Eberhard Fuchs ist ein höflicher Mensch. Er klopft an die Tür und wartet einige Sekunden, bevor er sie öffnet und leise hineinbittet "zu unseren Tupaias nach Thailand". Draußen liegt Schnee, drinnen schlägt uns tropisch feuchtwarme Luft entgegen, hier im zweiten Stock des Deutschen Primatenzentrums zu Göttingen. Warnschreie ertönen aus den Metallgitterkäfigen, die links und rechts des Ganges an der Wand hängen. Da, ganz oben auf einem Ast, hockt, mit schräg gelegtem Kopf, ein Spitzhörnchen. Starr beäugt es die Besucher, die sich seinem Revier nähern. Auf den ersten Blick sehen die Spitzhörnchen der Art Tupaia belangeri mit ihrem langen, buschigen Schweif aus wie graubraune Eichhörnchen. Nur ihre Nasen sind auffällig lang. Zack – rasend schnell wirbelt das Tier über Äste, Boden, Wände und Decke des Käfigs und verschwindet dann blitzartig in einem Holzhäuschen.

Das Käfigrennen steckt an, links und rechts rattern die Gitter, macht es "plopp" oder "brrattatatat" auf zwei langen weißen Papierbahnen. Diese decken unter den Käfigen beidseits den Boden ab und fangen Kot und Urin der Tupaias auf. Die kleinen Tiere stinken kräftig – und genau das ist für sie wichtig. "Tupaias sind Einzelgänger. Sie grenzen durch Duftmarken ihr Revier ab", erklärt Fuchs. Dringt ein Fremder ein, kommt es zum Kampf, bis der Unterlegene flieht. Verbaut man ihm die Fluchtmöglichkeiten, gerät er unter massiven Dauerstress. Und genau dessen Folgen wollen die Göttinger Forscher an den Tupaias modellhaft studieren.

Antidepressiva für Unterlegene

Provoziert das Verhindern der Flucht nicht einen Kampf auf Leben und Tod? "Das könnte passieren", sagt Fuchs. "Aber wir wollen auf keinen Fall, dass sich die Tiere verletzen. Deshalb greifen wir bei heftigen Balgereien ein." Verletzungen würden auch die neurologischen Messungen stören. Deshalb klopfen er und seine Mitarbeiter stets an die Tür, um den Besuch anzukündigen: "Manche Tiere dösen und lassen die Beine durch die Gitter hängen. Beim Aufschrecken könnten sie sich verletzen."

Zum Glück bedarf es keiner Dauerkämpfe, um sozialen Dauerstress bei Tupaias hervorzurufen. Es genügt, den Unterlegenen im Nachbarkäfig so unterzubringen, dass er den Stärkeren ständig riechen und sehen kann. Die Forscher ziehen schlicht eine dunkle Trennwand zwischen den Käfigen heraus. "Wir haben festgestellt, dass solch chronische psychische Belastungen zahlreiche Veränderungen bei den Tieren hervorrufen", erzählt Fuchs. "Das betrifft ihr Aussehen und Verhalten, aber auch ihren Hormonhaushalt und insbesondere die Strukturen im Gehirn."

Unter Dauerstress entwickeln die Tupaias Symptome, die an jene (endogen) depressiver Menschen erinnern: Sie wirken lustlos und apathisch, schlafen schlecht, bewegen und pflegen sich wenig, leiden an Appetitstörungen. Gabriele Flügge, eine langjährige Mitarbeiterin von Eberhard Fuchs, kam daher auf die Idee, die Wirkung antidepressiver Medikamente auf gestresste Spitzhörnchen auszuprobieren. Und siehe da: Nicht nur die äußerlich beobachtbaren Symptome besserten sich augenfällig, auch der Hormonhaushalt und sogar physiologische Störungen im Hirn der Tiere normalisierten sich wieder. Die Pharmafirma Merck, Sharp and Dohme kooperiert deshalb bereits bei der Entwicklung neuer Antidepressiva mit dem Göttinger Primatenzentrum. Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und die Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz honorierten kürzlich die Arbeiten von Fuchs und dessen Team mit dem erstmals verliehenen Preis "Gesellschaft braucht Wissenschaft". Begründung: Ihre Grundlagenforschung habe neue Erkenntnisse über die Wirkung von Antidepressiva gebracht und erleichtere die Entwicklung neuer Medikamente.

Das überrascht und wirft viele Fragen auf. Kann man ernsthaft eine komplexe seelische Erkrankung wie die menschliche Depression mit dem primitiven Territorialstress von Spitzhörnchen vergleichen? Haben die Tiere nicht schlicht und ergreifend Angst? "Natürlich ist eine Depression beim Menschen, die ja auch verschiedene Ursachen haben kann, etwas deutlich anderes", sagt Fuchs. Als Primatenforscher kennt er die großen Unterschiede in den Hirnstrukturen von Tier und Mensch. "Doch offenbar gibt es Grundmuster der Stressreaktion, die bei allen Säugern neurobiologisch sehr ähnlich verlaufen." Dies gelte für Mäuse oder Tupaias ebenso wie für Menschenaffen – und nicht zuletzt unsere Spezies. Dass die unterlegenen Tupaias psychosozialen Stress und nicht nur pure Angst durchleben, zeigten Experimente mit angstlösenden Medikamenten (Anxiolytika): Anders als die Antidepressiva halfen sie den gestressten Tieren nicht.

Die jeweilige Stimmung der Tupaias lässt sich relativ einfach an deren Schwanzhaaren ablesen: Diese sind in entspannten Phasen angelegt, bei Stress jedoch gesträubt. Der Zoologe Dietrich von Holst von der Universität München definierte vor mehr als 25 Jahren den "Schwanzsträubwert" (SST) als Erregungsmaß. Der SST gibt in Prozent an, wie lange während zwölf Stunden der Schwanz gesträubt war. Bei harmonierenden Paaren und in vertrauter Umgebung ist der SST kleiner als 5 Prozent. Bei höheren Werten ändern sich zunehmend das Verhalten und die Physiologie der Spitzhörnchen.