BelletristikBerliner Jugendstil

In Judith Hermanns frostigen Erzählungen spiegelt sich die Stimmung einer neuen Zeitenwende

Es ist spät, der Weißwein ist getrunken, die Geräusche sind verstummt, die Farben ergraut, die Leidenschaften verflogen. Der Abend ist vorbei, der Morgen noch nicht angebrochen. Kinder und Erwachsene sind schon lange im Bett. Wer jetzt noch wacht, ist alt genug, die Welt in den weißen Nebel seines Zigarettenrauchs zu hüllen, und jung genug, dafür noch nicht aufkommen zu müssen.

Sommerhaus, später hießen die Erzählungen, die Judith Hermann vor fünf Jahren berühmt gemacht haben. Spät, noch später als vor fünf Jahren, ist es in ihren neuen Erzählungen, die man, zumal sie sich vor allem, wenn auch nicht ausnahmslos, in der Nacht zutragen, Nocturnes nennen könnte. Erzählungen für eine Nacht, für die leeren Stunden einer Zwischenzeit, auf die die deutsche Romantik einst ihre größten Hoffnungen gesetzt hatte. Mit gutem Grund, denn in der Nacht ruhen nicht nur die Wälder, sondern auch die Bürger samt ihrem nimmermüden Geschäftstrieb und ihrem Wurmfortsatz aus Blech und Ledersitzen. Ihre Zeit ist der Tag, ihre Literatur der Realismus. In der Nacht besinnt sich die Literatur auf die Gespenster des Erwerbslebens, ihre Helden sind Künstler, Kranke, Sterbende und Jugendliche – der personifizierte Widerspruch zur Logik des Kapitals. Nichts als Gespenster heißen die neuen Erzählungen der 32-jährigen Judith Hermann. Und sie sind nicht nur länger, zahlreicher und kunstvoller als die vorangehenden, sondern auch in jeder Hinsicht radikaler.

Insofern gehorcht die Autorin wie jedes erfolgreiche Unternehmen dem Gesetz der Maximierung. Zogen die alt gewordenen Kinder einer vagen Sehnsucht in Judith Hermanns Debüt ihre seltsam traurigen Kreise und Paarläufe in Berlin, der Mark oder dem Oderbruch, muss jetzt alles weiter, einsamer und größer sein. Die Mark Brandenburg befindet sich nun in den Schneelandschaften Islands, Berlin ist die nördlichste Stadt Europas und heißt Tromsø, Kreuzberg liegt in Prag, 1500 Stufen über der Moldau, und die Verwunschenheit des Oderbruchs findet man wieder in den Wüsten Nevadas. Einsamkeit und Leere, die einmal zwischen den Zeilen vagabundierten, sind nun zu landschaftlichen Großmetaphern geworden. Man könnte auch sagen, das eigentümlich deutsche Ich-weiß-nicht-was-soll-es-bedeuten-dass-ich-so-traurig-bin, die schöne und grundlose Lebenstraurigkeit des deutschen Intellektuellen, die Judith Hermann so wunderbar einfangen kann, sammelt Flugmeilen. Tristesse globale.

Traurige Frauen in Mondlandschaften, mit und ohne Mann, meist ohne, in jedem Fall ohne Beruf, geschweige denn Berufung, jederzeit in der Lage, ihr Nachthemd zu raffen, die Zigaretten einzupacken, einer Laune ihrer biografischen Selbsterforschung zu folgen und in irgendein gottverlassenes Nirgendwo zu reisen: Das ist noch immer die beneidenswerte Lage der spätpubertären Personage. Man reist, man trifft sich, man vollzieht den Liebesakt oder vollzieht ihn nicht, beides mit nämlicher Leidenschaftslosigkeit, man schweigt und raucht.

Die Erzählhaltung ist unprätentiös, persönlich, retrospektiv, unterkomplex an der Grenze zur Anspruchslosigkeit: „Ich zog meinen Pullover aus und setzte die Sonnenbrille ab (…) ich zog mir den Pullover wieder an und setzte die Sonnenbrille auf“. Ihr Geheimnis ist die Verrätselung des Offensichtlichen. Der Radius des Erzählten verlässt nie die Bannmeile weiblicher Selbstwahrnehmung. Häufig betrachten die Erzählerinnen ihr Spiegelbild oder Fotografien, auf denen sie zu sehen sind, sind verfangen in dem Bild, das sie abgeben, verfangen in dem Bild, das sie sich von anderen machen: „Weißt du eigentlich noch, wie du mich schön fandest, in Paris, auf der Ausstellungseröffnung vor zwei Jahren? (…) Du warst sehr schön. Du trugst einen Pelzmantel und schwarze hochhackige Schuhe.“ Der junge Peter Handke hat den Narzissmus solchen Erzählens romantisch genannt und hat eine Literatur verteidigt, die sich im Turmzimmer des Ich, samt seiner Pelzmäntel und Fußbekleidungen, selbst genug ist, „sometimes making love with someone“. Die Tür zur Welt mögen andere aufstoßen. Die rätselhafte Unnahbarkeit der linkshändigen Handke-Frauen, ihre still versonnene Aura finden sich in Judith Hermanns stilisierten Madonnenbildern wieder. Manieriert und todesschön, wie der Jugendstil sie ins Bild gesetzt hat, liegen sie stumm in ihren Betten, unerreichbar, unberührbar wie unter einer Glasglocke.

Merkwürdigerweise schadet den Erzählungen die literarische Abmagerung auf die wenigen Grundbestandteile weiblicher Weltaneignung – Sonnenbrille, Freundin, Männer, Gespräche über Männer, Haare, Kleider, Schuhe, Mäntel, Reisen, Liebeleien – nicht nachhaltig. Im Gegenteil, gerade weil die Bausteine dieser Storys aus dem Inhaltsverzeichnis von Allegra zu stammen scheinen, muss man sich mit ihnen nicht aufhalten. Und umso deutlicher übernimmt der traurig-wohlige Blues, das lakonische Lamento, für das Judith Hermann so berühmt ist, die Führung. Der Text ist allen vertraut, die Melodie fordert Geduld: Sie „zieht die Skijacke wieder an, nimmt sich eine letzte Zigarette mit hinaus auf den Gartenstuhl an den Pool“. Er „beißt von dem Brot ab, nimmt einen Löffel vom Ei, er trinkt einen Schluck Kaffee, dann beißt er wieder ab“. Weiter nichts. Alter, Tod, Leidenschaft und Liebe, die großen Zerstörer solcher Idyllen des Banalen, die im Sommerhaus, später den Hintergrund verfinsterten, sind verblasst. Die Zeiger der Zeit stehen auf Resignation und Restauration.

Worum geht es dann? In sechs von sieben Erzählungen geht es um girl meets boy. Sie reist ihm in eine Kleinstadt nach, wo er sich als Provinzmime betätigt, ist enttäuscht, raucht, fährt wieder ab. Eine, die nur eine Nacht zu Gast war. Sie trifft ihn in Island, weil er ihren Mann besucht, und verliebt sich „genau deswegen“ in ihn, weil er eine „rätselhafte, eigensinnige Haltung“ hat, am Ende fällt Schnee, „der die Welt still macht“. Sie besucht ihn in Karlsbad, war allerdings schon in ihn verliebt und kann nun in aller Ruhe auf dem Bett liegen und rauchen. Sie trifft ihn eines Nachts in Nevada in irgendeinem Saloon mit verstaubten Fenstern und schiefen, verwitterten Holzlettern, findet „seine Dominanz anziehend“, verliebt sich aber für diesmal nicht in ihn. Sie fährt mit ihm nach Prag, weil sie in seinen Freund und dieser in sie verliebt ist, und isst dort auf einem Sofa Erdnüsse, Chips, Bananen und Bonbons. Sie trifft ihn in Nordnorwegen auf einer Party, sie gehen in eine Kneipe, in der es „kalt und schön und wild“ ist und küssen sich. Am Ende sitzen sie einander gegenüber, „und es gab nichts zu sagen“. Nur in der siebten Erzählung trifft sie keinen Mann, sondern Mama und Papa auf dem Markusplatz. Am Ende haben Mama und Papa das Kind zum Bahnhof gebracht, und alle drei haben noch zusammen eine geraucht.

Es lässt sich nicht verbergen, dass diese Reisen, nicht nur Reisen ins Land der flüchtigen Liebe und Liebesprojektionen, sondern auch Reisen an den Rand einer kindlichen, aufgeladenen Bildsprache sind, deren Grenze zum zart überfrorenen Kitsch schlecht bewacht ist. Die vom Wüstensturm, von der Zeit, vom Schnee abgetragenen, vom Nordlicht umstrahlten dramatischen Antikulissen, vor denen sich die Minitragödien unreifer Herzen abspielen, sind in ihrer Wirkung nicht weit entfernt vom Alpenglühen und von den Almhütten echter Idylle. Eine schönere, geschmackvollere Tristesse als diese ist kaum denkbar: Das Blau des isländischen Himmels, „das alle Welt zu versöhnen scheint“, der einsam vor sich hin summende Kühlschrank, der kalte Wind, der über die tschechischen Parkplätze weht, das regennasse östliche Kopfsteinpflaster, Autowracks, die in einer amerikanischen Sanddüne verschwinden, die blau und kalt schimmernde Wüste, ein norwegischer Leuchtturm, der hell gegen den Nachthimmel steht, verschneite Gleise unter gelbem Licht aus Peitschenlampen – der Film, den Judith Hermann mit solchen Bildern abspult, steht in der Tradition aller moderner Traurigkeitsvirtuosen zwischen Jim Jarmusch und Aki Kaurismäki. Und doch wirkt er wie aus zweiter Hand, nicht naiv, sondern sentimental, im Schillerschen und im wörtlichen Sinn.

Am Ende passt das alles ganz gut zusammen. Das große und das kleine Verlorenheitsgefühl und der Edel-Trash aus aller Welt. Das sich schnell drehende Liebeskarussell und die touristisch zusammengesuchten Landschaften. Das schlichte Entlangerzählen an den Imagines einer linkshändigen Weiblichkeit und die Desillusion einer früh ergrauten Jugend, die bei jeder Liebe an die nächste und bei jeder Kirche im Schnee an die Fotoausrüstung im Auto denken muss. Was immer diese ewigen Literaturjugendlichen umtreibt – es fehlt ihnen in jeder Hinsicht das Original. Im Sommerhaus später wurde die Blaue Blume eines unverwechselbaren Erlebnisses noch hinter jeder Straßenecke vermutet. Der Schlüssel für den einzig richtigen Menschen lag immer auf dem Balken über der Tür. Jetzt vollführen alle nur noch die Gesten einer Sehnsucht, die sich selbst nicht mehr glaubt. Endzeitstimmung. Niemand in diesen Erzählungen will je mit dem Kopf durch die Wand, die ohnehin nur aus Schnee ist. „Still und weit und gottverlassen“ sitzen diese Zuspätgekommenen auf dem Sofa in ihrem Secondhand-Leben und rechnen nach, wie es dazu kam, dass Micha in diesem Winter Sarah liebte und Sarah Micha und wieso Miroslav, der Sarah liebte, die Jalousien vor seinen Fenstern in Prag nie hochzieht.

So geht eine Erzählung in die andere über, der eine Liebhaber hört die Geschichte über den vorangegangenen, der nächste grüßt schon von den Sanddünen der spurlos verrinnenden Zeit herab. Auf niemanden ist Verlass, am wenigsten auf die eigene Erinnerung. Dies immerhin ist eine Variante des Memento mori im Taschenformat, aus dem Herzen der Altberliner Liebesanarchie, die hier von Norwegen bis Nevada Porträt gesessen hat.

Freude, hat Baudelaire einmal gesagt, sei eine der vulgärsten Beigaben der Schönheit. Schwermut hingegen ihre edelste Begleiterin. Lange vor Judith Hermann waren es die Präraffaeliten, die das Bild der melancholischen Schönheit gemalt haben, der Jugendstil hat diese Trauer bis in den letzten Türknauf vervielfältigt. Die großen dunklen Augen blicken auf den Gemälden des Jugendstils erwartungsvoll aus der Welt der Realitäten, die keine Sehnsucht befriedigt, hinaus in ein Nichts. Die Stimmung einer alternden Zeit, einer zu Ende gehenden Epoche war in diesen Augen. Und es ist verblüffend, wie das Dekadenzbewusstsein der Jahrhundertwende an der Schwelle zum neuen Jahrtausend bei dieser jungen Autorin wieder aufscheint – und mit ihr die alten Topoi einer krisengeschüttelten Zeitenwende: Gefühle der Kraftlosigkeit der eigenen Existenz, Somnambulismus, Erstarrung. Judith Hermann ist die Malerin des Berliner Jugendstils, dieser unwirklichen Übergangszeit der Schlossattrappen und der Glaspaläste.

Das alles macht noch kein gutes Buch. Aber es ist schön. Genauso schön wie die Frauen, die sich in ihm zu Tode rauchen. So schön wie ein einsamer Nachmittag im Schnee. So schön wie Musik weit nach Mitternacht, wenn der Wein des Lebens getrunken ist und eine letzte Wehmut sich breit macht. Es ist bekannt, dass man an zu viel Schönheit sterben kann. Doch dazu ist es noch viel zu früh.

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