Es gibt Berge, die sind nicht gut genug. Der Berg des Unternehmers George Gillette aus Colorado war so einer. Der Skiort Vail bereitete sich auf die Weltmeisterschaften von 1989 vor, und auf Gillettes Grund und Boden sollte der Beste zum Abfahrtschampion gekürt werden. Die irdische Plattentektonik aber hatte an diesem Ort keine spektakulären Gebirge aufgetürmt: Flach wie ein leicht angehobenes Bügelbrett lag der Hang vor Gillette.

Und sein Begleiter Bernhard Russi schaute ratlos ins Tal. Keine aufgerissene Schlucht, keine bucklige Böschung, keine fiese Delle, die einem Fahrer als Schlüsselstelle einer Rennstrecke hätte Respekt abgewinnen können. Nichts, was einer Piste an diesem Berg ein Markenzeichen hätte geben können. Wie der Hundschopf dem Wengener Lauberhorn. Oder die Mausefalle der Kitzbühler Streiff. Der Amerikaner aber sagte zu Russi: "Bau mir die beste Abfahrtsstrecke der Welt." Der Schweizer Pistenarchitekt antwortete: "Dazu braucht es ein Erdbeben."

In der Not setzte sich Russi an den Hang, der sich flach vor ihm ausbreitete. "Es gibt keine Formel, wie man eine Piste konstruiert. Es ist reine Gefühlssache", sagt er heute und erinnert sich, dass er auch damals tat, was er immer tut, wenn er eine neue Rampe für die Königsdisziplin im Skizirkus entwerfen soll: "Ich horchte in den Berg hinein." Doch der Berg war nicht gesprächig. Und die Erde hatte, als die Sonne unterging, noch immer nicht gebebt.

Immerhin nahm eine simple Idee Gestalt an. Russi griff zu einem Blatt Papier, zog zwei schlangenförmige, nebeneinander verlaufende Linien. Dazwischen, einer Bobbahn ähnlich, stellte er sich einen Kanal vor, dreieinhalb Meter tief. Links und rechts zeichnete er seitliche Aufschüttungen, dreieinhalb Meter hoch. Russi ließ ein Gipsmodell bauen und rannte damit zu Gillette. Der Mann aus Colorado war begeistert. Die beste Abfahrtspiste wurde es nicht. Aber eine Schlüsselstelle, die Schlagzeilen machen sollte, war geboren: Rattlesnake. Die Klapperschlange, Russis Schöpfung, machte den Deutschen Hansjörg Tauscher zum Zufallsweltmeister, der in der Folge keine nennenswerten Resultate mehr zustande brachte.

Auf dem Tisch seines Büros breitet Russi einen Plan aus. Einer Autobahn gleich, krümmt sich ein dicker gelber Wurm durch die Zeichnung. Die Corviglia. Die neue Strecke, die Weltmeisterschaftsabfahrtspiste von St. Moritz. Besser hätte die Plattentektonik nicht arbeiten können. Sie begann hier vor 70 Millionen Jahren die Alpen aufzuwerfen. Später hat sich der Fluss Inn eingegraben, von West nach Ost, und das Engadin geschaffen. So ist unter Beihilfe von Europäischer Erdplatte, Afrikanischer Platte und Erosion eine spektakuläre, bis auf über 3000 Meter Höhe reichende Skiarena entstanden, in der ein Pistenarchitekt die Dinge findet, die den technisch und kämpferisch Besten zum König machen. "Hier musste ich die Geschwindigkeit nicht suchen." Traversen, Kompressionen, Sprünge, Steilhänge: Russi konnte aus dem Vollen schöpfen.

Der 54-Jährige aus Andermatt im Innerschweizer Kanton Uri ist der offizielle Pistenarchitekt der FIS. Seit Calgary 1988 hat er 15 WM- und Olympia-Abfahrten gebaut: darunter La Face in Val d’Isère, die Strecke im Snowbasin von Salt Lake City oder jene am Kvitfjell in Lillehammer. Bereits heute plant er im Auftrag von Pyeongchang: Die südkoreanische Stadt will 2010 die Olympischen Winterspiele durchführen.

Wo das kalkulierte Risiko endet, beginnt der Wahnsinn

Wenn er an einem Hang steht, auf den er eine Piste bauen soll, denkt Russi immer sofort an die Fahrer. Wo wäre der Reiz hinunterzupreschen am größten, ohne dass er für den Kick das Leben riskieren müsste? Russi kann diese Frage stets kompetent beantworten. Schließlich war er lange selbst aktiver Teil des Spektakels. 1970 wurde er überraschend Weltmeister in Val Gardena, zwei Jahre später Olympia-Sieger in Sapporo, da schon als Favorit. Und fast hätte er diesen Coup 1976 in Innsbruck, gegen den damaligen Favoriten Franz Klammer, wiederholt, hätte ihm der Kärntner Erzrivale nicht in den letzten Kurven – in einem der mitreißendsten Skiduelle aller Zeiten – den Sieg noch entrissen. Seit den siebziger Jahren ist Russi in der Schweiz ein Volksheld – bekannt wie Wilhelm Tell, Emil und Ricola.