Von einem Musikinstrument erzählt das Märchen, dem mysteriösen Spielwerk. Sein ganzes Leben lang hat der alte Meister Florian in einer mittelalterlichen Stadt daran herumgewerkelt. Eigentlich ist es ein gigantisches Glockenspiel und doch auch ein immaterielles Phantominstrument. Als universale Beglückungsmaschine soll es den vollendeten Wohllaut verströmen, mit sagenhaftem Klingklang alle Schönheiten der Natur und die Reinheit der menschlichen Liebe ertönen lassen und die ganze Welt in Frühlingsstimmung versetzen. Aber das All-Instrument hat einen Defekt: Satanische Gegenklänge und Misstöne der Wollust haben sich eingeschlichen. Aus der Himmelsharfe wird eine böse Sündenorgel, die zu dionysischer Enthemmung anstachelt. Eine Prinzessin und ihr Geliebter, der Sohn des Meisters Florian, berauschen sich an dem Spielwerk und taumeln ins Verderben. Die Prinzessin halluziniert eine letzte orgiastische Überfeier, in der sie sich nackt dem ganzen Volk hingeben und das Spielwerk verbrennen lassen will. Hoch züngeln die Flammen der Leidenschaft. Schließlich verglühen Lust, Welt, Kunst und Liebe gleichermaßen in einem apokalyptischen Untergangsrausch.

Typisch Schreker. Kein Opernstoff ohne Ausschweifung, Gewalt und seelische Verwüstung. Immer hat eine selbstzerstörerisch lüsterne Femme fatale ihren großen Auftritt. Immer geht die Reise hinab in die dunklen Untergeschosse der menschlichen Triebe, wo die Obsessionen und Perversionen lauern. Das Traumdenken Sigmund Freuds treibt die Handlung in den vom Komponisten selbst verfassten Libretti voran, und über allem lastet die narkotisierende Wirkung einer verschwenderisch aufrauschenden Musik. Der Österreicher Franz Schreker, geboren 1878 in Monaco, war, wenn man so will, auf ganz eigene Weise ein früher Verfechter von Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll. Und das Exzentrischste an ihm ist, dass er sich beim Komponieren gern über die eigene Schulter geschaut hat. Was er, hinter sich stehend, beobachtete, fasste er, vor dem Notenpapier sitzend, zugleich in Töne und Bilder: wie der Künstler mit dem Künstlersein ringt und scheitert. Die Musik taucht in seinen Stücken immer wieder als Metapher ihrer selbst auf, im utopischen Fernen Klang, dem der Komponist Fritz in der gleichnamigen Oper hinterherjagt, oder im ominösen Spielwerk , das nicht nur märchenhaftes Zauberinstrument ist, sondern zugleich als visionäres Abbild von Schrekers eigenem Musikschaffen erscheint – ein Klangmysterium, das die höchsten Glockentöne der Versöhnung von Kunst und Leben anstrebt und am Ende doch nur die Wonnen der Vergeblichkeit orchestriert. Schreker liebt solche symbolistischen Spiegeleffekte.

Wobei seine unmittelbar nach dem Fernen Klang geschriebene Oper Das Spielwerk und die Prinzessin besonders verrätselt schillert. Die Handlung erschließt sich nur aus raunenden Andeutungen, Schreckensvisionen und Erinnerungsgemunkel der Protagonisten. Schimärenhaft fließen die Ereignisse ineinander. Ungreifbar ist vor allem das Spielwerk selbst, das nur in der Schilderung derer, die es vernommen haben, etwas von seiner dämonischen Wirkungsmacht erahnen lässt. Erklingt es, vom erhabenen Flötenspiel eines fahrenden Handwerksburschen zum Schwingen gebracht, hört man allerdings nur eher mickrig leierndes, naiv spieldosenhaftes Glocken- und Harfengeklingel – ein matter Vorschein der wahren Klangmagie hinter den realen Klängen. Auch das ist typisch Schreker: Der ganz große Zauber leuchtet erst jenseits der Töne.

Vom Vergessen begraben

Ein ätzender Polemiker wie der Komponistenkollege Hans Pfitzner fand solche Vagheit der Fantasie freilich nur impotent, er sah in ihr die "Unfähigkeit, wahrhaft zu zeugen und zu gebären". Mit Schmähungen verschiedenster Couleur musste Schreker leben. Für die Protagonisten der Neuen Sachlichkeit und die Avantgardisten der Zweiten Wiener Schule war seine Kunst bereits in den zwanziger Jahren von gestern. Die nationalsozialistische Kunstpolitik bereitete seinem Leben und seinem Werk schließlich ein jähes Ende. Der Komponist Schreker ward "vom Vergessen wie von einem schweren Stein begraben", schrieb Adorno.

An der Kieler Oper hat nun die Regisseurin und Intendantin Kirsten Harms Das Spielwerk und die Prinzessin auf die Bühne gebracht (nachdem es in Darmstadt bereits zu Beginn der Spielzeit Premiere hatte). Kaum ein Opernhaus hat sich nach der Doppeluraufführung 1913 in Frankfurt und Wien je wieder an das Stück gewagt. Eine Ausgrabung mit Seltenheitswert, zumal in Kiel die eigens wiederhergestellte Erstfassung gegeben wurde mit ihrem pessimistischen, unversöhnlichen Schluss, den der Komponist gleich nach den ersten Aufführungen umgearbeitet hat. Die Schreker-Renaissance an den Opernbühnen, die in den achtziger Jahren mit wenigen, aber spektakulären Neuproduktionen begann und zwischenzeitlich schon wieder beendet schien, kommt nun offenbar erst richtig in Schwung. In Berlin, Stuttgart und Frankfurt tauchen seine zentralen Werke Der ferne Klang,Die Schatzgräber und Die Gezeichneten wieder auf den Spielplänen auf. In Kiel hat man sich sogar auf die nahezu unbekannten Randwerke konzentriert und mit Flammen,Christophorus und dem Spielwerk gleich eine Werktrilogie erarbeitet.

So wird das mächtige Brausen der schrekerschen Opernorgel wieder vernehmlicher, und der Sog ist nach wie vor enorm, der von der unbestimmt vagierenden Harmonik ausgeht oder dem wie mit geschlossenen Augen imaginierten Bewegungsfluss der motivischen Linien. Der Schreker-Kenner und Komponist Gösta Neuwirth hat einmal eine Szene aus den Gezeichneten als minutiös ausgearbeitete Kamerafahrt über Genua beschrieben – moderne Kinodramaturgie ist bei Schreker nicht weit.

In anderen Szenerien jedoch glaubt man dann wieder nur ein altes Fin-de-Siècle-Ölgemälde vor sich zu haben – ein expressiv sich kräuselnder Mundwinkel hier und ein schwül-durchsichtiger Faltenwurf dort. Ist Schreker nicht ein sehr musealer Erotomane? Sind die opulenten Entgrenzungsräusche seiner Musiksprache nicht doch unrettbar von gestern? Oder macht ihn gerade diese hingebungsvoll altmodische Lüsternheit heute wieder interessant, weil sie den Abstand markiert zu unserer erotisch entzauberten Gegenwart?