Niemand, der heute Zeitungen oder Zeitschriften aufschlägt, kann ihr entkommen: der Unschärfe. Massen von unscharfen Fotos, im redaktionellen Teil und in den Anzeigen, häufig ohne zwingenden Grund. Wiewohl alle das Phänomen sehen, scheint sich doch keiner darüber zu wundern, außer dem Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich, der in seiner Geschichte der Unschärfe nun die naheliegende Frage stellt: "Warum können Bilder populär sein, auf denen kaum etwas zu erkennen ist?"

Das natürliche Wahrnehmungsphänomen alternder oder beschädigter Augen, Konturen oder Details nicht mehr scharf sehen zu können, sowie die Beeinträchtigung der Sicht durch Nebel, Dämmerung, Überstrahlung war für die Kunstgeschichte, um die es Ullrich zuerst geht, über Jahrhunderte kein Thema der Ästhetik. Allerdings verwendete Leonardo für die Fernwirkung von Landschaften sein berühmtes sfumato, Rembrandts Interieurs und Porträts kennen Unschärfe und extremen Schatten, die romantische Landschaftsmalerei schließlich liebte den Schleier von Nebel, Wolken, Dunst, Mondlicht, womit die Wirkung ihrer Gemälde die der viel beneideten Musik erreichen sollte.

Schon um 1800 wurde Unschärfe von einer lästigen Erscheinung getrübter Wahrnehmung zu einer ideologisch aufgeladenen Kategorie. Ihr prominentester Befürworter war Goethe, der seiner Fehlsichtigkeit nicht mit technischen Hilfsmitteln beikommen wollte, weil diese "keine sittliche Wirkung auf den Menschen" hätten: "Sooft ich durch eine Brille sehe, bin ich ein anderer Mensch und gefalle mir selbst nicht

ich sehe mehr, als ich sehen sollte, die schärfer gesehene Welt harmoniert nicht mit meinem Innern ..." Bei Goethe, in dessen Dichtungen die Wörter "trüb", "Wolken", "Mond", "Nebel", "Abglanz" bedeutsam schillern, ist diese Abneigung weit mehr als eine Marotte. Seinen Affekt gegen das Scharfsehen und die Reizüberflutung durch Detailreichtum wertet Ullrich wie bei den Romantikern auch als Affekt gegen die Zumutungen der Moderne.

Dringlicher stellte sich die Frage nach Schärfe oder Unschärfe mit dem Aufkommen des Maschinenwesens in der Abbildungstechnik, der Fotografie. Nicht zuletzt aus Konkurrenzgründen, doch auch aus ästhetischen Erwägungen verdammten traditionelle Künstler die angeblich handwerklich anspruchslose Art der Bildherstellung, ihre Oberflächlichkeit und Abhängigkeit vom Objekt, schließlich die gnadenlose Schärfe, die gerade bei Porträts unhöflich genau jeden Makel nachzeichne. Ullrich analysiert, wie die Fotografie im 19.

Jahrhundert durch unterschiedliche Möglichkeiten der Unschärfe-Erzeugung sich den Vorwürfen zu entziehen und gleichzeitig durch Nachahmung von zeichnerischen Techniken sich an die Malerei anzunähern versuchte.

Traditionelle Ikonografie zusammen mit Weichzeichner galten als probate Mittel.