INTERVIEW Krise, hausgemacht

Die Reisebranche hofft auf einen kurzen Irak-Krieg, nach dessen Ende die Leute so schnell wie möglich wieder in ferne Länder reisen werden. Es sieht nun ja danach aus, dass sich die Konfrontation in die Länge zieht..

…und das ist auch nicht gut für die Reiseveranstalter. Aber: Die schlechte Buchungslage momentan hat nichts mit einem drohenden Irak-Krieg zu tun. Der Wirtschaft geht es schlecht. Die Menschen haben weniger in ihrer Lohntüte und sind zunehmend verunsichert. Und darauf hat die Reisebranche nicht reagiert.

Aber die Reiseveranstalter haben die Preise doch gesenkt. War das falsch?

Es kam viel zu spät. Es war ein historischer Fehler nach Djerba und Bali, nicht rechtzeitig mit den Preisen runtergegangen zu sein. Zu sagen: Macht nichts, wenn wir ein paar Touristen weniger haben, Hauptsache, die Kasse stimmt, ist eine Rechnung, die nicht aufgeht. Dadurch ist der Mythos zerstört worden, dass Urlaub ein unverzichtbares Gut sei. Wahrscheinlich für immer. Wer zuerst an die Börse denkt, wer vor allem die Analysten zufrieden stellen will, könnte die Kunden aus den Augen verlieren. Die Reisen sind erst in dem Moment verschleudert worden, als die Leute sich schon entschieden hatten, nicht mehr zu verreisen.

Und was ist mit der Angst?

Die Menschen bleiben im Moment zu Hause, nicht weil sie Angst vorm Fliegen oder vor Anschlägen haben. Die Leute bleiben in Deutschland, weil sie Angst vor der wirtschaftlichen Zukunft haben.

Was also sollten die Veranstalter tun?

Den Kunden zurückgewinnen. Aber das ist ein langer Prozess. Nur auf Billigurlaube zu setzen ist Quatsch. Ein Urlaub muss einen entsprechenden Preis haben, sonst verliert er in den Augen der Kunden seinen Wert. Schauen Sie sich nur einmal die Billigflieger an. Da können Sie für 19,99 Euro nach Pisa fliegen, dann nehmen Sie sich dort noch ein Billighotel, weil es das ja auch gibt. Das können sie jedes Wochenende machen, das ist preiswerter als ein Kneipenbesuch um die Ecke. Aber wohin soll das führen? Die Leute haben dann weniger Geld für einen richtigen Urlaub.

Welcher Weg führt aus der Falle?

Ein richtiger Schritt ist die Umtauschgarantie, die eingeführt wurde. Das heißt, wenn ich einen Urlaub in die Türkei gebucht habe, dort aber etwas passiert, ein Anschlag, oder mir die Nähe zum Irak im Kriegsfall nicht gefällt, kann ich sofort kostenlos umbuchen. Ein anderer Schritt wäre, Reisegutscheine auszugeben. Der Kunde tritt von einer Reise zurück und bekommt für einen Teil der Stornogebühr einen Bon, den er später für eine andere Reise einlösen kann. Das wäre echte Kundenbindung. Stattdessen tobt ein kurzsichtiger Preiskampf. Alltours, air marin und Tjaereborg fechten momentan um die Preisführerschaft: Wer ist der billigste Reiseanbieter im Land. Alltours kann die Preise weit senken, die Firma hat keine Aktionäre im Nacken und kann schon mal auf ein hohes Jahresendergebnis verzichten. Nur langfristig schadet das der Branche, auch Alltours selbst.

Wie sehen die Szenarien der Reiseveranstalter im Falle eines Krieges aus?

Die Veranstalter ziehen Parallelen zum Golfkrieg von 1991 und sagen: Sechs Wochen Krieg, dann reisen die Leute wieder, und alles wird schön. Aber dafür müsste, wie gesagt, auch die wirtschaftliche Situation wieder besser werden. Außerdem kehrt mit dem Krieg die Angst zurück. Die Veranstalter denken, das alles sei kein Problem, buchen wir die Leute eben nach Spanien um, dort gibt es genug leer stehende Betten. Was aber, wenn der Krieg nicht auf den Irak beschränkt bleibt? Was, wenn es Anschläge in anderen Gebieten gibt? In Paris oder in London? Dann bleiben die Leute – Wirtschaft hin oder her – lieber in ihren eigenen vier Wänden. Deshalb ist man selbst bei der TUI vorsichtig geworden: Bis vor kurzem sprach man dort von einer »Delle«, was die Krise betrifft. Jetzt sagt Vorstandschef Michael Frenzel, er gebe für dieses Jahr keine Prognose ab.

Hat die Reisebranche überhaupt eine Chance, die Krise zu überstehen?

Längerfristig ist auf jeden Fall das Reisepotenzial vorhanden. Aber es ist ein Märchen, zu glauben, dass sich nach dem Irak-Krieg sofort etwas zum Besseren ändert.

Interview: Franz Lenze

 
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