umweltDie verbrannten Milliarden

Deutschland knausert, aber ein großes Potenzial bleibt unberührt: Haushalte und Betriebe könnten viel Geld sparen, wenn sie Energie intelligenter nutzten von Vorholz

Es gibt nur wenige Menschen, die von sich selbst behaupten, Sprücheklopfer zu sein. Ulrich Kaier bekennt sich dazu. „Das Geld liegt auf der Straße“, sagt er beispielsweise. Oder: „Für mich ist nichts tabu.“ Oder: „Ich habe Visionen ohne Ende.“

In bestem Alemannisch setzt Kaier gern noch eins drauf. Auf der Straße liegt dann nicht nur Geld, sondern „saumäßig viel Geld“. Und selbstverständlich ist Kaier „saustolz“ darauf, dass ausgerechnet er dieses Geld einsammelt. Das Unternehmen, für das der Sprücheklopfer arbeitet, wächst deshalb ohne Unterlass. „Wie die Rakete“, sagt Kaier.

Kaiers Sprüche sind das eine. Seine Taten das andere. Seit mehr als fünf Jahren beweist der promovierte Maschinenbau-Ingenieur in Diensten der Heidelberger Firma SEC, dass die deutsche Industrie – Wirtschaftskrise hin oder her – Geld verschwendet. Und zwar ziemlich viel Geld. Zehn, zwanzig, nicht selten sogar mehr als dreißig Prozent zu viel gäben hiesige Betriebe für Strom und Wärme, für Kälte und für Druckluft aus, behauptet Kaier.

Wer ihn lässt, dem rationalisiert der Spezialist lästige Kosten weg. Das Eingesparte teilt sich die SEC mit dem Klienten. Energie-Contracting heißt das für die Betriebe risikolose Geschäft: In rund 150 Fällen hat Ulrich Kaier bereits bewiesen, dass es funktioniert.

Dennoch sind Kaiers Erfolge ein Mysterium. Wäre der Alltag so, wie ihn ökonomische Lehrbücher beschreiben, wäre der Mann längst arbeitslos. Dann gäben Haushaltsvorstände und Häuslebauer, vor allem aber Unternehmer und Manager, den scharf kalkulierenden Homo oeconomicus, der jedes Einsparpotenzial nutzt. Von wegen – nach Erkenntnissen der Deutschen Energie Agentur (Dena) vergeuden sämtliche Verbraucher, Privatleute wie Unternehmen, im großen Stil Strom, Öl und Gas. Ein Viertel des deutschen Energiebudgets ist überflüssig, schätzt Dena-Chef Stephan Kohler (siehe Grafik). Sprich, man könnte sich das Geld sparen, und trotzdem bliebe die Wohnung warm – und das Pils kühl.

Dass die Verschwendung auch in den Fabriken grassiert, bestätigt Hartmut Fischer. Der Unternehmensberater bei Arthur D. Little nennt die Größenordnung: Rund ein Drittel ihres Verbrauchs könnten fast alle Betriebe einfach wegsparen. „Die Spatzen pfeifen das schon von den Dächern“, sagt der Betriebswirt und Ingenieur. Doch die schalldichten Fenster der Chefetagen sind geschlossen.

Mehr Licht, mehr Wärme, mehr Leistung aus einem Liter Öl oder einer Kilowattstunde Strom herauszuholen wäre nicht nur für den einzelnen Betrieb, sondern auch volkswirtschaftlich ein lohnendes Geschäft. Geld, das bisher für den Import von Öl und Gas ausgegeben wird, bliebe dann im Lande und brächte Handwerkern und Herstellern intelligenter Maschinen neue Aufträge. Obendrein würde die Umwelt entlastet. Nichts schont die Natur mehr als die rationelle Energienutzung.

Könnte, würde, wäre. Anstatt die ergiebigste Energiequelle – das Energiesparen – anzuzapfen, lenkt auch die rot-grüne Regierung lieber viel Geld und Mühe in die Förderung der Stromerzeugung aus Sonne und Wind.

Im vergangenen Jahrzehnt holten die Deutschen aus einem Fass Öl oder aus einer Tonne Kohle jährlich gerade einmal 1,8 Prozent mehr Leistung heraus als früher. Will die Bundesregierung ihr selbst gestecktes Ziel erreichen, die Energieproduktivität bis zum Jahr 2020 gegenüber 1990 zu verdoppeln, dann müsste nach Berechnung des Statistischen Bundesamtes der jährliche Fortschritt ab sofort 2,7 Prozent betragen. Doch selbst mit der Umsetzung einer harmlosen EU-Richtlinie zur Kennzeichnung von Autos nach Spritverbrauch und CO2-Emissionen ist die Regierung Schröder seit mehr als einem Jahr in Verzug. Energieeffizienz, sagt Ulrich Wagner, wissenschaftlicher Leiter der Münchner Forschungsstelle für Energiewirtschaft, sei „nicht sexy“. Bloß profitabel.

Die Erfolge sind frappierend. Ein Kunststoffwerk im niedersächsischen Reinsdorf hat dank Ulrich Kaiers Beratung seinen Energiebedarf fast halbiert. Im bayerischen Traunreut, wo Bosch-Siemens Europas größte Fabrik für Küchenherde betreibt, drosselte Kaier den Verbrauch um 30 Prozent. Und einen Steinwurf von seinem Heidelberger Büro entfernt, beim Dachziegelhersteller Eternit, senkte der Sprücheklopfer den Bedarf um mehr als ein Viertel.

In dem Baustoff-Werk tauschte Kaier zunächst den Brennstoff: Leicht- statt Schweröl. Außerdem stellte er einen Kessel auf den Fabrikhof, in dem nun die billigen Abfälle von Heidelberger Gartenbaubetrieben verbrannt werden. Noch preiswerter geht es nicht? Doch, meint Kaier. In Zukunft will er kleine Holzstäbchen, so genannte Pellets, als Brennstoff einsetzen.

Auf diese Idee brachte ihn sein Wirken in einem Freiburger Sägewerk. Auch diesen Betrieb brachte Kaier auf Vordermann – mit dem Effekt, dass viele der zuvor zwecks Wärme- und Dampferzeugung verbrannten Sägespäne nicht mehr gebraucht wurden. Aus diesen Abfällen entstehen nun die Pellets, die Industriebetrieben wie dem Eternit-Werk als Brennstoff dienen sollen. Allein das Holz aus Freiburg reicht aus, um 10 Firmen wie Eternit zu versorgen – oder ein Städtchen mit 30000 Einwohnern.

Kein Wunder, dass die kleinen Hölzer Kaiers Fantasie beflügeln. Mittlerweile hat er eine eigene Firma namens Bioenergie gegründet. Bei dem Contracting-Unternehmen SEC ließ sich Kaier dagegen vom Geschäftsführer zum „Geschäftsentwickler“ degradieren. Verwaltungskram ist seine Sache nicht. „Diese Einsparerei ist überhaupt nie zu Ende“, schwärmt er.

Auch ohne Spezialisten nutzt die Industrie ihre Energiezufuhr immer effizienter. Mittlerweile brauchen die Betriebe, bezogen auf ihre Wertschöpfung, nur noch halb so viel wie 1970. Weshalb der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) behauptet, die „Effizienzrevolution“ finde längst statt. Tatsächlich verbirgt sich dahinter aber kaum mehr als der normale technische Fortschritt und der Strukturwandel.

Selbst in den eigenen Reihen trifft deshalb die Erfolgsmeldung der BDI-Funktionäre auf Skepsis. So hat der Zentralverband Elektrotechnik und Elektronikindustrie (ZVEI) riesige Sparchancen bei der Nutzung von Elektromotoren ausgemacht. Auf deren Konto gehen zwei Drittel des industriellen Stromverbrauchs. Wäre jeder dritte Motor – statt nur jeder zwanzigste – mit einer elektronischen Drehzahlregelung ausgerüstet, würden die Betriebe rund 16 Milliarden Kilowattstunden sparen. Dies entspreche der Stromproduktion von sieben Kohle- oder Gaskraftwerken, so der ZVEI. Nebenbei sänke die Stromrechnung der Betriebe um rund eine Milliarde Euro. Warum die Investoren dieses Sparpotenzial nicht nutzten, sei „eine sehr gute Frage“, heißt es in einer ZVEI-Broschüre.

Die Antwort ist niederschmetternd: Die Manager rechnen falsch. 97 Prozent der Kosten, die Motoren während ihrer Lebensdauer verursachen, sind Ausgaben für Elektrizität. Trotzdem bevorzugen die Einkäufer in den Betrieben Motoren mit möglichst niedrigem Verkaufspreis. Dass die geringen Investitionskosten später durch höhere Stromrechnungen zunichte gemacht werden, stört sie nicht.

Dieses Denken hat System. Gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung eruiert, weshalb der Markt für Energiespartechnik so unterentwickelt ist. Das Hauptproblem seien „sehr verkürzte und oft verzerrende Rentabilitätsüberlegungen“. Oft könnten die Verantwortlichen in den Betrieben ihre Energiekosten nicht einmal bestimmten Maschinen zuordnen – ganz zu schweigen davon, dass die Kenntnis über Spartechnik fehlt. Ergebnis dieses Trauerspiels: Es gebe mehr rentable Energiesparpotenziale, „als gemeinhin von einzelwirtschaftlichen Akteuren und gerade auch von Unternehmen behauptet wird“.

Die Verschwendung hat aber noch einen anderen Grund: Trotz des Wehklagens der Verbände über die Ökosteuer und über zu hohe Strompreise spielen Energiekosten für die meisten Unternehmen eine verschwindende Rolle. Im verarbeitenden Gewerbe schlagen sie mit gerade einmal 1,6 Prozent der Gesamtkosten zu Buche. Peanuts. „Darum“, sagt der Unternehmensberater Hartmut Fischer, „kümmert sich kein Chef.“

Haushalte belastet die Energierechnung zwar stärker; fast vier Prozent seines Budgets gibt der Durchschnittsdeutsche für Öl, Gas und Strom aus. Aber gespart wird trotzdem nicht. Andreas Fußer, Geschäftsführer des badischen Stromanbieters Naturenergie, weiß davon zu berichten: Früher schenkte der Ökostrom-Anbieter neuen Kunden einen kleinen Kasten, der den Standby-Verbrauch von TV- oder anderen Hifi-Geräten verschwinden lässt und so die jährliche Stromrechnung um rund neun Euro entlastet. Mittlerweile können Neuankömmlinge zwischen diesem Stromsparer und einem solar betriebenen Milchaufschäumer wählen. Drei von vier Kunden entscheiden sich für den schicken Küchenhelfer. Geiz ist geil? „Nicht im Energiebereich“, sagt Fußer.

Wer weiß schon, dass allein der Standby-Betrieb sämtlicher Elektrogeräte eines durchschnittlich ausgestatteten Haushalts jährlich rund 70 Euro kostet? Was sich bundesweit auf mehr als 2 Milliarden Euro summiert – und zwei Kernkraftwerke beschäftigt.

An den Produkten angebrachte Energiespar-Labels könnten den Millionen Laien die Orientierung erleichtern. Aber auf welche Vielfalt trifft der Konsument! Auf einen Blauen Engel, auf eine europäische Margerite, auf den Eco-Kreis und den Energy Star, auf das Gefa- und das Eurolabel. „Dschungel“, nennt das Joachim Frielingsdorf, Sprecher der nordrhein-westfälischen Energieagentur.

Zu allem Übel sind manche Aufkleber schlicht überholt. Kühlschränke müssen laut einer EU-Richtlinie in Effizienzklassen von A bis G eingeteilt werden. Das A sollte den sparsamsten Geräten vorbehalten sein. Sollte. Doch die Referenzwerte für effiziente Geräte stammen aus Messungen von 1992. Weil sich die Technik seither weiterentwickelt hat, überwiegen heute die A-Klasse-Geräte – mit enormen Unterschieden beim Verbrauch. Weil eine neue Klassifizierung ein langwieriges Politikum ist, hat Brüssel die Hersteller animiert, freiwillig rascher für mehr Transparenz zu sorgen. Spitzenprodukte tragen nun die Auszeichnung Energy+ – manchmal aber auch Super A oder A+. Die organisierte Verwirrung.

Auch die Energieeinsparverordnung für Wohnhäuser ist umstritten. Jeder Parksünder wird verfolgt, aber niemand prüft, ob Hauswände vorschriftsmäßig gedämmt sind. Pfusch am Bau, der normale Alltag, sorgt regelmäßig für eine Zielverfehlung um bis zu 20 Prozent. „Wir stehen staunend da und sehen, wie die Dinge an uns vorbeilaufen“, klagt Werner Eicke-Hennig, Leiter des hessischen Impulsprogramms zur rationellen Stromnutzung und Niedrigenergiebauweise.

Es ist verflixt. Während die Deutschen, ökologisch korrekt, selbstlos ihren Müll trennen, verprassen sie zulasten der Umwelt und ihres Geldbeutels die teure Energie. Eine Enquete-Kommission des Bundestages stellte deshalb kürzlich fest, was bereits unzählige Expertisen vor ihr konstatiert hatten: „Es gibt keinen energiewirtschaftlich bedeutsamen Sektor, in dem nicht noch erhebliche technische Potenziale zur Energieproduktivitätssteigerung existieren.“

Schon vor vier Jahren kündigte die Bundesregierung an, Effizienz sei ihr wichtiger als Erzeugung. Doch laut Peter Hennicke, Präsident des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie, hat sie dieser Einsicht kaum Taten folgen lassen. Hennicke hält deswegen sogar das Scheitern des Atomausstiegs für möglich. Ohne mehr Effizienz bleibe die Rede von der Unumkehrbarkeit des Ausstiegs nur „Gerede“.

Immerhin rang sich Rot-Grün zur Gründung der Deutschen Energie Agentur (Dena) durch. Die GmbH, die sich als „Kompetenzzentrum für Energieeffizienz“ versteht, verfügt mit einem Etat von 17 Millionen Euro indes nur über einen Bruchteil des Geldes, das die Politik beispielsweise für den Steinkohlebergbau locker macht. Mit seinem Stab von 42 Mitarbeitern kämpft Dena-Chef Kohler nun gegen den größten Feind der Effizienz: die Unkenntnis.

Sinnvoll, aber nicht genug, meint Hennicke. Um die Verschwendungssucht zu bekämpfen, bedürfe es auch finanzieller Anreize. Ein Fonds von einer Milliarde Euro, so Hennickes Kalkül, könne der Volkswirtschaft Energiekosten in Höhe von 3,7 Milliarden Euro ersparen. Bisher will die Regierung davon nichts wissen. Gut möglich aber, dass sie sich schon bald damit auseinander setzen muss: Die EU-Kommission bastelt an einer Effizienz-Richtlinie.

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