Selten ist der moderne Mensch dem anderen so nah wie im Kino. Selten wünscht er sich so intensiv, er wäre dem anderen nie begegnet. Während der Film alle technischen Möglichkeiten aufbietet, eine farbigere Welt zu zeigen, soll die graue Realität draußen bleiben. Tut sie aber nicht. Die Realität sitzt eine Reihe weiter. Dort wird geredet, gelacht, geküsst. Dort knistert die Chipstüte. Während der eine in die Leinwand kriechen möchte, greift der andere ungerührt ins Popcorn. Im Kino wird der Nachbar zum Störfall. Eine Aufstellung der üblichen Verdächtigen:

DER PLATZKARTENSPIESSER: Hat eigentlich alles richtig gemacht. Schon um 18 Uhr die Karte für die 20-Uhr-Vorstellung gekauft, natürlich an einem Kinotag in einem Multiplex. Das ist billiger. Dabei an der Kasse gefragt, wie lang der Werbeblock ist. Nach Beratung mit der freundlichen Servicekraft die wirklich schönsten Plätze ausgesucht. Stolz wie ein Frühbucher, der schon zwei Monate vor Abflug weiß, dass er 40 Minuten nach dem Start eine vegetarische Mahlzeit bekommen wird. Alles geregelt. Dann noch einkaufen oder essen gegangen. Nun betritt er exakt zu Beginn des Hauptfilms, vielleicht mit Einkaufstüten, weil die Zeit nicht reichte, die Sachen zum Wagen zu bringen, in den Saal und trifft in Reihe 10, auf Platz 26, auf seinen natürlichen Feind: den Platzkarten-Anarchisten.

Der Platzkarten-Anarchist hat sich den Sessel schon warm gesessen und betrachtet ihn spätestens ab Erscheinen des Produktionsfirmenlogos als seinen angestammten Erlebnisraum. Der Platzkartenspießer nähert sich mit gesenkter Stimme. (»Entschuldigen Sie…«). Der Anarchist reagiert zunächst einsilbig, verweist auf andere freie Plätze und macht keine Anstalten, sich zu erheben. Während die ersten Szenen des Films zu sehen sind, entwickelt sich ein erst geflüsterter, dann lauterer (»Oh, Mann, was soll das denn jetzt…?«) Disput, in den bald auch Unbeteiligte eingreifen und nach dessen Ende etwa 100 Zuschauer in den Genuss kommen, gebeugte Gestalten unter gebrummten Verwünschungen durch das Bild laufen zu sehen. Will der Platzkarten-Anarchist daraufhin selbst seinen vorgesehenen Platz in Anspruch nehmen, entsteht eine so genannte Multiplex-Polonaise.

DER MITTE-SITZER: Der halbe Saal ist leer, aber in der Mitte hocken alle aufeinander, das Bild erinnert an ein Diagramm aus einer Statistikvorlesung. Nicht nur in der Politik wollen alle in die Mitte. Auch im Kino hält sich, trotz tennisplatzgroßer Leinwand und Dolby 12.1, der Glaube, die wahre Bestimmung eines Cineasten sei es, dass er seine Mitte finde, um von Bild und Ton stärkstmöglich überwältigt zu werden. Die vorderen Reihen gehören den Kurzsichtigen, die selbst im Dunkeln zu eitel für eine Brille sind, die hinteren Paaren in der Anbahnungsphase. Mitte-Sitzer in Personalunion mit den berüchtigten Schuhausziehern überschreiten schnell den schmalen Grat der allgemeinen Duldung.

DER SITZRIESE: Positioniert sich grundsätzlich genau vor dem Mitte-Sitzer und hält sich bei 2,02 Meter Körpergröße kerzengerade. Trägt zusätzlich hoch gegelte Frisuren oder Kopfbedeckungen, die ihn als Mitglied einer Jugendbewegung ausweisen. Meist gutmütig. Nimmt auf Bitte seiner Mitmenschen eine halb liegende, für ihn anatomisch ungünstige Haltung ein und leidet still. Kann dauerhaft nur in steilen Ranglagen überleben. In Off-Kinos wird der Sitzriese zum Vorbeuger. Dann spürt der Vordermann seinen Atem im Nacken, weiß aber: Das ist immer noch besser, als den Sitzriesen vor sich zu haben.