Da verstehe einer die Türken. Mitte Dezember drängten sie mit Bitten und Pochen in die EU. Die deutsche Regierung und Vertreter deutscher Stiftungen in der Türkei hatten sie dabei unterstützt. Ende Dezember erhob das Staatssicherheitsgericht in Ankara Anklage gegen ebendiese deutschen Stiftungen und Institute. Der Prozess wird am Donnerstag dieser Woche fortgesetzt. Der Vorwurf: "Geheimbündelei, antitürkische Wühlarbeit, Spaltung der Nation, Anstachelung zum Separatismus". Wie passen der EU-Antrag und eine derartige Anklage zusammen?

Am Anfang stand der Streit ums Gold. In der Nähe des antiken Pergamon, in Bergama, sollte mithilfe von Zyanid Gold abgebaut werden. Dagegen protestierten Bauern, denen sogleich westliche Berater zur Seite sprangen.

Auch Deutsche. Zwei Gutachten aus der Bundesrepublik halfen den Bauern, durch alle Instanzen gegen die Goldfirma zu gewinnen. Für einen Wissenschaftler, Necep Hablemitoglu, war das Grund genug, ein Buch mit einer steilen These auf den Markt zu werfen. Die Deutschen besäßen große Goldreserven, die - man staunt - auf dem Raub von Zahngold in Konzentrationslagern gründeten. Würden die Türken in großem Stil Gold abbauen, verfiele der Wert der deutschen Reserven. Aha. Deshalb würden deutsche Stiftungen alles tun, um den türkischen Staat zu schwächen und renitente Bauern aufzuhetzen. Logisch. Ein Sponsor des Buches war übrigens die Goldfirma von Bergama. Hablemitoglu selbst ist kürzlich von unbekannten Tätern ermordet worden.

Auf die Achterbahntheorie des Toten gründet der Staatsanwalt nun seine Anklage. Greifbare Beweise hat er nicht, dafür jedoch Absichten. Das Staatssicherheitsgericht und die verbündeten Bürokraten fürchten die Öffnung der Türkei nach Westen. Hier schließt sich der Kreis zum EU-Beitritt, den die Regierung und die große Mehrheit der Türken herbeisehnen. Was könnte diesen Wunsch nach einer liberalen, demokratischen Zukunft zerplatzen lassen? Zum Beispiel ein drakonisches Urteil gegen deutsche Stiftungen.