FilmDie unsinkbare Republik

Wolfgang Beckers Tragikomödie „Good Bye, Lenin!“ kennt viele Arten von Gelächter von E.Finger

Es war der Traum jedes Staatsbürgerkundelehrers, die bange, als Gewissheit getarnte Hoffnung der Parteisekretäre, die große Sehnsucht, die über den Fahnenappellen schwebte: am Ende Recht zu behalten. Darum ging es doch letztlich beim Histomat: aufs richtige Pferd gesetzt zu haben. Und an die eigene Überzeugung glauben zu lernen. Das Pferd namens Linke Systemalternative brach zwar während des Rennens zusammen, aber ist das nicht der beste Beweis gewesen, dass es genau das richtige Pferd war? Eine verwirklichte Utopie wäre ja keine Utopie. Dieser einfache Gedanke ist den meisten Menschen im Westen bis heute fremd. Sie glauben das Rennen gewonnen zu haben, deshalb fühlen die heimlichen Sieger im Osten sich nach wie vor ein wenig unverstanden. Das hat der Drehbuchautor Bernd Lichtenberg erkannt und beschlossen, den vermeintlichen Verlierern endlich Genugtuung zu verschaffen.

Er erfüllt ihnen in Good Bye, Lenin! den alten Staatsbürgerkundelehrertraum und stellt sich einen Kinomoment lang vor, die DDR hätte im Herbst 1989 ihre Grenzen geöffnet, um Zehntausenden ausreisewilligen BRD-Bürgern Einlass zu gewähren. Menschen mit wirrem Haar klettern über die Mauer, werden von Fremden euphorisch umarmt. Nur dass es diesmal der Nachrichtensprecher der Aktuellen Kamera sein wird, der mit einem kaum merklichen selbstgefälligen Vibrieren in der Stimme sagt: „Endlich!“ Endlich haben auch unsere Nachbarn im Westen gemerkt, dass Konsum nicht alles ist!

Die kleine Geschichtskorrektur ist in dem neuen Film von Wolfgang Becker der groteske Gipfel eines eher harmlosen Täuschungsmanövers. Denn auf eine satirische Peripetie, auf die Entlarvung der Wirklichkeit als Mangel will die Komödie hinaus. Sie handelt von einem Jungen, der den Zusammenbruch der DDR vor seiner kranken Mutter geheim hält. Frau Kerner nämlich (eine Zweihundertprozentige, wie man damals gesagt hätte) lag im Koma, als die Mauer fiel, erst im Sommer 1990 wacht sie wieder auf. Zu schwach, dass sie den Zusammenbruch der vertrauten Welt überleben würde, doch bald gesund genug, um einen Fernseher ans Bett zu fordern. Nun gilt es, nicht nur die gewohnte HO-Verpflegung heranzuschaffen und holländisches Gemüse in Spreewaldgurkengläser zu füllen, sondern auch den entsprechenden Überbau zu fälschen. Daniel Brühl als Sohnemann Alex und Florian Lukas als Sportsfreund Denis erfinden ein DDR-Fernsehen, das die schönsten und schlimmsten Weltverbesserungspläne der SED wahr werden lässt. Wenn Denis sich ins Dederonjacket zwängt und die unglaublichsten politischen Tauwettermeldungen unter seinem albernen Schnauzer hervorfistelt, wenn dieser grundgütige Hanswurst mit der Abgeklärtheit eines späten Lenin den Festspielcharakter der Revolution preist, dann nimmt der „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, die lahme Chimäre aus den 89er Rundtischgesprächen, für einen Augenblick Gestalt an.

Good Bye, Lenin! ist ein heiter-dissonanter Grabgesang auf die Jahrhundertleiche Kommunismus, aber auch ein Trauermarsch für die Hinterbliebenen aller Länder. Indem der Film das historisch Verbürgte ins Absurde steigert, indem er mit winzigen Tricks die dokumentarischen Aufnahmen vom Mauerfall als Beweismaterial für eine schwejksche Lügengeschichte benutzt, greift er auch die gegenwärtigen Verhältnisse an. Wolfgang Becker und Bernd Lichtenberg kehren den tatsächlichen Gang der Dinge um und rufen uns in Erinnerung, dass es vor kurzem noch geteilte Ansichten über den gesetzmäßigen Gang der Dinge gab. So widersetzen die Filmemacher sich dem Konsens von der Zwangsläufigkeit des Kapitalismus. So schüren sie den Verdacht, dass – trotz der marxistischen Geschichtstheorie und trotz des Etappensiegs des Westens – weiterhin durchaus keine Ordnung herrscht. Mithilfe historischer Fernsehbilder zeigt uns Becker das Misslingen (Erich Honecker) und den Triumph (Helmut Kohl) in ganz ähnlicher törichter Selbstgefälligkeit. Man ahnt, dass das Scheitern des Sozialismus womöglich bloß Teil eines umfassenderen, unaufhörlichen Scheiterns sein könnte. Da lauert die Lebensmüdigkeit aus Beckers spröder Großstadtelegie Das Leben ist eine Baustelle gleich unter der Oberfläche seines neuen Films.

Der Abschied von der Revolution soll so brutal und so schmalzig sein wie jeder andere Abschied auch. Das Schöne an diesem halb sentimentalen, halb sarkastischen Film sind jedenfalls die vielen Arten von Gelächter, die er erzeugt: herzhaftes und höhnisches, verständnisvolles und kaltes. Lachen des Wiedererkennens, aber auch ein paar Tränen der Rührung. Das Ende der DDR ist im Laufe der letzten 13 Jahre ja sukzessive vom Zankapfel zum Schmunzelthema herabgesunken. Erinnert sich noch jemand an die armdicken Stasi-Akten, die man sich zu Beginn der neunziger Jahre um die Ohren schlug? An die messerscharfen Formulierungen, mit denen der deutsch-deutsche Literaturstreit ausgefochten wurde? Mittlerweile haben die Zonenkinder das Wort ergriffen und berichten ihren staunenden Freunden in Duisburg, wie das damals so war in der heilen Welt der Diktatur: als es nur eine Sorte Jogurt gab, aber dafür ausschließlich pädagogisch wertvolle Bücher, und als man 20 Liegestütze mit Gasmaske machen musste, wenn man im Zivilverteidigungsunterricht geschwatzt hatte. Der bislang erfolgreichste Film über die DDR, Leander Haußmanns Sonnenallee, war ein Schmierenkabarett mit Schunkelmusik. Das momentan erfolgreichste Buch über die DDR, Jana Hensels Zonenkinder, ist ein Museum spätsozialistischer Alltagskultur. Auch Good Bye, Lenin! spart nicht mit allerlei Gerümpel aus volkseigener Produktion. Während der ersten 20 Minuten fürchtet man, wieder in eine dröge Aufzählveranstaltung hineingeraten zu sein, die sich den Sozialismus aus Pionierhalstüchern, Plattenbauten und naivem Liedgut zusammenreimt. Noch eine Ossi-Party, der die großen Themen (Revolution und Repression, Utopie und Ideologie) egal sind?

Aus dem Off erzählt die Stimme der Hauptfigur in kurzen Zügen gut zehn Jahre DDR-Geschichte, verkürzt auf eine Familientragikomödie. Zuschauen ist hier, als blätterte man im Fotoalbum und hörte dazu Kommentare in Thomas Brussigs schnoddrigem Helden-wie-wir-Ton. Aber das Possierliche der Erzählsituation wird konterkariert durch den liebevollen Ernst, mit dem Becker seine Figuren führt. Die großartigen Darsteller kippen die Burleske in eine angenehme Schräglage: zwischen Trauer und Zorn, Galgenhumor und Hysterie. Da wird die realistische Schrebergartenperspektive der Zonenkinderliteratur durch eine surrealistische Sichtweise ersetzt. Aufregend sind aber nicht die technischen Reminiszenzen an Stanley Kubricks 2001, sondern Allegorien wie jener riesige Lenin-Torso, der plötzlich über der postsozialistischen Übergangsgesellschaft schwebt. Ein Stück Denkmal, am Hubschrauber hängend, auf dem Weg in die Versenkung, noch einmal den Arm ausstreckend, die Richtung weisend in eine nun endgültig unerreichbare Ferne.

Dass die bis zur Neurose linientreue Figur der Mutter am Ende ins Unglaubwürdige verbogen wird, stört kaum. Letztlich geht es in Good Bye, Lenin! ja weniger um psychologische Plausibilität einzelner Figuren als um den psychologischen Epochenbefund. Der Film deutet die enorme Verdrängungsleistung an, die eine politische Wende erfordert. Da stürzt ein Land von einer Ehe in die nächste, raus aus der 40 Jahre lang mühsam eingerichteten Wohnung, rein ins nächste Spießerparadies. Doch zum Schluss gibt es für alle ostdeutschen Zuschauer ein Trostpflaster: Sigmund Jähn, Held der sozialistischen Raumfahrt und Beweis für die gelegentliche Überlegenheit des Ostens, wird Staatsratsvorsitzender. Selbstbehauptung kann nie schaden. Denn solange die DDR als Erfahrung noch existiert, ist der Systemvergleich nicht abgeschlossen. Wie singt die Bolschewistische Kurkapelle in ihrem aktuellen Programm: „Wir grüßen dich, Genosse Jähn, roter General! Mit Friedensgrüßen im Gepäck warst du für uns im All.“

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