Die Ruinen des New Yorker World Trade Center rauchten noch, als der amerikanische Kongress ein Gesetzesbündel zur Terrorismusbekämpfung unter dem Titel USA Patriot Act verabschiedete. In vielen Bundesstaaten fielen die Schranken vor geheimer Telefonüberwachung. Dem FBI wuchsen neue Kompetenzen zu: Im Meer der weltweiten elektronischen Datenbanken darf die Polizeibehörde Schleppnetze auswerfen, die noch die kleinste, scheinbar deviante Buchausleihung (zum Beispiel Krieg und Frieden oder Der Koran ) in öffentlichen Bibliotheken samt dem Namen ihrer Leser registrieren können. Dabei hilft eine Sortiermaschine der U.S. Navy für computergestützte Kriegsführung.

Nicht nur Flug-, sondern auch Tauchschulen werden nach muslimisch klingenden Namensträgern durchforstet: Gefahndet wird nach el Schnorchler, dem unbekannten Terroristen. 50000 Amerikaner irakischer Herkunft müssen sich derzeit zu Interviews mit Staatsschützern bereit halten. Das Pentagon baut ein Überwachungssystem namens Total Information Awareness auf, das unter anderem elektronisch zugängliche Informationen über alle Amerikaner (und nicht nur sie) sammeln und gegen Persönlichkeitsprofile von Terroristen abgleichen kann. Ein neues Office of Homeland Security, das so vertraut klingende "Büro für Heimatschutz", vereint 17000 Beamte in der Jagd auf potenzielle Attentäter. Das amerikanische Verkehrsministerium überprüft Flugzeugpassagiere mit dem Softwareprogramm Personicx. Es hat sich bei der Kundenauswahl für die Entsendung von Werbeprospekten bewährt. Die USA werden gerastert, als hätte George Orwell die Gesetze geschrieben: old Europe in der Neuen Welt.

Der Schock des 11. Septembers 2001 sitzt in Washington tiefer als im Rest des Landes. Die Macht der Mächtigsten war herausgefordert worden, und sie reagierten so, als hätte sie das eigene Volk angegriffen. Die Datenschlacht im Namen von law and order gilt nicht religiösen, kulturellen, politischen oder ökonomischen Ursachen des Terrorismus, sondern seinen sprengstoffbepackten Botschaftern. Doch das Böse, von Bush so gern beschworen, lässt sich nicht mit Algorithmen aus der Welt destillieren: Es bewegt sich im Notfall auf Eselsrücken aus der Gefahrenzone wie Osama bin Laden aus Afghanistan.

Der McCarthyismus, die Verdächtigung zahlloser Unschuldiger im Schatten des Kalten Kriegs, endete einst in der Selbsterlösung des US-Kongresses, der dem hysterischen Treiben seines Untersuchungsausschusses gegen "unamerikanische Aktivitäten" einen Riegel vorschob. Noch immer hat die amerikanische Verfassung allen Versuchen widerstanden, sie abzuschaffen. Wenn erst einmal ein Hacker-Geschöpf namens Alexis de Tocqueville vom FBI vorgeladen wird, weil es The Triumph of Liberty eines gewissen Thomas Paine aus einer Universitätsbibliothek ausgeliehen hat, dürften die Kontrollgesetze im Hohn und Gelächter der Nation untergehen. Doch die Spötter werden erst einmal erfasst.