Die ZEIT-Schülerbibliothek (15) Lauter Instettens, überall

Eine Mutter, 38, verheiratet Knall auf Fall ihre Tochter, 17, an einen Beamten, 38, der sich früher einmal erfolglos um ihre eigene Hand beworben hatte und also gut der Vater seiner jungen Ehefrau sein könnte. Ja, wo sind wir denn hier? Offenbar in der Steinzeit der Emanzipation. Und folgerichtig hat die 17-Jährige, in die öde Pommersche Provinz verschleppt, ein eher oberflächliches Verhältnis zu einem schneidigen Exoffizier. Als jedoch nach beinahe sieben Jahren der Ehemann durch einen Zufall von dem längst Geschichte gewordenen Seitensprung erfährt, schießt er den Offizier tot, verstößt seine Frau und trennt sie von ihrer Tochter. Wie gesagt: Steinzeit.

Und es besteht doch wirklich kein Bedarf, junge Leser mit Schilderungen aus der Früh- oder Vorgeschichte des moralischen Menschen zu behelligen, nicht wahr? Lassen wir also die ewigen Onkel und Tanten weiter über Herrn Fontanes Roman Tränen der Rührung vergießen, und verschonen wir diese und künftige Lesergenerationen mit Effis Backfischtum, Instettens Ehrpusseligkeit und des alten Briest bis zum absoluten Geht-nicht-mehr wiedergekäuten Spruch: „Das ist ein weites Feld.“

Ich bin damit einverstanden. Im Ernst. Wer Fontanes großartigen Roman als Sittengemälde einer untergegangenen Epoche liest oder seine Lektüre in dieser Weise anleitet, der hat nicht viel davon verstanden und behalte seine pädagogischen Handreichungen besser für sich. Denn Effi Briest spielt zwar im preußisch-wilhelminischen Zeitalter, seine Figuren aber sind von bestürzender Gegenwärtigkeit.

Und zwar alle! Voran Effi. Unlängst sang eine Girlgroup (ich übersetze): „Wenn sie wüsste, was sie wollte, dann könnten wir’s ihr geben.“ Das negative Motto der Gegenwart – und Effi ist die Urfigur dieses Bewusstseins. Man hat sie, freilich mit Absicht, in einem unbedarft-kindlichen Stadium belassen, um sie dann urplötzlich den härtesten Konventionen der Gesellschaft auszuliefern. Bewusst lässt man sie ohne eine reifen Plan ihrer selbst – damit man besser mit ihr planen kann. Effi weiß nicht, kann nicht wissen, was sie will; daher macht sie das jeweils nächste so mit. Oberflächlich und ohne rechte Überzeugung. Natürlich geht alles schief. Vor 100 Jahren stirbt man daran, heute wird man ein unglücklicher Konsument.

Oder Instetten. Er hätte es in der Hand, den sechs Jahre zurückliegenden Seitensprung seiner Frau (an dem er mindestens so viel Schuld trägt wie sie selbst) zumindest so lange unerwähnt zu lassen, bis er sich ein eigenes Bild davon gemacht hätte, was ihm wirklich genommen und inwieweit er wirklich verletzt worden ist. Tut er aber nicht. Stattdessen legt er die miserabelste Nummer hin, die einer in dieser Lage nur abliefern kann: Er bittet, seine Entscheidungsschwäche mutig eingestehend, einen Bekannten um Rat. Beide sind der Ansicht, dass der Fall nicht dramatisch ist; so hoch kann selbst ein Ministerialdirektor die öffentliche Moral nicht schätzen. Aber dann sind sich die beiden plötzlich darin einig, dass es doch sein muss, und zwar: weil der Betrogene sich jemandem anvertraut hat. Und wenn es einmal heraus ist – ach, man weiß ja, wie die Leute sind! –, da schießt man doch besser wen tot und wirft seine Frau aus dem Haus et cetera, et cetera.

Duelle, die gibt es heute nicht mehr. Aber alles andere und nicht als Ausnahme, sondern als Normalfall. Die öffentlichen Regeln gering schätzen, die Konventionen innerlich tief verachten und doch selbst keine Ahnung davon haben, wie es anders zugehen könnte – das ist das zeitgenössische Bewusstsein. Nichts wirklich gut finden und genau deswegen das letztlich Angesagte irgendwie mitmachen. Unglücklich sein und nichts dagegen tun. Lauter Instettens überall, lauter Effis zumal.

Und das alles kann dieser Fontane erzählen, in einem Tonfall, der über weite Strecken scheinbar so obenhin ist wie seine Figuren. Scheinbar, denn es gelingt ihm das Kunststück, die „tausend Finessen“ der künstlerischen Gestaltung, ein dichtes Gewebe von An- und Vorausdeutungen, nur so eben unter dem Mantel einer sich wie von selbst entwickelnden Geschichte hervorsehen zu lassen. Fontane ist ein Meister darin, den Stoff und seine Gestaltung eins werden zu lassen. Jeder seiner Sätze ist ein offenbares Geheimnis. Wer wissen will, was der so genannte Realismus sein kann (und sollte), muss das gelesen haben.

 
  • Serie schuelerbibliothek
  • Quelle (c) DIE ZEIT 07/2003
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