Fragen der Staatsästhetik scherten Helmut Kohl nur wenig. Er brauchte keine gebauten Monumente, denn meist war er sich Monument genug. Wenn es ihn aber doch einmal aufs Feld der Architektur drängte, befiel ihn mitunter ein geradezu barocker Herrscherwille. Als etwa das Deutsche Historische Museum in Berlin (DHM) einen Neubau bekommen sollte, räumte er kurzerhand die demokratischen Gepflogenheiten zur Seite und kürte, ohne einen Wettbewerb auszuschreiben, Ieoh Ming Pei zum Architekten seiner Wahl. Der Amerikaner chinesischer Abstammung hatte wenige Jahre zuvor bei François Mitterand in Diensten gestanden, jenem architekturversessenen Präsidenten, der Paris am liebsten in seinen persönlichen Gedächtnispark verwandelt hätte. Pei hatte ein lichtes Pharaonenmal beisteuern dürfen, die Glaspyramide des Louvre. Nun sollte er in Berlin ein Staatszeichen setzen.

Im Allerheiligsten der Hauptstadt ließ Kohl ihn bauen, im Dreieck von Neuer Wache, Museumsinsel und Dom. Allerdings war dort nur noch ein verwunschener Winkel frei, ein Fleckchen gleich hinterm Zeughaus, in dem das DHM seinen Hauptsitz hat. Sosehr Pei die prominente Nachbarschaft erfreute, den Schattenplatz mochte er nicht. Er verfiel auf die Idee, vor dem Gebäude eine Art Leuchtturm aufzustellen, zusammengesetzt aus Kegel, Treppenspindel und Zylinder. Unterschiedliche Körper sollten sich zur Einheit fügen und dem Museum ein postkartentaugliches Emblem schenken - das war der Plan. Schwer und unförmig wirkt hingegen jenes Gebilde, das nun zutage tritt, da die Bauarbeiter abrücken und die Kuratoren damit beginnen, die Eröffnungsausstellung im Mai einzurichten. Sie stehen vor einem zusammengezwungenen Glastürmchen, einer aufgedunsenen Alessi-Vase nicht unähnlich. Von der eleganten Leichtigkeit des ursprünglichen Entwurfs ist nichts geblieben, die Technik machte nicht mit.

Fließende Treppen, steile Stiegen

Dass dieser plumpe Schaukörper nun alle Blicke auf sich ziehen wird, ist fast schon tragisch. Viele werden das Museum des mittlerweile 85-Jährigen für missraten halten und womöglich übersehen, wie gelöst und kraftvoll dieser Bau eigentlich ist. Mitten im Herzen der Tradition, im Angesicht von Schinkel und Schlüter, bekennt er sich ganz selbstverständlich zur eigenen Modernität, ist Gleicher unter Gleichen, von dem Leuchtturm einmal abgesehen.

Angeregt durch seinen Lehrer Walter Gropius, hatte Pei sich schon als Student in New York mit Schinkel beschäftigt, und noch heute zählt er ihn zu seinen Vorbildern. Von der Ergebenheit allerdings, mit der viele Berliner Architekten dem Altmeister begegnen, ist bei Pei nichts zu spüren - er achtet seine Nachbarn und setzt sich gleichwohl behende über alle Dogmen hinweg, auch über den kauzigen Hauptstadtstreit zwischen Steinpartei und Glasfraktion. Pei tut das eine, ohne das andere zu lassen, er öffnet sein Museum zum Zeughaus durch eine ausgreifende Glashalle, auf der Rückseite hingegen sind die Fronten mit fein verfugtem Kalkstein aufgemauert, sodass der Bau wie ein skulpturaler Leib wirkt, ein Geschichtsspeicher, bullig, fast abweisend.

Dies Wechselspiel prägt den Neubau, er ist voll gepackt mit Gegensätzen und Widersprüchen und bleibt dabei doch geschmeidig, frei von Brüchen. Nirgends gerät das Museum aus den Fugen, Pei pflegt seine Details, seine Materialien mit ungewöhnlicher Akribie, und er wahrt die Form. Alles Bipolare und Auseinanderstrebende ist darin eingebunden. Besonders eindrücklich lässt sich dies erleben, wenn man, aus dem Zeughaus kommend, das Museum betritt. Die beiden Häuser, das alte für die ständige Ausstellung, das neue für Sonderschauen, sind unterirdisch verbunden, weil die kleine Gasse zwischen beiden nicht verbaut werden sollte. Und so geht man hinab in den Keller, folgt einem Tunnel - und beginnt zu staunen. Aus dem Dunklen heraustretend, öffnet sich über einem ein Raum voller Licht und Weite. Gleich vor einem erhebt sich dramatisch ein mächtiger Kubus, scharf geschnitten wie ein Schiffsbug. Wäre dies eine gebaute Allegorie auf die deutsche Geschichte, dann erschiene sie uns großartig und unantastbar, von schönster Erhabenheit.

Kaum hat man das gedacht, wird man von Pei schon auf die nächste Fährte gelockt, mit jedem Schritt verändern sich Ausblicke und Einsichten.