Zweiter WeltkriegZiel vernichtet

Wielun, 1. September 1939: Mit der Zerstörung des polnischen Städtchens durch die deutsche Luftwaffe begann der totale Bombenterror des Zweiten Weltkriegs von Joachim Trenkner

Nach dem Angriff ist das 16 000-Einwohner-Städtchen östlich von Breslau ein Trümmerfeld

Fotos: Muzeum Ziemi Wieluºskiej, Wieluº

Am Abend des 31. August 1939 ist Warschau komplett verdunkelt. In vielen Wohnungen sind zudem einzelne Zimmer sorgfältig abgedichtet, denn Gas fürchten die Warschauer am meisten. „An diesem Abend“, schreibt der Pianist Wladyslaw Szpilman in seinen Lebenserinnerungen, die unlängst von Roman Polanski so eindrucksvoll verfilmt wurden, „waren sich alle sicher, daß der Krieg gegen die Deutschen unvermeidbar war. Nur die unverbesserlichen Optimisten gaben sich noch der Täuschung hin, Hitler ließe sich im letzten Augenblick von der entschlossenen Haltung Polens abschrecken.“

In Berlin hingegen leuchten noch die Fenster. Doch über der 4,3-Millionen-Stadt liegt eine depressive Stimmung. „Jeder, den ich sprach“, notiert der Korrespondent des amerikanischen Radiosenders CBS, William Shirer, in seinem Berliner Tagebuch, „war gegen den Krieg… Wie kann ein Land Krieg führen, wenn die Bevölkerung so dagegen ist? Viele beschwerten sich auch darüber, dass sie nicht informiert werden. Ein Deutscher sagte zu mir: ,Wir wissen nichts. Warum sagt man uns nicht, was los ist?‘“ Sogar der Sicherheitsdienst der SS signalisiert in seinen geheimen Lageberichten an die Reichskanzlei „mangelnde Kriegsbereitschaft“.

Im Amtssitz des „Führers“, in der neuen, pompösen Reichskanzlei, spielen solche Dossiers keine Rolle. Am 31. August 1939 hat Adolf Hitler, wie von den willigen Vollstreckern der Wehrmacht schon lange erwartet, den Einmarschbefehl nach Polen gegeben. Als letzter Vorwand war von der SS kurz zuvor ein „polnischer Überfall“ auf den deutschen Sender Gleiwitz nahe der deutsch-polnischen Grenze inszeniert worden.

Dann, in aller Herrgottsfrühe des 1. September, erlebt Wladyslaw Szpilman in Warschau, was er seit Wochen befürchtet hat. „Explosionsgetöse riß mich aus dem Schlaf, es war schon hell geworden. Ich schaute auf die Uhr: gleich sechs. Krieg … er hat angefangen.“ Die ersten deutschen Bomben sind auf die polnische Hauptstadt gefallen.

Die Berliner erfahren an diesem wolkenverhangenen ersten Septembermorgen die Nachricht vom Ausbruch des Krieges erst spät. „Die Menschen in den Straßen wirkten apathisch, als ich für meine Frühsendung zum Rundfunkhaus fuhr“, schreibt Korrespondent Shirer. „Gegenüber dem Hotel Adlon arbeitete die Frühschicht am neuen IG-Farben-Gebäude, so als sei nichts geschehen. Entlang der Ost-West-Achse hatte die Luftwaffe fünf schwere Flak-Geschütze in Stellung gebracht, um Hitler im Reichstag zu beschützen.“

Hitlers Rede vor dem gleichgeschalteten Parlament in der Kroll-Oper wird von 10 Uhr an vom Rundfunk übertragen: „Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen. Seither wird Bombe mit Bombe vergolten. Wer mit Gift kämpft, wird Giftgas bekommen.“ Hitler hatte sich um eine Stunde geirrt: Der erste Schuss war schon um 4.47 Uhr gefallen, vom deutschen Schulschiff Schleswig-Holstein aus, das die kleine Festung Westerplatte im Danziger Hafen unter Feuer nahm.

General von Richthofen war schon in Guernica dabei

So begann vor fast 64 Jahren der Zweite Weltkrieg. So steht es in den Geschichtsbüchern, in den deutschen und in den polnischen. Tatsächlich aber begann der Überfall Nazideutschlands auf Polen zugleich an einem weiteren polnischen Ort – noch brutaler, als die Schulbücher es erzählen. Und es war nicht die Marine, es war die deutsche Luftwaffe, die hier all jene Schrecken entfesselte, die in den kommenden Jahren ganz Europa heimsuchen sollten.

Die Luftwaffe: Sie ist der besondere Stolz des Regimes. Für den Überfall auf Polen bestens gerüstet, gilt sie als die stärkste der Welt. Im September 39 verfügt sie über mehr als 4000 Frontflugzeuge, die in vier Luftflotten aufgeteilt sind. Laut Quellen aus dem Stab des Generals der Flieger Albert Kesselring wird Polen mit einer Luftstreitmacht von rund 2000 Flugzeugen angegriffen. Das ist etwa die Hälfte aller zur Verfügung stehenden Maschinen. Die Verbindung von Sturzkampfbombern (Stukas) und Panzern bietet die Voraussetzung für tiefe und schnelle Frontdurchbrüche und entwickelt sich rasch zum gefährlichsten Mittel des so genannten Blitzkriegs; insgesamt wird die Luftwaffe 9000 Bombeneinsätze gegen Polen fliegen.

Am 31. August jedenfalls ist alles bereit. Im Gefechtsquartier der 4. Luftflotte in Schloss Schönwald östlich der schlesischen Kreisstadt Rosenberg herrscht besonders angespannte Hektik. Denn hier hatte der Fliegerführer zur besonderen Verfügung, Generalmajor Wolfram Freiherr von Richthofen, schon vor fünf Tagen von seinem Chef, dem Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Hermann Göring , einen Einsatzbefehl erhalten. „Ostmarkflug 26. August, 4.30 Uhr“, hatte der Funkspruch aus Berlin gelautet, der einige Stunden später widerrufen worden war. Jetzt, in der Nacht zum 1. September, soll der Angriff auf Polen definitiv erfolgen.

Richthofen, der es 1943 noch zum Generalfeldmarschall bringen sollte und wenige Wochen nach dem Krieg in Bad Ischl einer Krebskrankheit erlag, hatte sich schon im Spanischen Bürgerkrieg als Befehlshaber der berüchtigten Legion Condor hervorgetan. Nach der Bombardierung des baskischen Städtchens Guernica 1937 notierte er in sein Kriegstagebuch: „Guernica, Stadt von 5000 Einwohnern, buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht, Bombenlöcher auf Straßen noch zu sehen, einfach toll.“

Nun sieht Richthofen die Chance, sein Zerstörungswerk fortzusetzen. Der Fliegerführer bestellt die Kommandanten seines Stuka-Geschwaders 76 sowie des Geschwaders 2 Immelmann zum Befehlsempfang ein. Als Angriffsziel nennt er ihnen den Namen eines polnischen Städtchens, 100 Kilometer östlich von Breslau gelegen, nicht weit hinter der Grenze: Wielun.

Ziel ist es, den Ort zu vernichten. Dabei soll vor allem ein gerade weiter entwickelter Flugzeugtyp getestet werden, der Sturzkampfbomber JU 87 B. Die Stukas sind von der Dessauer Flugzeugfabrik Junkers eigens für den Polenkrieg mit einem doppelt so starken Motor wie das bisherige Modell ausgerüstet worden. Mit 1150 PS Motorleistung können sich die neuen Maschinen bei über 300 Kilometer pro Stunde und einer Bombenlast von 500 Kilo pro Einsatz aus großer Höhe auf ihre Ziele stürzen.

Das Krankenhaus wird gleich bei der ersten Welle getroffen

Wielun liegt im Abseits. In seiner 800-jährigen Geschichte ist es nie zu besonderer Bedeutung gelangt, ein Marktflecken, der von der Landwirtschaft lebt. Nur die Herrschaft hatte von Zeit zu Zeit gewechselt: 1793 preußisch, 1807 von Napoleons Gnaden wieder polnisch, nach dem Wiener Kongress bis zur Neugründung des polnischen Staates nach dem Ersten Weltkrieg russisch.

16000 Einwohner zählt das Städtchen, die meisten sind Bauern und kleine Kaufleute. Am 31.August 1939 hat es zwar einen Fliegeralarm gegeben, doch dann heißt es, das sei nur Probe gewesen, niemand müsse sich sorgen. Warum sollen die Deutschen auch ausgerechnet Wielun angreifen? Hier gibt es keinen wichtigen Eisenbahnknotenpunkt und, bis auf die kleine Zuckerfabrik am Rande der Stadt, auch keine Industrie. Das Militär ist längst abgezogen; ein Kavallerie-Regiment wurde bereits im Frühsommer zur Grenzverteidigung an die Warthe verlegt. Die Stadt ist unbefestigt, wehrlos, ohne Flak und ohne Bunker.

Auf dem Militärflughafen von Nieder-Ellguth am Steinberg nordöstlich von Oppeln bereitet man indes den Einsatz vor. Zwar behindert in der Nacht leichter Bodennebel die Sicht, doch für Hauptmann Walter Sigel ist das kein Grund, sich lange aufhalten zu lassen. Er hat als Erster den Einsatzbefehl gegen Wielun erhalten.

Laut späterer Einsatzmeldung starten die 29 Stukas des Geschwaders 76 unter seinem Kommando um zwei Minuten nach 5 Uhr in Richtung polnische Grenze. Tatsächlich aber kann es erst 4.02 Uhr gewesen sein; denn alle Überlebenden berichten, die ersten Flugzeuge seien zwischen 4 und 5 Uhr über Wielun aufgetaucht – also just zu jener Zeit, als auch auf der Schleswig-Holstein in Danzig die Vorbereitungen für den Angriff laufen. Warum die Einsatzmeldung den Beginn des Unternehmens um eine Stunde verschiebt, bleibt rätselhaft: War es ein Versehen? War es eine taktische Manipulation?

Der Flug dauert kaum 20 Minuten. Der Kampfauftrag lautet: Vernichtung des westlichen Teils von Wielun. Gegen 4.35 Uhr stürzen sich Sigels Stukas mit dem infernalischen Sirenengeheul der so genannten Jericho-Trompeten auf die schlafende Stadt. Die ersten Bomben fallen um 4.40 Uhr. Insgesamt werfen Sigels Flugzeuge bei diesem ersten Einsatz 29500-Kilo-Sprengbomben und 112 50-Kilo-Bomben ab. „Ziel vernichtet, Brände beobachtet“, vermerkt der Hauptmann in seinem Einsatzbericht, nachdem er ohne Verluste kurz nach 5 Uhr wieder auf der Asphalt-Rollbahn in Nieder-Ellguth gelandet ist. Und unter der Rubrik Feststellung und Beobachtung zur Lage am Ziel, auf An- und Rückmarsch notiert er: „Keine besondere Feindbeobachtung.“

Der Bombenhagel bringt Tod und Zerstörung. Die ersten Bomben haben das Allerheiligen-Hospital getroffen, obwohl das Krankenhaus auf dem Dach mit einem roten Kreuz gekennzeichnet ist. „Ich war sehr früh zu Bett gegangen und bin dann sehr früh am anderen Morgen vom Dröhnen der Flugzeuge wach geworden“, berichtet später der Arzt Zygmunt Patryn. „Plötzlich gab es eine Explosion auf dem Krankenhausgelände. Fensterscheiben klirrten und fielen auf mein Bett. Ich sprang auf, griff meine Kleidung und rannte ins Freie. In diesem Moment stürzte das Haus hinter mir zusammen. Überall lagen Trümmer und unter den Trümmern hörten wir Stöhnen. Dreimal bombardierten die Flugzeuge das Krankenhaus. Eine Bombe riss im Garten einen so gewaltigen Krater, dass ein halbes Haus hineingepasst hätte. Zwei Ordensschwestern, 4 Krankenschwestern und 26 Patienten sind bei dem Angriff getötet worden.“

Kurz darauf greift die Luftwaffe zum zweiten Mal an, diesmal soll der östliche Teil der Stadt zerstört werden. Der dritte und letzte Einsatz, bei dem wieder 29 Maschinen über die Stadt fliegen, wird von Major Oskar Dinort vom Stuka-Geschwader2 Immelmann befehligt. Aus über 2000 Meter Höhe stürzt sich die gesamte Staffel steil auf das Ziel. Erst nachdem sie auf 800 Meter gefallen sind, lösen sie die Bomben aus. Die schwerste wirft Dinort selbst. „Direkt auf den Marktplatz!“, jubelt er später in einer NS-Publikation mit dem Titel Die Höllenvögel .

Die Menschen in Wielun können noch gar nicht begreifen, was mit ihnen geschieht. Der Mechaniker Józef Musia¬ ist acht Jahre alt, als die Bomben fallen. Mit seiner Schwester hat er das Bombardement vom Stadtrand aus beobachtet: „Es waren große graue Flugzeuge mit schwarzen Kreuzen… Viele Menschen rannten aus der Stadt. Nach dem Angriff sind wir ins Zentrum gegangen, um zu sehen, was dort passiert ist. Es war sehr zerstört… Überall lagen Leichen und abgerissene Körperteile: Arme, Beine. Ein Kopf.“

Die grausame Bilanz: Insgesamt 380 Bomben mit einer Sprengkraft von zusammen 46000 Kilogramm, die in drei Angriffswellen von jeweils 29 Stukas des Typs JU 87 B abgeworfen wurden, töteten 1200 Menschen. Die Stadt ist zu 70 Prozent zerstört, der enge Stadtkern durch Brände sogar zu 90 Prozent.

Warum ausgerechnet Wielun? Warum wurde dieses Provinzstädtchen dem Erdboden gleichgemacht, noch bevor der Krieg richtig begonnen hatte? Es gab später, nach 1945, Versuche, die Tat zu rechtfertigen. So schildert zum Beispiel Cajus Bekker 1964 in seinem Buch Angriffshöhe 4000 das Bombardement Wieluns im Stil der NS-Propaganda: Da „sieht der Gruppenkommandeur nur noch sein Ziel. Es wächst, wird rasend schnell größer. Plötzlich ist es kein anonymer Wurm mehr, der über eine tote Landkarte kriecht. Jetzt sind es Fahrzeuge, Menschen und Pferde. Polnische Reiter. Stukas gegen Kavallerie.“ Natürlich wäre es ausschließlich um militärische Ziele gegangen.

Nur: Es gab keine Soldaten mehr in Wielun, und die Piloten wussten das. Schließlich war es der Gruppenkommandeur des Stuka-Geschwaders76, Hauptmann Sigel, selbst gewesen, der in seiner Einsatzmeldung zu Protokoll gegeben hatte: „Keine besondere Feindbeobachtung.“

In Wielun ging es um anderes. Für Fliegergeneral Wolfram von Richthofen war es, wie gesagt, ein willkommener Anlass, die modernisierten Stukas JU 87 B zu testen. Und Stuka-Kommandeur Walter Sigel erschien es als die beste Gelegenheit, eine Scharte auszuwetzen. Sigels Geschwader war nämlich zwei Wochen zuvor, am 15. August 1939, in Anwesenheit hoher Luftwaffengenerale auf dem Fliegerhorst Cottbus angetreten, um die neuen Maschinen auf dem Truppenübungsplatz Neuhammer in der Saganer Heide vorzuführen. Der Befehl: geschlossener Sturzkampfangriff, Abwurfmunition Zementbomben mit Rauchsatz. Durch eine falsche Wetterprognose und Bodennebel war es jedoch zur Katastrophe gekommen: 13 Stukas stürzten ab, 26 junge Piloten kamen ums Leben. Sigel hatte seine Maschine in letzter Minute nach oben ziehen können und überlebte. Ein rasch einberufenes Kriegsgericht sprach den Geschwaderchef frei; kurz vor Kriegsbeginn brauchte man jeden erfahrenen Flieger. So wurde der Einsatz gegen Wielun für Sigel und seine Männer auch zu einer Bewährungsprobe.

Auch in Dresden feiert Goebbels’ Film „Feuertaufe“ den Polenkrieg

Das Massaker lag erst wenige Stunden zurück, da übermittelte das Auswärtige Amt in Berlin der noch nicht geschlossenen polnischen Botschaft eine diplomatische Note mit besonders zynischem Inhalt: „Die deutschen Luftstreitkräfte haben den Befehl erhalten, sich bei ihren Kampfhandlungen in Polen auf militärische Ziele zu beschränken…“ Auf eine Lüge mehr oder weniger kam es dem Regime nun auch nicht mehr an. Görings Luftwaffe machte von Kriegsbeginn an keinen Unterschied zwischen militärischen und zivilen Zielen. Wielun war der schreckliche Auftakt, die Zerstörung Warschaus sollte folgen.

Die ersten Bomben fallen am 1. September noch auf militärische Einrichtungen. Am 9. September folgt die Attacke gegen das Zentrum der polnischen Hauptstadt. Wie vorher in Wielun greifen wieder Stuka-Geschwader an. Warschau, bald von deutschen Truppen eingeschlossen, leistet Widerstand. Doch längst sind die Vorbereitungen für den Großangriff vorbereitet, Code-Wort: „Wasserkante“ – das erste Flächenbombardement einer Großstadt in der Geschichte des Luftkriegs. Drei Tage lang wird Warschau gnadenlos attackiert, der schwerste Angriff auf die Innenstadt erfolgt am 25. September, die letzte Bombe fällt am frühen Nachmittag des 27.Septembers. Danach kapituliert die Stadt.

Während des dreitägigen Bombardements warf die Luftwaffe 560 Tonnen Sprengstoff und 72 Tonnen Brandbomben ab. Über 400 Flugzeuge flogen knapp 1200 Einsätze, Stukas und Bomber vom Typ DO 17. Da die schnellen Stukas keine Brandbomben abwerfen konnten, wurden zusätzlich langsame Transportmaschinen vom Typ JU 52 eingesetzt. Vor allem die neu entwickelte Bombe B 1 Fe erzielte, auf Wohnblocks abgeworfen, eine verheerende Wirkung. Die Brandwolke über der Millionenstadt soll in diesen Tagen auf drei Kilometer Höhe gestiegen sein, bevor sie entlang der Weichsel gen Norden zog. Nach den ersten schweren Luftangriffen hatte Warschau 10000 Tote zu beklagen, insgesamt wurden in wenigen Tagen 20000 Menschen durch Bomben und Artilleriebeschuss getötet und 50000 verletzt.

Nach der Besetzung Polens ließ Joseph Goebbels einen Film „über die gewaltigen Leistungen der Luftwaffe“ mit dem Titel Feuertaufe drehen. In Dresden und Hamburg, in Berlin und Kassel und vielen anderen deutschen Städten fand im April 1940 unter heftigem Werberummel die Uraufführung statt. „Tiefste und nachhaltige Wirkung übten auf alle Teilnehmer die Bilder des zerstörten Warschau aus“, heißt es dazu in den geheimen Lageberichten des Sicherheitsdienstes der SS. Die gezeigten Filmaufnahmen müssen von größter Brutalität gewesen sein, da „vor allem von Frauen Stimmen des Mitleids mit den Polen geäußert wurden und angesichts des zerstörten Warschau bei diesen Zuschauern keine heroisch stolze, sondern eine bedrückende, verängstigte Stimmung über die ,Schrecken des Krieges‘ entstanden“. Wohl deshalb wurde der Film nur kurze Zeit in den Kinos gespielt.

Als am 2. September 1939 die deutsche Infanterie in Wielun einrückt (unter den Offizieren ist auch Claus Graf Stauffenberg), findet sie das zerstörte Städtchen fast leer vor. Die meisten Bewohner sind in die Wälder geflohen. Niemand hat die Leichen weggeräumt, Seuchengefahr droht. Nur allmählich kommen die Menschen zurück in ihre Trümmerheimat, in der nun der deutsche Terror regiert. „Nichts als Brutalität gab es hier“, berichtet ein Zeitzeuge, der vor dem Krieg in der Zuckerfabrik tätig gewesen war, „so hielt man das Volk im Zaum. Ich müßte lügen, wenn ich über diese Deutschen von damals etwas Positives sagen würde. Jeder vor uns zitterte vor Angst und bangte um sein Leben. Jeder hatte Angst, als Zwangsarbeiter nach Deutschland abtransportiert zu werden.“

Im deutschen „Welun“ soll nichts mehr an Polen erinnern

Die Nazis haben einiges vor mit Wieluº, das jetzt als Teil des Reiches zum so genannten Warthegau gehört. Man plant langfristig: Der deutsche Bürgermeister Werner Pfarschner, der 1942 ernannt wird, soll laut Ernennungsurkunde bis 1954 im Amt bleiben. Germanisierung ist das Ziel. Die Stadt heißt nun Welun, im so genannten Welunger Gebiet gibt es nur noch deutsche Schulen. Die SS beabsichtigt, Welun als deutsche Mustersiedlung neu zu errichten, alles Polnische soll ausgelöscht werden. Das Modell dafür ist bereits fertig.

Erst nach der Befreiung durch die 1. Ukrainische Front der Roten Armee in der Nacht vom 18. zum 19.Januar 1945 begann in Wielun allmählich der Wiederaufbau. Etwa 25000 Menschen wohnen heute hier. Für die Jüngeren, für viele nach dem Krieg Zugezogene ist der 1. September längst Geschichte. Immerhin: Eine Bronzetafel und eine Dauerausstellung im Museum erinnern noch an den Schicksalstag der Stadt. Nur die Namen der Piloten, die das alte Wielun dem Erdboden gleichmachten, kennt niemand mehr.

Hauptmann Walter Sigel, der den ersten Stuka-Angriff befehligt und das Krankenhaus getroffen hatte, fiel 1944 als Oberstleutnant. Major Oskar Dinort, der die letzte Bombe auf den Marktplatz geworfen hatte und später mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet worden war, lebte nach dem Krieg in Köln, 1965 ist er gestorben. Zweimal, 1978 und 1983, wurde wegen der Zerstörung des Krankenhauses von Wielun in der Bundesrepublik ein Ermittlungsverfahren eingeleitet – und nach kurzer Zeit wieder eingestellt: Die Kommandeure hätten in der Morgendämmerung nicht bemerken können, dass sie auch ein Krankenhaus bombardierten, argumentierte einfühlsam die Staatsanwaltschaft.

Seit kurzem beabsichtigt das Institut des Nationalen Gedenkens (IPN) in Warschau, eine gemeinsame deutsch-polnische Veröffentlichung zu Wielun herauszugeben – 58 Jahre nach Kriegsende. Aber auch hierzulande sollte man, bei aller Beschäftigung mit den eigenen Opfern des Bombenkrieges, nicht vergessen, wann und wo alles begann: am 1.September 1939 in Wielun.

Der Autor ist Journalist und leitete bis 2000 die Abteilung Politik (Fernsehen) beim Sender Freies Berlin

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