Wir Deutschen haben es schwer mit unserem Image im Ausland. Da haben viele von uns jahrelang für amnesty international sowie Greenpeace und gegen die Stationierung von Cruise-Missiles gekämpft. Haben für Aktion Sühnezeichen gespendet, im ersten Golfkrieg „Kein Blut für Öl“-Laken aus dem Fenster gehängt, Ché-Guevara-Poster an die Schranktür gepinnt und sind „Döschwo-Enten“ von Citroën mit Atomkraft-nein-danke-Aufkleber gefahren. Was hat es genutzt? Gar nichts, jedenfalls nicht in den USA. Die Amis glaubten unverbrüchlich, dass wir Deutschen im Grunde alle verkappte Nazis seien und weiter im Stechschritt marschierten.

Dann trat Schröder Bush vors Knie, gab der US-Regierung freche Widerworte und wollte partout keinen Krieg. Und plötzlich sind wir, wer wollte das noch verstehen, die Guten. Demonstranten im New Yorker Central Park tragen Schilder mit dem Foto unseres Kanzlers und dem Slogan: „Danke, Schröder“. Andere schütteln dem deutschen Gast plötzlich die Hand und gratulieren: „Das finde ich großartig, dass euer Kanzler gegen den Krieg ist.“ Zeitungsverkäufer und Taxifahrer lächeln zustimmend, wenn sie meinen Akzent hören. Redner auf Antikriegskonzerten freuen sich irrsinnig, eine Deutsche zu sehen, und schicken mir ihre Bücher. Wildfremde Menschen, die ich auf irgendwelchen Empfängen treffe, erzählen mir, dass sie gerne Deutsch lernen würden – dann könnten sie endlich deutsche Zeitungen lesen, denn aus ihren Medien erführe man ja nichts. Und Berlin. Ach, Berlin, das sei ja so cool. Prominente, die schwer bis gar nicht erreichbar waren – Oliver Stone, Sean Penn, Norman Mailer –, geben sich in deutschen Redaktionen die Klinke in die Hand. Und die Gespräche, die wir jetzt führen, nehmen auf einmal eine ganz andere Richtung ein. Anstatt endlos über die Nazi-Verstrickungen unserer Großväter zu sinnieren, heißt es: „Den Zitronensaft auf ein Tuch träufeln und vor das Gesicht halten, das hilft gegen Tränengas. Auf ein Tuch! Nicht in die Augen, du Depp.“

Nun ist es höchste Zeit, zu erwähnen, dass ich in New York lebe. In einem gallischen Dorf, das sich ungefähr vom Prospect Park, Brooklyn, bis zur Columbia University zieht. Nördlich davon leben Schwarze und Puertoricaner. Die mochten uns schon vorher, spielen jedoch im politischen Diskurs keine Rolle. Und: Viele in meinem Dorf sind schwule jüdische Kommunisten und hassen Bush. Dieses Stimmungsbild ist also nicht wirklich repräsentativ. Natürlich gibt es auch noch das andere Amerika, das hinter Hoboken, New Jersey, anfängt und im Napa Valley, Kalifornien, endet. Das findet uns natürlich gar nicht gut. Das denkt, wir seien Schlappschwänze, Verräter, undankbar, bestenfalls irregeleitet.

Aber in meinem gallischen Dorf sind wir plötzlich cool. Ein Teil der Moderne. Der richtigen Moderne – Eminem, Michael Moore, HipHop, Mos Def, Tony Kushner. Hier haben uns alle auf einmal lieb. So lange, bis Schröder einknickt.

Eva Schweitzer ist freie Journalistin und lebt in New York