Die A438 führt aus der mittelenglischen Marktstadt Hereford in die walisischen Berge. Man muss aufpassen, die Abzweigung nach Credenhill nicht zu verpassen. Der Ortsname steht in kleinen Buchstaben an der Weggabelung, von der aus sich eine unscheinbare Straße durch regenfeuchtes Weideland windet. Nach gut zwei Kilometern taucht eine Ansammlung von zwölf größeren und zwei Dutzend kleineren Gebäuden auf, deren Bezeichnung auf keinem Plan vermerkt ist. Auf Luftverkehrskarten ist das mysteriöse Areal als Sperrzone markiert; es ist von einem doppelten Sicherheitszaun eingefasst, auf einer Tafel steht: "Diese Einrichtung unterliegt den Geheimhaltungsgesetzen von 1911 und 1933. Fotografieren und Anfertigung von Skizzen verboten".

Hier haben geheimnisumwitterte Kämpfer ihr Zuhause, die schattenhaften "Killer im Dienst der Queen", wie sie einer ihrer ehemaligen Offiziere genannt hat: das SAS, das 22. Special Air Service Regiment. Eine Elitegruppe, nur 250 Mann stark, die überall, wo es kriselt und kracht in der Welt, im Namen Großbritanniens zum Einsatz kommt. Im Kampf gegen Terrorismus ist die Einheit die am meisten gefürchtete britische Waffe. In einem erneuten Konflikt mit dem Irak wird sie gewiss eine maßgebende Rolle spielen – ähnlich wie im Golfkrieg 1991, als hinter feindlichen Linien abgesetzte SAS-Kommandos irakische Fernmeldeverbindungen zerstörten und alliierte Kampfbomber auf Scud-Raketen ansetzten. Es gibt Hinweise aus London, dass SAS-Kämpfer bereits im Irak unterwegs sind. Diesmal könnten die Soldaten für Anschläge auf die Machtelite eingesetzt werden, unter Umständen sogar gegen Saddam Hussein.

Mit dieser Truppe mischt Großbritannien militärisch in der Weltpolitik mit und nimmt Einfluss auf internationale Konflikte. Die SAS-Soldaten bilden die machtpolitische Stütze eines Landes, dessen Streitkräfte trotz mancher Pannen nationale Identität stiften. Nur ganz selten erhascht die Öffentlichkeit einen Blick auf die Aktionen des Regiments, das von britischen Medien so gut wie nie kritisch beleuchtet wird. Wer sich mit dem SAS anlegt, macht sich sehr schnell einflussreiche Feinde bis in die höchsten Etagen der Politik.

Im Herbst 2001 nahmen Fernsehteams in Afghanistan Briten auf, die Arabertücher ums Gesicht geschlungen hatten, jedoch durch ihre weißen Landrover als Militärpersonal zu erkennen waren. Das Londoner Verteidigungsministerium identifizierte sie nur als "Kämpfer mit Spezialfähigkeiten". Im Oktober 2002 vergab die Regierung zwölf hohe militärische Auszeichnungen "für Tapferkeit und hervorragende Pflichterfüllung" zu Zeiten des Afghanistan-Krieges. Die Empfänger blieben anonym. Weder ihr Rang noch ihr Regiment wurde genannt. Alles spricht dafür, dass es SAS-Soldaten waren.

Vor mehr als 20 Jahren, am 5. Mai 1980, wurde das SAS bei einem Sturmangriff auf die Londoner Botschaft des Iran aus umliegenden Häusern gefilmt und fotografiert. Der britische Geheimdienst konfiszierte die Filme und zerstörte die Negative. Das Botschaftsgebäude war von sechs Mitgliedern einer Tarnorganisation des Irak besetzt worden. Die Terroristen waren mit irakischen Pässen in Großbritannien eingereist. Der Irak hatte sie ausgebildet, finanziert und mit Waffen versorgt. Nach sechs Tagen vergeblicher Bemühungen um eine friedliche Beilegung trat der Polizeichef von London das Kommando auf Geheiß Margaret Thatchers an den Befehlshaber des SAS ab. Die Elitesoldaten seilten sich vermummt vom Dach der Botschaft ab, sprengten die schusssicheren Fenster aus ihren Rahmen, warfen Rauchbomben und Schockgranaten in die Räume und sprangen in das Gebäude, das gerade zu brennen begann.

"Wenn das SAS in Aktion tritt, muss man mit Toten rechnen"

Robin Horsfall war einer der SAS-Soldaten, die damals an der Erstürmung teilnahmen. Er ist 45 Jahre alt, immer noch athletisch gebaut und immer noch begeistert von der Aktion. "Man hatte uns klar gemacht", erinnert er sich, "dass wir vor dem Gesetz für unsere Aktionen selbst verantwortlich sein würden, wie Polizisten. Eigentlich ein Witz. Polizisten haben eine völlig andere mentale Einstellung. Sie werden nicht dafür ausgebildet, Leute umzulegen. Wir wurden darauf gedrillt, zu töten. Wenn das SAS in Aktion tritt, muss man sich damit abfinden, dass es Tote gibt. Wir wollten die Terroristen killen. Wir hofften, dass sie sich nicht ergeben würden. Dafür lebten wir, dafür hatten wir trainiert."

In 17 Minuten waren 22 von 23 Geiseln befreit und fünf der sechs Terroristen erschossen. Horsfall selbst hatte einen der Terroristen getötet; das Botschaftsgebäude sah aus wie nach einem Bombenangriff. Ein Soldat schickte sich an, den einzigen überlebenden Terroristen, als der gefesselt auf dem Rasen vor dem Haus lag, zurück in das brennende Gebäude zu führen und zu exekutieren. Horsfall legte seinem Kameraden die Hand auf die Schulter und sagte: "Komm, leg den Mann wieder hin." Das geschah nicht aus Mitleid. Es hatte einen Befehl gegeben: möglichst wenig Tote, auf allen Seiten.