Seit neuestem leiden wir unter Blitzeis. Was das sei, frage ich meinen Freund F., der immer Antwort weiß: »Wenn’s ganz schnell friert.« Hand aufs Herz: Wer hat je eine Eisschicht gesehen, die fünf Wochen braucht, um glatt zu werden? Die Straße ist nass, die Temperaturen sinken, und zack! So war das schon immer. Blitzeis passt zur allgemeinen Lage der Nation. Es gibt kein Wetter mehr, es gibt die Klimakatastrophe. Temperaturen werden überwacht wie der Blutdruck eines Kranken. Wenn es nicht zu warm ist, dann regnet es zu viel, und das Steigen der berühmt-berüchtigten Pegelstände führt seit letztem August nicht mehr zu Hochwasser, sondern zur »Flutkatastrophe« – biblische Konnotationen sind rein zufällig und haben mit unserem kollektiven Geisteszustand wirklich rein gar nichts zu tun.

Erschütterter Glaube, meint F. Bis vor kurzem noch glaubten wir, in braven, demokratischen Staaten kämen ein paar Dinge nicht vor: Naturkatastrophen, Bürgerkriege, bewaffnete Angriffe auf andere Staaten. Seit dem Regierungswechsel sind wir nicht mehr sicher. Oder vielleicht seit der Jahrtausendwende? Oder doch seit dem Regierungswechsel, dem in Amerika? Nun also Blitzeis. Das klingt nach Blitzkrieg, worunter man sich in Deutschland etwas vorstellen kann: derzeit zum Beispiel den drohenden Irak-Krieg. Allerorten erhitzt er die Gemüter. George W. hat zwar noch nicht mit Saddam kurzen Prozess gemacht, dafür mit dem Schreckgespenst der Politikverdrossenheit. Zur Irak-Frage hat, anders als zu Tschetschenien, jeder eine Meinung. Freund F. und ich ebenfalls: dagegen. Dieser Standpunkt lässt sich primitiv mit Pseudopazifismus plus Amerikafeindlichkeit oder etwas komplexer mit dem Vorrang der Völkerrechtsordnung gegenüber dem Recht des Stärkeren begründen. Aber was zählt, meint F., ist doch Folgendes: Uns wird es nicht umbringen. Was? Stimmt doch.

Aber so was sagt man nicht. Im Zeitalter von Verantwortung und Betroffenheit: dreimal pfui!!! – Mitgefühl? F. schnaubt durch die Nase. Deutschland, sagt er, hat Angst. Vor ein paar Jahren zitterten wir beim Anblick einer Rindswurst wie vor dem Lauf einer 45er Magnum, und Gentomaten bedrohten uns wie Fremde aus dem All. Nun haben wir Parteiengemetzel statt Politik, Antiterrorkoalition statt Weltordnung. Und eben Blitzeis. Phasen, findet F. Alles Erscheinungsformen desselben Phänomens. Sprachregelungen sind die wahren Pegelstände einer Gesellschaft.

Michael Moore hat in wenigen treffenden Bildern etwas Wichtiges über die Mechanismen medial erzeugter und verwalteter Angst gesagt. Sein Film hätte auch Kegeln in Castrop heißen können, behauptet F., aber mag er auch Recht haben – pro bono, contra malum sei dennoch unsere Devise. Andererseits: Gilt unsere Sorge tatsächlich dem irakischen Volk und der Weltordnung im Ganzen? Fragen wir uns mal, woher das Blitzeis kommt in einem so friedlichen und sicheren Land. Diesmal bleibt Freund F. um eine Antwort verlegen.

* Von der Autorin erschien zuletzt: »Die Stille ist ein Geräusch. Eine Fahrt durch Bosnien« (Schöffling Verlag). Nächste Woche schreibt an dieser Stelle: David Wagner