, wenn er rundheraus leugnet, dass Saddam Hussein überhaupt gefährlich ist. Ali, ein pakistanischer Schriftsteller und Aktivist, hält vor 10000 Menschen eine peitschende Rede gegen Bush und vor allem gegen Tony Blair. Hinterher pariert er routiniert alle Fragen. Ein MTV-Girl bittet ihn um eine kurze Botschaft für ihre Zuschauer – ohne zu überlegen, sagt Ali: "Es gibt mehr auf der Welt als nur Shoppen und Ficken!" Mr Ali, wie soll die Welt mit der Bedrohung Irak umgehen? "Saddam Hussein war nur in den achtziger Jahren eine Bedrohung, als ihn die USA unterstützten und mit billigen Waffen versorgten. Heute ist der Irak ein schwaches Land." Amerika gehe es bloß darum, einen Präzedenzfall für seine Weltbeherrschungsstrategie zu schaffen. "Im Übrigen stören sich die USA nur an Diktatoren, die ihnen nicht gehorchen."

Immerhin, bei einem Workshop einer "Weltföderalistenbewegung" sollte das Wann und Wie einer militärischen Intervention in souveränen Staaten diskutiert werden – den fünf Leuten auf dem Podium sitzen schließlich sechs Zuhörer gegenüber. Und hier ist man am Ende bereit einzusehen, dass man in bestimmten Fällen um Krieg wohl nicht herumkomme. Ein Vertreter von Human Rights Watch beklagt, dass sich praktisch niemand für den UN- Sicherheitsrat interessiere. Dabei lasse sich doch auch dieses Gremium – ähnlich wie die Weltbank – durch öffentlichen Druck beeinflussen. "Aber vor den Türen des Sicherheitsrates stehen wir immer allein." Zweieinhalb Stunden geht das so, eines der am häufigsten gebrauchten Wörter ist "frustriert". Aus dem überfüllten Seminarraum nebenan dringt mehrmals Jubel herüber, dort mobilisiert eine kommunistische Gewerkschaft für die Weltrevolution.

Human Rights Watch und die Weltföderalisten wollen unter den Globalisierungskritikern für ein "Monitoring" des Sicherheitsrates werben. Ohne großen Erfolg. Dagegen zu sein, gegen den Krieg, den Imperialismus, die Globalisierung, genügt den meisten offenbar. Susan George, die wortmächtige Vizepräsidentin von attac Frankreich, verlässt sogar den Raum, als sie nach Alternativen zum Krieg gefragt wird. "Man braucht Saddam Hussein nicht zu lieben, um Bush zu hassen", sagt sie noch. "Das ist alles, was ich zu sagen habe!"