Das Ende dieses Buches könnte auch ein perfekter Anfang für die Beschreibung der Welt von heute sein. Mária Huber zitiert den US-Politologen Zbigniew Brzezinski: Die Vormachtstellung der USA in der Welt hänge davon ab, ob Washington auf dem eurasischen Kontinent "das Aufkommen einer dominierenden, gegnerischen Macht verhindern" könne. China!, denken wir heute sofort. Noch vor zwölf Jahren hatte die Sowjetunion diese Position inne.

Über den Zusammenbruch der zweiten Supermacht des 20. Jahrhunderts gibt es im deutschen Sprachraum kaum Gesamtdarstellungen. Das ist erstaunlich, denn schließlich markiert nicht der 11. September die epochale Wende zum internationalen System mit nur einer Weltmacht, sondern der 25. Dezember 1991, jener Tag, an dem die Sowjetfahne über dem Kreml eingeholt wurde. Warum zerfiel die Sowjetunion? Viele Forscher verharren in Ehrfurcht vor den komplizierten Abläufen in dem weiten Reich mit elf Zeitzonen. Mária Huber hat ihr Privileg genutzt, die Ereignisse als Wissenschaftlerin und als ehemalige Moskauer Korrespondentin der ZEIT beschreiben zu können. Ihre Darstellung des Untergangs konzentriert sich auf vier Ursachen: die Wirtschaft, den Nationalismus, den inneren Machtkampf und die Rolle des Westens.

Als Michail Gorbatschow am 11. März 1985 zum Generalsekretär ernannt wurde, war die Weltmacht zehn Jahre lang "praktisch führerlos" gewesen. Während an der Staatsspitze alte Männer vor sich hin siechten, erstarrte die Nation im "bürokratischen Selbstlauf". Die Funktionäre in den Planungsinstitutionen konservierten "eine frühindustrielle Entwicklungsphase", in deren Auswüchsen die Selbstzerstörung angelegt war.

Mária Huber beobachtete 1988, wie in einer kleinen russischen Stadt Kartoffeln von Lastwagen auf Waggons verladen wurden. Zunächst rollte ein Teil der Fracht bei der Anfahrt auf den Bahndamm von der Ladefläche. Was von den Kartoffeln übrig war, kippten die Lastwagenfahrer einfach neben das Gleis. Von dort hob sie ein eiserner Greifer auf die offenen Waggons. Bei Regen verfaulte die Ladung auf dem Transport. "Durch solche Schlampereien", schreibt Huber, "ging Jahr für Jahr etwa ein Drittel des Getreides, Fleisches und Gemüses verloren."

So lief die Wirtschaft im ganzen Land: ohne Disziplin und Verantwortung.

Gorbatschow versuchte, die Misere zu bekämpfen. Doch seine Kraftakte zielten häufig an den Ursachen des Verfalls vorbei. Die Kampagne gegen den Alkoholismus zerstörte Weinstöcke und viele Existenzen im sowjetischen Süden, beseitigte aber nicht den russischen Durst auf Hochprozentiges. Mehr Autonomie für Großbetriebe zehrte die Kassen des verarmenden Staates aus.

Reformen für die KPdSU behoben nicht das Problem, das die Partei selbst darstellte.