Je naiver Steven Spielbergs Kinofantasien auf der Leinwand Gestalt annehmen, desto sicherer kann er sich des Zynismus seiner Kritiker sein. Die erste Vorführung seines neuen Films Catch Me If You Can fand vor einigen Monaten direkt im Anschluss an den neuen Spike-Lee-Film 25th Hour statt, dessen Verlogenheit so ziemlich jedem der Anwesenden Magenbeschwerden bereitete. Zwischen den Filmen bemerkte dann jemand, dass er sich nach diesem Desaster richtig auf den Spielberg-Film freue, da man bei Spielberg wenigstens noch ehrlich für dumm verkauft werde. Foto: Andrew Cooper / © 2002 Dreamworks LLC

Catch Me If You Can ist seit der eher belanglosen Kriegsfilmparodie 1941 vielleicht der erste Film von Steven Spielberg, an dem jeglicher professioneller Zynismus abperlt wie ein sehr teurer Champagner – der im Film selbst auch reichlich konsumiert wird. In den letzten Jahren machte Spielberg seinen Kritikern die kritische Distanz zu leicht, da seine Arbeiten in fast messianischer Selbstüberschätzung am Ende immer zu moralisch, zu patriotisch, zu familienfixiert oder kitschig gerieten. Nach den bedeutungsschwangeren Der Soldat James Ryan,A.I. und Minority Report wirkt sein neuer Film jetzt fast wie eine musikalische Fingerübung; eine elegante Jazznummer, deren Melodie und Rhythmus Spielberg mit überraschender Lässigkeit beherrscht.

Leonardo DiCaprio spielt Frank Abagnale junior, von 1964 bis zu seiner Ergreifung im Jahr 1969 Amerikas meistgesuchter Krimineller. Das Leben dieses Hochstaplers gehört zu den erstaunlichsten Verbrecherbiografien der FBI-Geschichte. Als Abagnale 1969 mit 21 Jahren von der französischen Polizei gefasst wurde, war er als Kopilot für PanAm über zwei Millionen Meilen geflogen, hatte in Georgia als Arzt sowie in Louisiana als Anwalt praktiziert und während seiner Flucht in über 26 Ländern und nahezu allen amerikanischen Bundesstaaten mit gefälschten Schecks vier Millionen Dollar gemacht. Eine Geschichte also, die sich fast von selbst erzählt.

Zunächst muss Abagnales Biografie natürlich zu einer Spielberg-Geschichte werden. Genau dieser Transfer macht Catch Me If You Can nach Minority Report so bemerkenswert, obwohl beide Filme in seiner Karriere an den äußersten Enden des Spektrums angesiedelt sind. Im Kern variieren sie alte Spielberg-Themen wie traumatische Vater-Sohn-Konflikte und die Sehnsucht nach familiärer Geborgenheit. Spielbergs eigene kindliche Naivität trifft jedoch bei Leonardo DiCaprio und Christopher Walken als Sohn und Vater auf unerwarteten Enthusiasmus. Nie war Walken mehr Kind im Manne als in seiner Rolle als Frank Abagnale senior, einer tragischen Figur vom Format eines Willy Loman. Er hat sein Geschäft in den Ruin getrieben, seine Frau (Nathalie Baye) an einen Geschäftsfreund verloren und muss schließlich per Bus zum Treffen mit dem Sohn fahren. Während sein eigenes Leben nur noch aus Ratenzahlungen besteht, lebt Frank junior nun Daddys frühere Ambitionen für ihn weiter. Die Briefe des Sohnes mit all den Hochstaplergeschichten sind sein Imaginationsraum eines besseren Daseins, jener Zeiten also, als er noch die Maus war, die sich aus dem Sahne-Eimer kämpft, indem sie die Sahne zu Butter strampelt – eine Lektion, die er dem Spross mit auf den Weg gab.

Die symbiotische Beziehung zwischen Vater und Sohn ist das schönste und unprätentiöseste Stück Familiengeschichte, das Spielberg bisher erzählt hat. Unprätentiös vor allem, weil sie sich fast ausschließlich über Blicke, Gesten und Andeutungen vermittelt. Einmal muss Frank senior seinen Sohn aus dem Direktorenzimmer abholen, nachdem der sich an seiner neuen Schule eine Woche lang als Lehrer ausgegeben hat. Draußen zwinkert er dem Junior zu und kann sich das Lachen nicht verkneifen.

Genau spiegelbildlich funktioniert in Catch Me If You Can Frank juniors Beziehung zu seinem Jäger, dem FBI-Agenten Carl Hanratty (Tom Hanks). Für den Betrüger ist der rastlose Jet-Set-Lifestyle eine einzige Kompensation für ein nie erlebtes Familienleben, die Flucht vor dem FBI auch eine Flucht vor der Erkenntnis, dass sein Vater versagt hat. Der Polizist bleibt für Abagnale gewissermaßen letzter Kontakt zur Realität, wenn er ihn Jahr für Jahr zu Weihnachten im Büro anruft. Tom Hanks spielt Hanratty wie einen Magengeschwür-Patienten, dem jedes Lachen körperliche Schmerzen bereitet. Dass sich die Leerstellen in beider (Familien-)Leben letztlich komplementär verhalten, macht ihr jahrelanges Katz-und-Maus-Spiel so obsessiv.

Spielberg scheint das caper- Movie, den "Bruch"-Film, dieses dekadente Luxusprodukt der Sechziger, zu lieben und macht mit Catch Me If You Can eigentlich nicht viel mehr, als dessen Elemente im Hinblick auf Tradition und Stil zu arrangieren: von der animierten Titelsequenz über John Williams Jazz-Lounge-Score zwischen Thomas Crown und Pink Panter bis hin zum umwerfenden Sixties-Retro-Look. Immer wieder bleibt der Blick an luxuriösen Interieurs, teuren italienischen Shirts und knallbunten Bikinis hängen, fährt die Kamera entlang an elegantem Schuhwerk und haftet sich ehrfurchtsvoll an maßgeschneiderte Uniformen. "Warum gewinnen die Yankees wohl jedes Spiel?", lautet eine andere Lektion Frank des Älteren. "Weil der Gegner den Blick nicht von ihren Streifen am Trikot lassen kann."

Diese Streifen an Franks strahlend weißer Pilotenuniform lassen Kinderaugen strahlen und Damenherzen höher schlagen. Die unschuldigen Sechziger sind hier noch gefeit vor den Gefahren einer Autoritätsfixierung. Uniformen sehen in Catch Me If You Can vor allem gut aus – und noch besser, wenn ein bildhübscher Junge wie Leonardo DiCaprio drinsteckt. Spielbergs Leistung besteht darin, den unvoreingenommenen Blick auf diese geschmackvolle Leere nicht wieder durch historische Ereignisse zu verstellen. Sein Film kostet das aufregende Gefühl von jugendlicher Verantwortungslosigkeit hemmungslos aus, das Leben erscheint kurzzeitig wie ein Spiel – Verbrechen als korrekter Lifestyle. Die Zeitungen hatten den echten Abagnale als "James Bond der Lüfte" bezeichnet, und im Film kauft sich DiCaprio daraufhin den silbernen Aston Martin aus Goldfinger. Immer wieder springt Spielberg in Catch Me If You Can vom Spezifisch-Biografischen ins Allgemein-Popkulturelle und versichert sich damit der mythischen Essenz seiner Geschichte. Abagnale junior mag höchst real sein, aber er ist auch der ewig jugendliche Träumer, der in uns allen steckt, nicht zuletzt in Spielberg selbst.