Als wäre nichts geschehen: Am Dienstag parlierten Tony Blair und Jacques Chirac im Rathaus von Le Touquet ausgiebig über Flugzeugträger und sonstiges Kriegsgerät, ausgerechnet im Hochzeitszimmer. In trauter Zweisamkeit feilten derweil Londons Finanzminister Gordon Brown und Hans Eichel an einem deutsch-britischen Papier zur Liberalisierung Europas. Und Gerhard Schröder mag in Gedanken schon beim Strandspaziergang am kommenden Dienstag sein, wenn er sich in betont entspannter Atmosphäre mit Spaniens Ministerpräsident José María Aznar auf Lanzarote trifft. Man sieht sich, europäisches Tagesgeschäft halt. © ZEIT-Grafik

Doch ist seit Mittwoch vergangener Woche nichts mehr, wie es war. Dafür genügte ein Aufruf mit dem unschuldigen Titel Europa und Amerika müssen zusammenstehen. Unterzeichnet von acht europäischen Regierungschefs von Portugal bis Polen, drei weitere folgten nach, und abgedruckt im Wall Street Journal und etlichen anderen Blättern. Seither wird Shakespeare gegeben im Hause Europa, ganz ohne Blut, ein Königsdrama wie für die Bäckerblume: Lancaster gegen York, das neue Europa wagt den Aufstand gegen das alte, als hätte Amerikas Verteidigungsminister Donald Rumsfeld da Regie geführt. Blair haut Schröder, Aznar zaust Chirac, Berlusconi macht mit, und Polens Premier Miller spuckt in die Hände. Es geht um einen nahenden Krieg und manch alte Rechnung. Und um eine Todesanzeige für die gemeinsame europäische Außenpolitik.

Die Spanier schreiben den Brief, die Briten redigieren

„Wir haben alle einen Kater“, sagt ein hoher Diplomat eines kleinen Mitgliedslandes. Globaler Einfluss, zivile Großmacht – solche Blütenträume sind in Brüssel erst einmal zerstoben. Zwar verabschiedeten die EU-Außenminister noch Anfang vergangener Woche auf einer Routinesitzung brav eine gemeinsame Erklärung: „Die Inspektoren im Irak brauchen mehr Zeit.“ Doch heute ist allen klar: Einigkeit ist nur ein schöner Schein in einem Europa, wo eine Hand voll Chefs hinter der Bühne an einem „Meuchelbrief“ (so ein Brüsseler Diplomat) arbeiten, vorbei an allen gemeinsamen Gremien und guten Gepflogenheiten – und gegen den Geist ihrer eigenen Grundverträge.

Wer steckt hinter dem Coup, hat womöglich das Weiße Haus selbst für diese Uneinigkeit gesorgt? Jener Autor, der das Copyright auf die Idee anmeldet, weist diese Sicht der Dinge empört zurück. „Wir brauchen kein Weißes Haus, um auf Ideen für Geschichten zu kommen“, sagt Mike Gonzales, Redakteur beim Wall Street Journal. Er schwört Stein und Bein, dass er und seine Kollegen in den Vorzimmern von Berlusconi, Aznar und Blair angerufen und ganz einfach um einen Meinungsbeitrag gebeten hätten. Zur provokanten Frage: „Wollt ihr wirklich Deutschland und Frankreich für ganz Europa sprechen lassen?“

Zunächst lehnte Alistair Campbell, Berater und Sprecher von Großbritanniens Premier Tony Blair, das Anliegen ab. Doch ein paar Tage später bekommt der Journalist Gonzales einen Anruf. „Hier Madrid.“ Wenig später folgt der Text. Da wittern die Strategen in Downing Street eine unglaubliche Chance: Statt wie ein einsamer Falke zwischen den Kontinenten zu schweben, könnte sich Blair so zum Führer des neuen Europa emporschwingen. Das aber setzt zweierlei voraus: Mehr Mitstreiter und eine generalstabsmäßige Planung des Coups. Und bloß keine Verschwörermienen, bei den vielen Treffs von Freunden und Freunden.

Also: Die Spanier schreiben, die Briten redigieren. „Da gab es mehr als nur ein paar Korrekturen eines Muttersprachlers“, sagt ein britischer Diplomat. An mindestens zwei Stellen klingt der Text am Ende wie die State-of-the-Union-Rede von US-Präsident Bush in derselben Woche. Keine Rede von mehr Zeit für die Inspektoren.

Italiens Regierungschef Berlusconi unterschreibt – gegen den Willen von Präsident Ciampi – kurz vor seinem Abflug nach Washington. Aznar kümmert sich unterdes um die Signatur seines konservativen portugiesischen Kollegen. Den Rest besorgt Blair. Zunächst versuchte der Brite es bei seinem holländischen Kollegen Jan Peter Balkenende – vergeblich. Da zum Zeitpunkt der Anfrage erst zwei Unterschriften vorliegen, bekommt der Christdemokrat kalte Füße und entschuldigt sich mit schwebenden Koalitionsverhandlungen. Mehr Erfolg bringt der nächste Versuch: Der Pole Leszek Miller kann nicht schnell genug zum Füllhalter greifen, auch der Däne Anders Fogh Rasmussen macht nicht viel Federlesens. „Dem ist wohl sein erfolgreicher EU-Gipfel von Kopenhagen zu Kopf gestiegen“, zürnt ein nordischer EU-Diplomat – Schweden und Finnen werden, weil Nato-neutral, erst gar nicht gefragt.