die zeit: Der amerikanische Verteidigungsminister nennt den Teil Europa, aus dem Sie stammen, alt. Was halten Sie von einer solchen Bemerkung?

Valéry Giscard d'Estaing: Er hat sich wohl in der Wortwahl vergriffen. Europa ist nicht altmodisch. Es verfügt über gemeinsame Werte und eine lange Geschichte, in der es oft Mut und Kühnheit bewiesen hat. Zur Erinnerung: Amerika kämpfte erst vor gut 200 Jahren um seine Unabhängigkeit - und die französische Armee half dabei.

zeit: Hat Rumsfeld nicht doch ins Schwarze getroffen? Gibt es heute nicht tatsächlich ein, zwei oder sogar drei verschiedene Europas?

Giscard: Es steht dem Ausland nicht zu, Europa einzuteilen. Wir dürfen da ruhig ein Minimum an Respekt verlangen - genau wie wir es den USA erweisen.

Wir behaupten ja auch nicht, dass beispielsweise Kalifornien neu und Massachusetts alt sei. So etwas ist einfach nicht seriös.

zeit: In seiner Außenpolitik, und auf die bezieht sich Rumsfeld, bietet Europa ein buntes Bild. Wie kann das verbessert werden - Beispiel Irak?

Giscard: Unsere gemeinsame Außenpolitik gibt es noch nicht. Also verhalten sich die Regierungen unterschiedlich: Die Position der nordischen Länder gleicht der Frankreichs und Deutschlands. Die Mittelmeerländer tendieren eher zu den Amerikanern. Das alles ist historisch, kulturell und auch durch unterschiedliche Interessen begründet. Man muss das nicht ideal finden. Ich bin allerdings sicher, dass wir mehr und mehr zur Gemeinsamkeit finden werden.