Als Shakespeare in Wie es euch gefällt schrieb: "Die ganze Welt ist eine Bühne", da ahnte er nicht, dass er damit auch das Fernsehprogramm seines Landes im 21. Jahrhundert beschreiben würde, das zum größten Teil aus so genanntem Reality TV besteht. Big Brother war erst der Anfang, dann kam Pop Stars , dann Model Behaviour: schöne, mangelernährte, mangelhaft ausgebildete junge Leute, die öffentlich diverse Verhaltenstests durchlaufen mussten, zum Beispiel ein intensives Nachtleben mit sehr viel Sex. Hab ich wochenlang geguckt.

Und jetzt haben wir die Mutter aller Reality-TV-Shows, eine britische Erfindung namens Wife Swap , Frauentausch. Wie der Titel nahelegt, handelt es sich um zwei verheiratete Frauen, die vorübergehend ihre Plätze tauschen, und zwar in allem, nur nicht im Schlafzimmer. Abgesehen von diesem schwerwiegenden (und sehr britischen) Makel ist Wife Swap ziemlich perfekt. Die Idee ist schlicht: Man nehme zwei möglichst unterschiedliche Familien, tausche die Frauen für 14 Tage und warte ab, was passiert. Für die erste Runde wurden eine zur Fettleibigkeit neigende weiße Prollfamilie und eine elegante schwarze Familie genommen. Als die weiße Frau den Kühlschrank aufmachte, stieß sie voller Abscheu auf Kokosmilch, ähnlich angewidert war die Reaktion auf ihre neue Familie selbst. Währenddessen sorgte die adrette schwarze Frau erst mal dafür, dass das Haus der weißen Familie richtig sauber wurde, wozu auch die Entsorgung von 2000 Teddys gehörte (aus einer Kollektion von circa 5000). Die Tochter des Hauses nannte sie "schwarze Zicke", was sie stoisch an sich abperlen ließ.

Haben wir da ein ungeschöntes Stück britischen Lebens gesehen, mit Rassismus, Schmutz, Fettleibigkeit? Oder einfach nur gutes Fernsehen? Die Sendung hatte alle Elemente des Letzteren: interessante Figuren, Drama, großartige Dialoge, kluge Schnitte, eine unauffällige Regie.

Eine andere Episode von Wife Swap führte zur Liebeserklärung eines Ehemanns an seine Frau, nachdem er zwei Wochen mit einer anderen verbracht hatte, die ihn jeden Abend, wenn die Kinder im Bett lagen, ins Gespräch zog (mit seiner eigenen Frau redete er eigentlich nie). In gewisser Weise war es das absolute Gegenteil von einer heimlichen Affäre: vor aller Augen einen Haushalt gemeinsam zu führen, mit all den Drecksarbeiten und ohne das Vergnügen. Vielleicht soll uns der Anblick der harten Realitäten im Leben anderer Leute dazu bringen, unser eigenes wertzuschätzen: halb Unterhaltung, halb moralische Lektion.

Die Kandidaten für diese Shows werden unter Kunden im Supermarkt ausgesucht. Ich hoffe sehr, dass auch ich eines Tages gefragt werde. Nur eine kleine Änderung müssten die Programmmacher vornehmen: Ich würde mich eher in einer Sendung sehen, die Männertausch heißt. Als Shakespeare sagte, die ganze Welt sei eine Bühne, fügte er hinzu, dass ein Mann im Leben manche Rollen spielen würde. Womöglich sind ein paar reale dabei.

* Aus dem Englischen von Frank Heibert. Von Elena Lappin erschien zuletzt: "Natashas Nase". Nächste Woche schreibt an dieser Stelle: Juli Zeh