Seinen Namen schmückt er gern mit dem Kürzel gaG - für größer als Gott. Auf Hell In Hell, dem neuen Album seiner Band Surrogat (Motor/Universal), lässt er sich zum "Superstar" ausrufen, der "Träume wahr" macht. In der neuesten Ausgabe des Musikmagazins Spex posiert Patrick Wagner gar als Gottes Sohn auf dem Weg zur Kreuzigung. Fast möchte man sich Sorgen um ihn machen, spielen doch Größenwahn und religiöse Fantasien die Begleitmusik zu mancher psychischen Erkrankung. Wagner aber weiß, was er tut. Seine Devise: Wer doppelt laut trommelt, dem wird doppelt so oft zugehört. Vielleicht verkauft er dann sogar doppelt so viele Platten.

So geschah es vor zwei Jahren, als Surrogat aus Berlin mit ihrem schlicht Rock betitelten Album einen Gegenentwurf zu den damals noch allgegenwärtigen elektronischen Soundtapeten schufen. Wagner und seine Mitstreiter gaben sich als Schmuddelkinder, die mit ihrer Musik gegen die schönen neuen Lebenswelten der New Economy im Stadtteil Mitte und anderswo protestieren wollten. Richtig schmutziger, harter Rock war ihre Musik zwar nicht, aber die Inszenierung stimmte - und hatte sogar etwas Prophetisches: Inzwischen ist Rock wieder die Popmusik der Zeit. Tragisch nur, dass die Strokes und andere angloamerikanische Bands dafür gesorgt haben, nicht Surrogat.

Den zu Nachzüglern gewordenen Propheten bleibt nur, dem ergiebigen Rockjahr 2002 hinterherzuzuckeln und gewohnt großsprecherisch zu verkünden, das Zeitalter von "Rausch, Wahnsinn und Maßlosigkeit" sei nun endgültig ausgebrochen. Dumm nur, dass solche Töne inzwischen nach Pfeifen im Wald klingen, zumal der Feind von einst fehlt: Berlin-Mitte mit seinen Designer-Lofts ist auf den Hund gekommen, die New Economy gecrasht - ganz ohne Surrogat. Das größere Problem liegt woanders: Statt dem Dionysischen ein Türchen im Hier und Jetzt zu öffnen, transportiert Hell In Hell bloß eine abstrakte, etwas kunststudentische Idee davon. Es gibt einfach zu viele doppelte Böden und Stolperer, die Songs kommen - von Tobias Levin im wagnerschen Geiste produziert - viel zu verfeinert und ausgedacht daher, um den großen Primitiven des Genres das Wasser reichen zu können. Surrogat wollen laut und perfekt sein - und dennoch für jede Lebenslage einen schlauen Slogan parat haben. Vor lauter Wollen vergessen sie dabei allzu oft, wie einfach Rockmusik sein kann. Oder muss. Bleibt zu hoffen, dass Patrick Wagners gemimter Größenwahn sich nicht eines Tages zu echter Tragik auswächst. Spätestens dann müsste man anfangen, sich wirklich Sorgen um ihn machen.