Irak-Konflikt Das Pentagon- Puzzle
Hortet der Irak Terrorwaffen? Amerika präsentiert neue Indizien. Geschichte einer krampfhaften Suche
Washington/Berlin
Alle Welt redet also nun von „Beweisen“ und hofft, den „rauchenden Colt“ zu sehen, den Saddam Hussein noch tatwarm in der Hand hält. In diesen komplizierten Zeiten wäre das ja auch wunderbar unzweideutig: Die Amerikaner präsentieren Fakten, unwiderlegbar und gerichtsfest, wonach der Diktator aus Bagdad schuldig im Sinne der Anklage von George Bush ist. Und schon entwirrt sich die verschlungene Diskussion um die Legitimität eines Krieges gegen den Irak.
Doch, ach, von dieser Welt ist nur der Wunsch und nicht die Wirklichkeit. Denn George Bush hat niemals „Beweise“ versprochen, wie es landauf, landab geschrieben steht. In seiner Rede zur Lage der Nation kündigte er, viel bescheidener, „Geheimdienstinformationen“ an – ein wichtiger Unterschied. Denn nichts, was aus der Welt der Schlapphüte kommt, ist automatisch wasserdicht, stoßfest, idiotensicher. Im Gegenteil: Es ist „voller Ungewissheit und voller Unbestimmheit“, wie Bruce Berkowitz, ein Wissenschaftler der konservativen Hoover-Institution, am Wochenende schrieb. Der Mann wird es wissen, denn er begann seine Karriere als Agent bei der CIA. Weshalb er zu dem vernünftigen Schluss kommt, eine demokratische Gesellschaft solle die Frage von Krieg oder Frieden nicht allein „aufgrund von Geheimdienstinformationen entscheiden“.
So viel also zur Einordnung. Nun zu dem, was die Amerikaner seit Anfang der Woche bruchstückhaft veröffentlichen (und was Außenminister Colin Powell der Welt am Mittwoch – wenige Stunden nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe – als multimediales Gesamtkunstwerk präsentieren wollte). Es ist ein Mosaik aus Berichten von Überläufern und verhafteten Terrorverdächtigen, von Satellitenbildern und von abgehörten Gesprächen.
Es soll beweisen:
–dass Saddam Husseins Regime enge Kontakte zur Terrorgruppe al-Qaida unterhält
–dass der Irak verbotene Massenvernichtungswaffen vor UN-Inspektoren versteckt
–dass der Irak nicht nur alte Massenvernichtungswaffen hortet, sondern auch neue herstellt.
Die Labors für Biowaffen sollen beweglich und im Notfall auf Rädern durchs Land rollbar sein. Sie befänden sich, heißt es, in jenen vom Irak gekauften Renault-Lastwagen, über deren Zweck schon seit Monaten öffentlich spekuliert wird. Das klingt wie ein guter Beleg. Allerdings stammen die Informationen von drei Überläufern, wie Präsident Bush in seiner Rede zur Lage der Nation preisgab, und sie datieren aus der Zeit vor 1999. Heute sind die Lastwagen für die Amerikaner offenbar schwer zu lokalisieren. „Ich fände es prima, wenn die Labors in der Wüste rumführen. Dann könnten wir sie leicht erkennen und zerstören“, sagte am Wochenende Richard Armitage, der stellvertretende Außenminister. „Wir glauben aber, dass die Dinger in einem dieser vielen Tunnels oder unterirdischen Lagerhallen stehen, vielleicht auch in Garagen.“ Die Iraker behaupten übrigens, dass die Lastwagen im Einsatz sind, um Lebensmittel und Getreide vor Pilz- und Schimmelbefall zu schützen. Wenn das stimmt, stellt sich die Frage, warum die Iraker ihre mobilen Schädlingsbekämpfungs-Stationen noch nicht den UN-Waffeninspektoren gezeigt haben.
Seit die Inspektoren wieder im Lande sind, überwacht die National Security Agency (NSA) elektronisch, was im Irak gesprochen wird. Das Ohr Amerikas hat offenbar aufgeschnappt, wie ein ganzes Team von Staatsbediensteten Hans Blix und seine Truppe an der Nase herumführt. Jene, die schon Mitschnitte gehört haben, berichten im Magazin Newsweek davon, wie sich die Betrüger im Staatsdienst ihrer Taten brüsten. „Verlegt das!“, soll jemand rufen. Ein anderer gebe Anweisung: „Berichte darüber nicht!“ Und wieder ein anderer: „Ha, können Sie glauben, dass die das nicht gefunden haben?“ Auch bei diesem Indiz bleibt manches unklar. Was die Iraker zu verstecken scheinen, muss nicht unbedingt eine Waffe sein. Es könnten Vorläuferstoffe sein oder auch Dokumente und CD-ROMs. Sie zu verbergen wäre allerdings in jedem Falle illegal; es würde auf den Willen zum Betrug an der Weltgemeinschaft hindeuten.
Besonders wichtig ist der amerikanischen Regierung der Nachweis, dass Husseins Regime stärker mit der Terrororganisation al-Qaida zusammenarbeitet als bisher bekannt. Der Verbindungsmann soll der Jordanier Abu Mussab al-Zarqawi sein. Er ist einer der Anführer der Terrorzelle al-Tawhid, einer Art Tochtergesellschaft des verzweigten Terrorkonzerns al-Qaida. Seine Spezialität scheint Giftmischerei aller Art zu sein. Bevor er im vergangenen Jahr in den Nordirak ging, hat er sich offenbar in einem Bagdader Krankhaus behandeln lassen. Er soll nämlich bei den Kämpfen mit den Amerikanern in Afghanistan verwundet worden sein. Al-Zarqawi, so heißt es, habe im vergangenen Oktober in Jordanien einen Mordanschlag auf einen amerikanischen Diplomaten organisiert. So jedenfalls hätten es die beiden mutmaßlichen Attentäter den jordanischen Behörden nach ihrer Verhaftung gestanden. Allerdings: dass irakische Behörden bei dem Mordkomplott mit al-Qaida konspirierten, haben die Amerikaner bis Dienstag nicht behauptet.
Gelänge es, eine Verbindung zur Regierung in Badgad nachzuzeichnen – dann wäre der entschiedendste Teil von Washingtons Kriegspartei dort, wo er seit dem 11. September 2001 hinwill: Ein Angriff auf den Irak müsste nicht mehr als Präventivschlag gelten, sondern wäre als Selbstverteidigungskrieg gegen al-Qaida zu rechtfertigen. Dass der Herrscher von Bagdad hinter dem Anschlag auf das World Trade Center steckt, ist den wackeren Saddam-Feinden im Pentagon schon am Morgen des 11. September 2001 zur unumstößlichen Überzeugung geworden. Ihre eigene Gewissheit zu beweisen, gilt seither all ihr Trachten.
Zuerst sollte die CIA Husseins Fingerabdruck aus dem Schutt des World Trade Center herausfischen. Doch es fand sich keine Spur. Was den Pentagon-Berater Richard Perle zu der Bemerkung veranlasste, die CIA sei „im Hinblick auf den Irak unfähig“. Richtig daran war immerhin, dass die US-Spione die Gefahr des Saddam-Regimes jahrelang unterschätzt hatten. Sie übersahen bis zum Golfkrieg 1991 Iraks komplettes Atomprogramm. Ebenso das Biowaffenprogramm, das 1995 ein Überläufer sowie die UN-Inspektoren entdeckten.
Also umging das Pentagon die CIA und beauftragte Jim Woolsey mit einer Privatermittlung. Der Mann war zwar einst CIA-Direktor, gilt den neokonservativen Falken aber als Parteigänger. Woolsey beharrte sogar noch auf der „Irak-Connection“, als der tschechische Präsident Václav Havel das wichtigste Indiz zur Fehlinformation erklärte: die Vermutung nämlich, dass der New-York-Attentäter Mohammed Atta in Prag einen irakischen Agenten getroffen haben könnte.
Aus Frustration gründete die Kriegspartei ihren eigenen kleinen Geheimdienst mitten in ihrer Bastion, im Pentagon. Seit Herbst 2001 tagt im fünften Stock eine fünfköpfige Arbeitsgruppe unter Führung eines ideologisch sattelfesten Neokonservativen. Sie arbeitet die Rohdaten der CIA täglich neu auf. Als die Geheimgruppe im Herbst 2002 durch Zufall bekannt wurde, musste das Pentagon einräumen, es gehe allein darum, Nachweise über die Verbindung des Irak zu al-Qaida zu suchen – eine Verbindung, die Tausende CIA-Analysten angeblich seit Jahren hartnäckig übersehen. „Die Linse, durch die man schaut, beinflusst, wonach man sucht“, sagte Pentagon-Vize Paul Wolfowitz.
Die kleine Einheit ist offenbar in der ganzen Geheimdienstgemeinde verhasst. Das berichtet jedenfalls – anonym – ein Schlapphut. Die Gruppe sei ein Symbol für den politischen Missbrauch von Geheiminformationen. Tatsächlich erinnert die Irak-Zelle an die Bemühungen des ehemaligen CIA-Chefs William Casey, der 1981 versuchte, dem damaligen „Reich des Bösen“ den Anschlag auf den Papst anzuhängen: „Die Ersten, die Indizien sowjetischer Beteiligung finden, werden befördert“, rief er damals. Am Ende setzte es Beförderungen zuhauf, den gewünschten Tatnachweis fand niemand.
Angesichts dieser Vorgeschichte ist nicht erstaunlich, dass Präsident Bush seit seiner jüngsten Bemerkung über die „Irak-Connection“ der al-Qaida energischen Widerspruch von Ermittlern und Agenten erhält. CIA-Analysten beschweren sich, die Regierung übertreibe die Bedeutung einzelner Indizien. Und ein FBI-Ermittler lässt sich in der New York Times mit folgendem Satz zitieren: „Wir haben uns die Sache seit mehr als einem Jahr angeschaut, und wissen Sie was? Wir glauben nicht, dass irgendwas dran ist.“ Damit konfrontiert, musste Vizeaußenminister Richard Armitage am Wochenende einräumen, die Regierung habe ihre Irak-Argumentation „in der Vergangenheit gelegentlich“ auf zweifelhafte Informationen gestützt. Fragt sich, ob die Enthüllungen dieser Woche von der „moderaten“ CIA oder dem „offensiven“ Pentagon stammen.
Die Seriosität der amerikanischen Argumente zu prüfen wird in Deutschland Aufgabe des Bundesnachrichtendienstes sein. Gerade im Irak unterhält der BND seit Jahren eigene Quellen. Am 13. November 2002 hat BND-Chef August Hanning den Auswärtigen Ausschuss des Bundestages über das, was er wusste, informiert. Er bestätigte einige amerikanische Befürchtungen und reicherte sie mit eigenen Erkenntnissen an. Danach gibt es die rollenden Biowaffenlabors offenbar bis heute. Einzelne Teile seien von deutschen Unternehmen – deklariert als Ausrüstung für die Landwirtschaft – zugeliefert worden. Das Regime besitze unbemannte Drohnen, um Kampfstoffe großflächig zu versprühen. Der BND schätzt, dass Saddam Hussein mehrere hundert Tonnen Kampfstoffe hortet.
Die Abgeordneten waren schockiert. Was sie erfuhren, ist der Öffentlichkeit bis heute unbekannt geblieben, weil die Parlamentarier im November zum Stillschweigen verpflichtet wurden. Wenn nun die Amerikaner ihre Erkenntnisse präsentiert haben, ist es an der Zeit, dass die Bundesregierung nachzieht und (wenigstens begrenzte) Redefreiheit für ihren Nachrichtendienst gibt. Sie wird den Verdacht vermeiden wollen, Geheimdiensterkenntnisse genauso politisch einzusetzen wie die Kriegspartei in Washington. In Berlin bestände der Missbrauch im Verschweigen.
Mitarbeit: Bruno Schirra
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 07/2003
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