Im Outfit gewandelt, im Kern unerschüttert. Die ZEIT bleibt auch da dem pluralen Erkenntnis- und Diskursethos Poppers verpflichtet, wo sie selber hart bedrängt wird: Martin Walser verteidigt seinen Schaffensraum, die Sprache, eindrucksvoll und überzeugend - und dazu ist der Künstler zu beglückwünschen.

Sollte er allerdings meinen, den von Habermas geprägten Begriff des Verfassungspatriotismus so nebenbei ad absurdum geführt zu haben, mag er sich irren. Das 19. Jahrhundert - nicht nur als bewahrenswertes Erbe - liegt hinter uns, das 20. Jahrhundert auch bereits

EU-Europa baut an einer gemeinsamen Verfassung: Wie soll das sinnvoll gelingen, wenn nicht auch mit einem Schuss Inspiration aus dem gedanklichen Fundus von Jürgen Habermas?

Karsten Unger Berlin-Heiligensee

Als liberales Blatt waren Sie wohl zum Abdruck genötigt. Inhaltlich aber ist der Vortrag kläglich. Nicht nur ist er weinerlich und moros, das könnte man noch hinnehmen. Er ist aber unerträglich rechthaberisch, überheblich, dabei von jener raunenden Pseudotiefe, die wir nur allzu gut kennen. Da ist er wieder mal, der alte völkische Jargon, jetzt in dem törichten Gegensatz von "Sprache" und "Vokabular", das ist das Weltlich-Begriffliche, das Machtverklebte, das Unreine, das Uneigentliche. "Vokabulare leben vom Haben, Sprache lebt vom Sein." Wie erhellend: Das ist dünnster Heideggerismus.

Und dann werden sie aufgeführt, die großen Rufer religiös-existenzieller Sprache, mit denen man so gern mitkrähen würde, Kierkegaard und Barth und auch gleich - warum noch zögern? - Goethe, Schiller, ja Hölderlin, die wir alle seither "verschlampt" haben und in denen die Götter Griechenlands ja noch (noch!) am Leben waren.

Es ist ja richtig (und der einzige schöne Satz in diesem Vortrag): "Täglich tauchen die Diskursfürsten mit neuem Kopfschmuck auf." Aber mit obskurem Geraune vom reinen Ich (Valéry, der ein Leben lang darüber nachgedacht hat, hätte befremdet den Kopf geschüttelt) kann man dagegen nicht angehen, das ist genauso schwach und albern im Innenbezirk wie im Außenbezirk das soeben zum deutschen Unwort des Jahres erklärte "Ich-AG" (was übrigens aus dem Amerikanischen kommt). Auch nicht mit Notzucht an Goya von der Art: "Wenn das Feuilleton träumt, gebiert es Pointen."