Auf einmal war er da, aus irgendeiner Designerboutique in die Via Stredas gestoßen, um die siebzig, fünfundsiebzig, lilienweiße Skihose über den dünnen Beinen, weiße Boots an den Füßen, um die schmächtigen Schultern ein aufwändiger, bis zur Hüfte reichender Pelz, darunter ein gelber Pullover über weißem Haikragenhemd, um den Hals geknotet ein cremefarbenes Seidentuch, engagierte Bräune im ovalen, altersfleckigen Gesicht, die verbliebenen, nackenlangen Haare streng nach hinten gekämmt, auf einmal also war dieser Dandy mitten in der Straße, hinter ihm ein Wölkchen Vanillin, süßliches Eau de Toilette, bis er, nach raschen, jungen Schritten, in die Talstation einkehrte, um mit der Bahn auf den Corviglia hinaufzufahren, vielleicht für einen Apéro an der Schneebar Alpina oder für einen Veuve Clicquot im Yachtclub auf 2800 Meter. Was blieb, als er ging, waren der Duft der Eitelkeit und die Frage, wie viel Stil die heutige Zeit verträgt, wie viel Form und Klasse an einem Ort noch anzutreffen sind, der zum Synonym des Jet-Sets geworden ist.

Die weinrote Rhätische Bahn hatte mit einem Ruck am Bahnhof von St. Moritz gehalten, ich war ausgestiegen (die Kälte: mild) und hatte mich auf einen ersten Spaziergang über die Via Serlas in Richtung Plazza da Scuola begeben, auf der Suche nach dem Mythos, nach dem heiligen Moritzer Märchen von den Reichen und Schönen, Mondänen und Schicken. Nach der Begegnung mit dem parfümierten Beau stellte ich nun erstens das ästhetische Grauen, den betonreichen Anticharme des Ortes fest und fügte zweitens, beim Anblick schlurfender Snowboard-Kiddies, pferdeschwanzmähniger Schirmmützenträger und chillender Kleinstadt-Slacker, die Vermutung an, St. Moritz sei ein ganz gewöhnlicher, spätmoderner Wintersportort, dessen Leistung, wenn überhaupt, es ist, seinen Besuchern die lukrative Illusion von Exklusivität zu verkaufen.

Um die Jahrhundertwende zelebrierte hier die weltgewandte Aristokratie; zwischen den Kriegen liefen Hollywood und seine Großen auf, in den Fünfzigern die Patriarchen Thyssen, Niarchos, Agnelli, Onassis; in den Sechzigern und Siebzigern feierte die Playboy-Generation. Davor, danach, dabei: berühmte Musiker, Politiker, Sportler. Nach dem Verschwinden eines verbindlichen Stilkatalogs Mitte der achtziger Jahre kamen die Neureichen, die Sternchen der globalen Kulturindustrie und die "VIPs" aus Duisburg. Heute darf jeder alles, und nichts zählt, weil alles zählt.

Das teuerste Sportereignis aller Schweizer Zeiten

Früher, hört man Einheimische sagen, sei es undenkbar gewesen, dass Touristen im Palace einen Kaffee getrunken hätten, schlecht angezogen, mit dicken Bäuchen, lautem Lachen und schreienden Kindern – unmöglich das, früher. Grenzenlos die Macht der Conciergen, damals. Statt eines ästhetischen Anspruchs besitzt St. Moritz heute die größtmögliche Boutiquen- und Bijouteriendichte.

Das einstige Dorf, das sich Jahrzehnt für Jahrzehnt urbanisiert, hat sich dem Lauf der Welt geöffnet und also auch dem Event-Marketing verschrieben. Es putzt sich just à jour, wie man sagt, rüstet sich zu für seine vierte alpine Ski-Weltmeisterschaft vom 1. bis 16. Februar, zu der 2500 Medienvertreter, 15 TV-Stationen, 100000 Zuschauer, 400 Athleten aus 60 Nationen in 10 Rennen erwartet werden. Tafeln, Fahnen und (aus 198300 Litern gefrorenen Wassers) der Ice-Lounge-Palast des WM-Hauptsponsors Audi auf dem runden Parkhaus an der Plazza da Scuola sind sichtbare Zeichen für eine organisatorische Selbstsicherheit, die das Zeitalter der Superlative mit neuem Futter zu nähren imstande ist: eine Milliarde Schweizer Franken Gesamtinvestitionsfreude, der teuerste Sportanlass aller Schweizer Zeiten. Ferner: DJ Bobos WM-Song, die modernsten Sesselliftanlagen, 350 Kilometer Pisten, 260 Kunstschneekanonen, das höchstgelegene Skigebiet Europas, sowieso 322 Sonnentage im Jahr, "Top of the World", die reinste Luft, Südklima, ach! Die "modernste Skiregion der Welt", der steilste Herrenabfahrtsstart aller Zeiten, 45-Grad-Neigung, freier Fall in sieben Sekunden auf 140 Stundenkilometer, wodurch die Sportler mit, sagen wir, halber Pferdestärke einen Porsche schlügen.

Und hier, an der Plazza da Ceremonia, wo in Bälde die telegene Siegerehrungs-Startnummernauslosungs-Selbstrepräsentations-Party-WM-Show-Bühne aufgebaut werden soll, vor dem Schulhaus mit wandgemalten Aphorismen von Dante und Shakespeare (wie es das Dorf überhaupt gern mit der großen Weisheit hält und kurz unterm Himmel, auf Spazierwegen in 2400 Metern, Schopenhauer zitiert und Sokrates und Sartre), hier, auf den Straßen, in den Gassen und Bars, trifft man sie an: die nerzpelzbemantelten Grazien mit schwarzer Gucci-Sonnenbrille, die luchspelztragenden Diva-Imitate mit Zobelmütze und Ponyfellstiefeln, die labelversessenen Neo-Bohemiens, die, an Davidoff-Zigarren nuckelnd, ein eher lautes Gelächter bevorzugen.