Man muss schon einen tiefen Blick ins Dekolleté wagen, um das kleine baumelnde Etwas am Hals einer attraktiven Frau zu erspähen. Heute- Moderatorin Petra Gerster trägt es, n-tv-Börsenspezialistin Carola Ferstel, RTL-Moderatorin Frauke Ludowig und auch Prinzessin Takamado aus dem japanischen Kaiserhaus. Das goldene "W" mit dem funkelnden Brillanten ist so etwas wie das Erkennungszeichen eines erlauchten Kreises von Frauen, die ganz oben angekommen sind, stolz sind auf das Erreichte oder Ererbte und dies auch zeigen wollen: mit aller gebotenen Dezenz natürlich.

"W" steht für Wellendorff. Die Manufaktur mit der offiziellen Firmenbezeichnung Wellendorff Gold Creation GmbH & Co. KG aus der deutschen Schmuckmetropole Pforzheim, in Familienbesitz seit 1893, zählt zu den renommiertesten Markenschmuck-Herstellern in Deutschland. Die Nordbadener sehen sich sogar in einer illustren Reihe mit internationalen Häusern wie Tiffany, Cartier oder Bulgari.

Am Mythos freilich arbeitet man noch. Dass sich Audrey Hepburn alias Holly Golightly die Nase vor einer Wellendorff-Auslage platt drückt, wäre eher unwahrscheinlich. So viel Glamour wie Tiffany an der Fifth Avenue in New York, das nicht zuletzt durch Blake Edwards’ Filmklassiker Breakfast at Tiffany’s zur Legende wurde, wird der deutsche Mittelständler wohl nie verströmen. Das scheint Christoph Wellendorff jedoch nicht zu stören. "Bekanntheit ist nicht unser Spiel", sagt der junge Unternehmer, der zusammen mit seinem Vater Hanspeter und seinem Bruder Georg die Geschäfte führt. Die drei sind auch im Besitz sämtlicher Firmenanteile.

Die Manufaktur liegt mitten in Pforzheim am Ufer des Flüsschens Enz, das aus dem Nordschwarzwald dem Neckar entgegenstrebt. Das Zentrum der deutschen Schmuckindustrie ist selbst kein Schmuckstück – allzu viel hat der Krieg nicht übrig gelassen. Auch die Fabrik der Familie Wellendorff am Turnplatz lag nach den Bombenangriffen in Trümmern. Mit ihr gingen etliche der Kreationen unter, die Firmengründer Ernst Alexander Wellendorff geschaffen hatte, unter anderem für den russischen Zarenhof und das britische Königshaus. Dass jetzt in einer Vitrine des neu gestalteten Showrooms wieder die schönen Art-déco-Schmuckstücke des Urgroßvaters zu besichtigen sind, ist der Kunstfertigkeit heutiger Mitarbeiter des Hauses zu verdanken, die zum 100-jährigen Bestehen des Unternehmens eine Serie von Repliken nach alten Skizzen anfertigten. Daneben kann hinter Panzerglas ein etruskisches Schwert mit goldverziertem Griff bewundert werden, ein Wunderwerk antiker Goldschmiedekunst. Großvater Alexander Wellendorff hatte es dereinst auf einer Auktion erstanden. "Gemessen an den primitiven Methoden, können wir heute so etwas nicht mehr", meint Wellendorff.

Dabei ist auch die Wellendorffsche Seidenkordel, wichtigstes Produkt des Hauses, nicht von schlechten Eltern. Eine Woche brauchen die Spezialisten, um aus mehr als 100 Metern hauchdünnen Golddrahtes eine matt glänzende Kordel zu flechten, die kühl und geschmeidig wie eine Blindschleiche durch die Hände gleitet. Was die Mitarbeiter in der Schmuckherstellung weitgehend von Hand fertigen – pro Tag entstehen im Durchschnitt nur 20 Stücke –, wird immer wieder kontrolliert, zuletzt sogar unters Mikroskop gelegt, um kleinste Fehler zu entdecken und auszumerzen. Schließlich gilt es, dem eigenen Werbeslogan "Wahre Werte" gerecht zu werden. "Damit wollen wir Menschen ansprechen, die einen Bezug haben zu schönen Dingen und sich bleibende Werte leisten können. Ums Vorzeigen allein geht es dabei nicht", sagt Christophs Mutter Eva Wellendorff.

Die Seidenkordeln kann man pur tragen, man kann sie aber auch, nach Art eines edlen Baukastensystems, mit den Wellendorffschen Ronden oder Ringen behängen. Das Preisspektrum der aktuellen Angebotsliste reicht von 1600 Euro für einen schlichten Ring bis zu 350000 Euro für ein Seidenkordel-Collier in Weißgold mit einem lupenreinen neunkarätigen Brillanten. Nur 40 bis 50 Stücke plus einiger Unikate umfasst die Basiskollektion, zu der neben Ohrringen und Armbändern auch die Wellendorff-Jahresringe gehören. Eva Wellendorff trägt natürlich das aktuelle Exemplar des Jahres 2003, den Ring "Amor" aus 18-karätigem Gold mit blauen und roten Emailintarsien, weltweit in einer limitierten Auflage von nur 203 Exemplaren erhältlich und längst vergriffen. Dass sich der Ring, steckt er einmal am Finger, wie auf einem Kugellager um die eigene Achse drehen lässt, ist neben der Seidenkordel eine weitere – patentierte – Erfindung des Hauses.

Auf die Produktion hochwertigen Markenschmucks hatte sich Wellendorff erst 1972 verlegt. Davor belieferte das Unternehmen den Markt in traditioneller Weise mit einer Palette anonymer Schmuckkreationen. Jedes Schmuckstück mit dem firmeneigenen Logo auszustatten war anfangs ein Wagnis. "Die Juweliere wollen natürlich den Schmuck immer gern sich selbst zuordnen", erklärt Alfred Schneider, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Schmuck, Uhren, Silberwaren in Pforzheim. So kam es vor, dass die Händler das Brillant-W schon mal mit der Zange abschnitten, um die wahre Herkunft der Stücke zu verleugnen. Heute ist die Marke, nicht zuletzt dank eines stattlichen Werbeetats, längst etabliert und wird von etwa 150 exklusiven Fachhändlern in aller Welt geführt.

Eigene Filialen wie Tiffany und Cartier oder sogar Hotels wie Bulgari will Wellendorff nicht eröffnen. Erstens ist er im Vergleich zu den führenden Schmuckkonzernen ein finanzieller Zwerg (Tiffany & Co. wiesen zuletzt 1,6 Milliarden Dollar Jahresumsatz aus). Und zweitens müsste Wellendorff ein wesentlich breiteres Sortiment führen, damit sich eigene Geschäfte lohnen würden. Aber: "Für Schlipse, Deoroller und Zigarettenetuis haben wir keine wirkliche Kompetenz", sagt Wellendorff spöttisch. Einzige Ausnahme von der Regel sind die Uhrbänder, die für den sächsischen Nobelhersteller Lange & Söhne produziert werden.