Respekt in Sachen Kunst ist tödlich. Respekt war, was man den letzten Werken des Sängers und Gitarristen Lou Reed entgegenbrachte, Anerkennung und Kopfnicken für die Alben Twilight und Ecstasy. Aber frösteln oder sich erregen konnte man angesichts dieser Kunstanstrengungen kaum. Als er mit POEtry im Februar 2000 am Hamburger Thalia Theater zusammen mit dem Requisiten-Zauberer Robert Wilson seine Variationen über Edgar Allan Poe vorstellte, passten diese ins kalte Bild: Best of Poe, eine musikalische Fantasie über Poesie über Poe über Reed. Keiner musste da über alte Träume erschrecken.

Das war beim frühen Lesen einmal anders: Wenn das verräterische Herz des Toten in Tell Tale Heart unter dem Fußboden so laut schlug, dass es den Mörder in den Wahnsinn und die Wahrheit treibt, wenn die Wände des Hauses Usher einstürzen oder das "Nevermore" des Raben wie ein kafkaeskes "Zu spät" tönt, dann spürte man, wie dicht der Alb unter der Oberfläche liegt. Und warum die Musik von Lou Reed immer wie ein Echo auf Poe klang. Viele seiner Songs wie The Gift, The Murder Mystery, Street Hassle, Berlin oder The Bells waren vertonte Kurzgeschichten in jener verführerischen Stimmung aus unausweichlichem Schrecken und Sucht nach Selbstzerstörung. Von der "Welt des Wahns, die den Nervenmenschen umschwebt und ins Verderben führt", schrieb Charles Baudelaire über Poe, und von der "übernatürlichen Wollust, die es einem Menschen bereiten kann, sein eigenes Blut fließen zu sehen". Das galt auch für die Kunst Lou Reeds.

Zwei Jahre nach der Uraufführung von POEtry veröffentlicht der 60-jährige Musiker nun seine Ton-Fassung des Theaterstücks unter dem Titel The Raven (Sire/Reprise 48372): In einer 75-Minuten-Version auf einer CD und einer limitierten Doppel-CD mit 125 Minuten. Und, um es deutlich zu sagen: Die Zugabe ist ein Meisterstück geworden. Kein Alterswerk - wie viele wieder behaupten werden -, er war schon jung alt und verstand sich immer als American poète maudit, den es nur kraft seiner Gitarren-Akkorde in die Welt des Rock 'n' Roll verschlagen hatte.

Den Velvet-Underground-Song European Son hatte er schon 1967 seinem Lehrer an der Universität, dem New Yorker Dichter Delmore Schwartz (1913 bis 1966), gewidmet - über den Saul Bellow den Roman Humboldts Geschenk schrieb.

"Between thought and expression lies a lifetime", sang Lou Reed in Some Kinda Love. Alles war da, nur die Stimme für seine literarischen Rollen versagte ihm oft. Er kann vieles - erzählen, nuscheln, pressen, bellen -, nur eines nicht: singen. Schwer erträglich also, wenn er in der Vergangenheit versuchte, den Melodien seine knödelnde Stimme aufzudrängen, sich in Höhen aufzuschwingen, die ihm fremd waren. Auf The Raven spielt er nun (auch) den Regisseur, lässt Laurie Anderson und David Bowie kurz zu Wort kommen, Kate und Anna McGarrigle singen ein Kinderlied und Steve Buscemi (aus Fargo) bringt einen Broadway-Song. Verschärft gesehen: Je weiter die Räume und Abstände zwischen den zwölf Liedern - die auf beiden CDs enthalten sind -, desto grandioser die Wirkung. Bricht er nach dem Sinatra-gleichen Broadway-Song mit der geballten Gitarren-Wut von Blind Rage herein - "I can't stand it anymore" - und dem trommeldüsteren Walk On Burning Embers, dann saugt seine Musik wie ein Mahlstrom an. Er spürt, wo er zurücktreten muss, überlässt der engelsgleichen Stimme von Antony seinen Berlin-Song Perfect Day, vertraut der klassischen Schauspielerstimme von Elizabeth Ashley das bedrohliche Valley Of Unrest an, wo Bäume bei Windstille zittern und Blumen weinen, bittet Willem Dafoe um sein nervöses Statement von The Raven, dessen "Nevermore" einem unverändert die Luft abdrückt.

Das Ideal Rock 'n' Read

Was in der Theaterfassung von POEtry noch jenen Musical-Geruch von Rocky Horror Picture Show verströmte, verdichtet sich jetzt zu einem Poe-Klang, der das Fern-Erschröckliche durch das Nah-Bedrohliche ersetzt. "Warum machen wir das, was wir nicht sollen? Warum lieben wir, was wir nicht besitzen können?