Manchmal kommt der Fortschritt sogar in der mühsamen Krebsforschung rasend schnell. Anfang vergangenen Jahres erschien der erste Erfolgsbericht in Nature, Ende des Jahres die Fortsetzung im New England Journal of Medicine, und von Juni an wird die Sache als Großstudie an Brustkrebspatientinnen fortgesetzt. Weltweit erstmalig wenden niederländische Ärzte routinemäßig ihre Gendiagnose auf dem Mikrochip an. Die Mediziner vom Antoni van Leewenhoek Hospital in Amsterdam stanzen Proben aus Brustkrebsgewebe und prüfen diese auf 70 verdächtige Gene. Aus deren Aktivität, so ihre These, lasse sich wesentlich genauer als bisher vorhersagen, wer gute und wer weniger gute Überlebenschancen hat. In ein paar Jahren hoffen die Krebsexperten Frauen zielsicher empfehlen zu können, ob eine aggressive Chemotherapie geboten ist oder ob eine Tumorentfernung mit anschließender Bestrahlung ausreicht.

Rückblickende Gentests mit vorhandenem Material hatten gezeigt, dass die Technik den Krankheitsverlauf sicherer vorhersagen kann als Biochemie, Gewebebeurteilung und Lymphknotenstatus. Bis zu 35 Prozent aller Chemotherapien könnten den erkrankten Frauen erspart werden, kalkulierte die Studienautorin Laura van't Veer. Außerdem würden nicht mehr so viele Fälle mit hoch gefährlichen Krebsformen übersehen. Allerdings wird erst der klinische Einsatz in der neuen Testreihe zeigen, wie gut sich im klinischen Alltag der Verlauf einer Brustkrebserkrankung wirklich voraussagen lässt.

Das Werkzeug für die maßgeschneiderte Diagnose sind Mikrochips, so genannte Microarrays. Auf ihnen lassen sich die Aktivitäten von maximal 33 000 Genen gleichzeitig beobachten. Statistische Algorithmen extrahieren aus den grünlich funkelnden Mustern jene Gene, die in einem bösartigen Tumor aktiv sind, in einem entsprechenden normalen Gewebe aber stumm bleiben. Das können wie beim Brustkrebs 70 Gene sein oder wie bei einer Leukämie nur 13. Das Verfahren ist in der Krebsmedizin zurzeit der Renner: In den letzten drei Jahren verzehnfachte sich die Zahl der Forschungsarbeiten mit Microarrays.

Doch das Microarray ist nicht nur eine Blackbox, die mit Zellen gefüttert wird und am Ende Ergebnisse ausspuckt. Das Funkeln auf dem Chipkarree verrät mehr. So siedeln sich Metastasen im Körper auf zweierlei Weise an: Entweder streut der Tumor entartete Zellen rein mechanisch mit dem Blutstrom im Körper, oder aber er bildet aggressive Zellen, die darauf spezialisiert sind, in andere Organe einzudringen. Bedingt wird diese Fähigkeit durch die Aktivierung des Gens für das Eiweiß Cyclin-E. Eine Patientin, bei der ein Lymphknoten befallen ist, das Cyclin-E aber ruht, hat daher eine deutlich bessere Prognose.

Auch in Deutschland wird bereits mit dem Genchip am Brustkrebs gearbeitet.

Allerdings gibt es - anders als in den Niederlanden - keine konzertierten Aktionen nach dem ersten Schwung. Die Microarray-Forschung ist im Ansatz stecken geblieben. "Was die Niederländer machen, würde ich auch gern tun", sagt André Ahr, Gynäkologe an der Goethe-Universität in Frankfurt. Ahr hat mit Microarrays Brustkrebspatientinnen beforscht und seine Ergebnisse in der Fachzeitschrift Lancet veröffentlicht. Nach seiner Publikation erhielt der Wissenschaftler Einladungen in die ganze Welt. Leider fehlen ihm nun für eine größere Folgestudie die Gewebeproben. "Die Niederländer haben in Nature publiziert und bekamen massenhaft Unterstützung von den Kollegen", sagt der Arzt, "hier hilft man sich gegenseitig nicht, sondern behindert sich nur."

Werner Böcker, Direktor der Pathologie an der Münsteraner Uni-Klinik, ist ebenfalls enttäuscht. In Deutschland würde gerade in der Brustkrebsforschung vor allem auf konventionelle Studien gesetzt. "Da wird unglaublich viel Geld reingebuttert, um ein Prozent mehr Erfolg zu kriegen", sagt Böcker, "das wirklich Zukunftsweisende wird hier krass vernachlässigt."