Düster die Zeiten, doch Spitzweg ist hell. Spitzweg ist heiter. Spitzweg kennt jeder. Spitzweg lieben alle. Die große Ausstellung im Münchner Haus der Kunst, die vorab zu wesentlichen Teilen in der Schweiz zu sehen war, wird ein grandioser Erfolg, da braucht es keine Prognose. Sie ist, nach dem Blick, den das wunderschöne Schweinfurter Museum Schäfer letztes Jahr auf seine Spitzweg-Schätze erlaubte, die erste umfassende Spitzweg-Schau seit Jahrzehnten. 204 Gemälde zählt der Katalog, dazu kommen noch etliche Zeichnungen, das entspricht im Umfang fast der historischen Jubiläumsschau zum 100. Geburtstag des 1885 verstorbenen Meisters 1908 in München. © Katalog

Einige mittlere, meist aber kleine und kleinste Formate sind versammelt, oft aus Zigarrenkistenholz, wie Spitzweg es liebte, in subversiver Konkurrenz zu den Cinemascope-Leinwänden und Treppenhausdecken, die seine Münchner Kollegen (Piloty, Kaulbach etc.) als Malunterlage so schätzten, in jenen Jahren des Rauschgolds und der Rauschebärte. Etlichen bekannten Bildern begegnen wir in der Ausstellung wieder, wie könnte es anders sein, war doch Spitzwegs Werk hierzulande das erste Opfer der technischen Reproduzierbarkeit, von der Kunst der alten Meister – Raffaels Madonnen und Dürers betenden Hasen – einmal abgesehen. Der ewige Hochzeiter, derBücherwurm, der Kaktusfreund, der Gähnende Wachposten: Sie alle wurden seit dem 19. Jahrhundert tausendfach abgekupfert und nachgedruckt, auf Tassen und Teller gemalt, auf Sofakissen gestickt, in Zinn gegossen. Am Ende verwandelte Spitzweg sich gar selbst in eine Spitzweg-Gestalt; "die Ähnlichkeit des Künstlers mit seiner Kunst", stellt der Illustrator und Maler Hermann Schlittgen 1925 in seinen Erinnerungen an die Münchner Studienjahre fest, sei erstaunlich gewesen.

Gegen den Hurra-Militarismus

Carl Spitzweg – einer dieser verschrobenen Hagestolze, die er selbst so oft gemalt hat? Gewiss war er einer aus der großen Junggesellenwirtschaft des 19. Jahrhunderts, wie Beethoven und Schubert, Bruckner, Brahms, Menzel, Leibl, Schopenhauer, Keller und Busch. Aber doch nicht wirklich ein Spitzweg, nicht wirklich der arme Poet, der Schreiber im schäbigen Rock, der naive Sonntagsforscher: Geboren im Februar 1808 in eine reiche Münchner Kaufmannsfamilie, brauchte sich der Künstler zeitlebens keine Sorgen um seinen Lebensunterhalt zu machen. Chemie und Botanik hatte er studiert, war ausgebildeter Apotheker, auf dem neuesten Stand der Wissenschaft. Er ist schon Mitte zwanzig, als er ernsthaft zu malen beginnt, hat bald Erfolg. Auch wenn er nicht darauf angewiesen ist, auch wenn er manches Bild verschenkt – er verkauft exzellent, in alle Welt, selbst in New York sitzt sein Agent, wie Siegfried Wichmann, der große Spitzweg-Kenner zu berichten weiß.

Vor allem aber ist Spitzweg keiner dieser höhlenbärenhaften Klausner, die er mit besonderer Freude malt. Er spricht allerhand Sprachen, reist gern und viel. Manchmal nur auf der Flucht vor der Cholera in München, meist aber aus Neugier und Lust. Quer durch Bayerns weite Gaue wandert er, durchs "Gebürge", durch Franken, reist in die Schweiz, nach Österreich, besieht sich die Festungen in Oberitalien, fährt nach Venedig, Florenz und Rom, nach Dalmatien, Holland, nach Wien, Prag, Paris. Und nach London, in die Kolonialmetropole, wo er den großen Stoff des Orients prüft und bewundern lernt.

Die Ausstellung folgt diesen Reisen, nicht der Chronik des Werks. Ein guter Einfall, denn in seiner Kunst selbst ist Spitzweg nur wenig gereist: Am Anfang war er eigentlich schon am Ziel, und seine letzten Bilder sind so spitzwegig wie seine ersten.

Was brachte er von seinen Exkursionen mit? Gesten, Lichter, Architekturfragmente, Wetterspiele. Elemente, die er im Atelier zu Szenen einer eigenen Welt zusammensetzte. Seine populären Bilder sind Guckkastenbühnen. Sie zeigen auch nicht wirklich das Biedermeier (wie zum Beispiel der Düsseldorfer Johann Peter Hasenclever, wie die norddeutschen Biedermeier-Realisten ihre Zeit gezeigt haben), sondern sie nähren sich noch von der bürgerlichen Selbstverständigungssatire der Aufklärung, von Lavaters Physiognomik und Chodowieckis familienfreundlichem Sentimentalhumor . Und erinnern seine Sonderlinge, seine komischen Alten, naiven Schönen, Hausväter und Einsiedler nicht (mehr noch als an Goldonis Komödien, die er in Italien erlebt hatte) an das welterfolgreiche Konfektionstheater des August von Kotzebue? Auch Spitzwegs ironischer Blick aufs Militär scheint aus hellerer Zeit zu kommen. All die gähnenden, Fliegen fangenden, Strümpfe strickenden Wachposten: aufklärungsidyllischer Protest gegen jenen mörderischen Hurra-Militarismus, der Deutschland nach den "Freiheitskriegen" von Preußen her erfasst.

Im Übrigen spielt das Welttheater des frommen Katholiken Spitzweg ganz im Diesseits, auch das Geist der Aufklärung. Auch das fast schon subversiv in einer Zeit, in der die Kunst plötzlich wieder devot wird, in der selbst ein Menzel dem Militariakitsch nicht widerstehen kann, in der die Dampftechnik ihren Einzug in die Philosophie, in die Weltanschauung hält und religiös verbrämte Nationalmythen entstehen und wirre Rasselehren. Nichts davon bei Spitzweg. Dafür probiert er andere Dinge aus, bringt aus Frankreich 1851 ein kleines Stück aus dem Wald von Barbizon mit. Es ist dieser Spitzweg, der viel gerühmte Kolorist und "Vorimpressionist", der uns seit dem 20.Jahrhundert fast noch mehr bezaubert als der humoröse Theaterdirektor.