Kurz nach fünf scheint ein voller Mond ins Hotelzimmer in Stockholm. Das sieht nach Kälte aus. Die ganze Nacht hat starker Südwestwind geblasen, der das Eis auf dem Mälarsee getrocknet haben muss. Die Meteorologen und Eisexperten haben sich unnötig gesorgt: Vikingarännet, der Schlittschuhmarathon über 80 Kilometer, kann stattfinden.

Der zweitlängste Schlittschuhlauf der Welt (nur die äußerst selten stattfindende holländische Elf-Städte-Tour über 200 Kilometer ist noch härter) hatte seit dem ersten Versuch 1999 stets abgekürzt oder abgesagt werden müssen, weil der alte Wikinger-Wasserweg über die Seen zwischen Uppsala und Stockholm nicht vollends zugefroren war. Auch in diesem Jahr waren die Temperaturen in den drei Tagen vor dem Rennen plötzlich auf sechs Grad gestiegen. Auf der geräumten Strecke stand Wasser, das nachts überfror. Für Schlittschuhläufer ist dies das Schlimmste: överis. Das Doppeleis bildet über dem tragenden Eis eine trügerische zweite Fläche, die einbricht und den Läufer leicht stürzen lässt. Die splitternden Eisscherben sind glasscharf und können zu Verletzungen führen. »Notfalls«, hatte Rennleiter Anders Tysk gesagt, »werde ich vor den Läufern Motorräder über die Piste schicken, die das Doppeleis brechen.«

Aber jetzt müsste es eigentlich gut aussehen. Zum ersten Mal wird das Wikinger-Rennen wie geplant über die gesamte Strecke gehen. Ich nehme Schlittschuhe, Eisstöcke und Rucksack. Der Nachtportier gibt mir das Proviantpaket. Ein Zettel klebt darauf: Viel Glück beim Rennen.

Das Eis in den Schären ist nicht weiß, es ist schwarz

Am Treffpunkt hinter dem Stadshus wartet Bengt schon auf mich. Wir wollen mit Stockholms Skridskoseglarklubb, dem SSSK, zum Start nach Uppsala fahren. Aus dem Dunkel tauchen die Sportsfreunde auf. 10. 30. 100. 200. Schwedens größter und ältester Schlittschuhklub hat 12000 Mitglieder. Man tauscht Wetterprognosen aus. Wird der Wind auffrischen? Wird er schieben oder von vorn kommen? Fachsimpeleien über neue Schlittschuhmodelle. Einige haben Unterschenkel und Schuhe in Erwartung einer nassen Strecke mit Plastik verklebt. Zwei halten die Warterei auf die Busse nicht aus, sie gehen hinunter ans Mälarufer, schnallen an und drehen eine Runde auf dem Eis.

Erstaunlich: Die meisten hier sind deutlich über 40 Jahre, viele über 60, manch einer und manch eine traut sich die 80 Kilometer sogar noch jenseits der 70 zu. Ist Schlittschuhlanglauf ein Alteleutesport? Die jungen Leute kämen halt so früh morgens nicht aus den Federn, sagt Bengt, selbst 62. Viele Mitglieder fänden erst Mitte 30 zum Club. »Und was die Alten angeht – warte ab, bis du sie auf dem Eis siehst. Da werden sie ganz jung.«

Bengt hat mir am Tag zuvor auf dem Eis der Ostsee in den Schären vor Stockholm einen Crashkurs im Schlittschuhlanglauf gegeben. Als junger Bursche hatte ich Eishockey gespielt, und ich dachte, mich mit Schlittschuhen und Eis ganz gut auszukennen. Mit den 40 Zentimeter langen Tourenschienen aus Sandvik-Messerstahl, die einfach unter traditionelle Langlaufskischuhe geschnallt werden, war ich auch gut zurechtgekommen. Aber vom Eis, vom richtigen Eis, das musste ich erfahren, hatte ich Kunsteisläufer keine Ahnung gehabt.

Das Eis in den Schären war nicht weiß, sondern schwarz. Und endlos. Kilometerweit konnte einen der Wind über spiegelglatte Flächen treiben. Es gab schrundige Passagen und Waschbretteis, das die Schlittschuhschienen regelrecht klingeln ließ. Es gab Bröseleis, das einen zwang, mit dem Körpergewicht auf den Schlittschuhenden zu laufen. Es gab weiches Eis, das einem bei Gegenwind zur Qual werden konnte. Es gab nasse Flächen, und nur der erfahrene Führer konnte wissen, dass darunter sicheres Eis ist. Es gab Löcher, Brüche, Spalten und Risse.